Wohltätigkeits-Veranstaltung auf Nordstrand : Leiter des Kinderheims beim Konzert beschimpft

Sabine Marya und Hans-Heinrich Weiß packen ihre Sachen zusammen, nachdem er des Saales verwiesen wurde.
Sabine Marya und Hans-Heinrich Weiß packen ihre Sachen zusammen, nachdem er des Saales verwiesen wurde.

Stimmung im Keller: Die Bands Zweistimmig & Freunde sowie die Fiesen Friesen waren da, um ohne Gage für den guten Zweck zu spielen. Doch die Wohltätigkeits-Veranstaltung auf Nordstrand misslang.

shz.de von
04. Mai 2015, 13:30 Uhr

Es sollte ein schöner Abend werden, trotz traurigem Hintergrund: Ein Benefiz-Konzert für das Kinderheim St. Franziskus, veranstaltet von Jürgen Pöthau (Nordstrand Events) in der Gaststätte Kiefhuck. Die Bands Zweistimmig & Freunde sowie die Fiesen Friesen waren dort, um ohne Gage für den guten Zweck spielen zu wollen. Jürgen Pöthau begrüßte die Besuchern, darunter auch Mütter, Kinder und Mitarbeiter des Kinderheims. „Am 19. Juli wird das Heim geschlossen, definitiv“, sagte er vor Beginn des Konzerts. Er habe Beate Bäumer vom Erzbistum Hamburg, die den Kontakt zwischen der Landesregierung und dem Erzbischof hält, zu der Veranstaltung eingeladen. „Sie hat allerdings abgelehnt, aus Angst vor Diffamierungen“, so Pöthau.

Er vermisste den Nordstrander Bürgermeister und hoffte, dass er den Termin schlichtweg vergessen habe. Kreispolitiker Nordfrieslands und Landespolitiker hätten abgesagt, die Caritas habe einen anderen Termin und der Erzbischof habe auf die Einladung zum Konzert noch nicht einmal geantwortet. „Nach der Musik haben wir Zeit für Meinungen. Ohne zu pöbeln bitte“, meinte Pöthau zu den Besuchern, der da noch nicht wissen konnte, dass der Abend alles andere als schön werden würde. Stein des Anstoßes war der Kommentar von Ulf Hamann. Der stellvertretende Heimleiter versuchte der Runde klar zu machen, was das Wort Jugendhilfe heißt. „Es ist eine Verweildauer auf Zeit, die Bewohner werden für den Alltag stark gemacht. Wir unterstützen sie dabei. Es ist eine Betreuung auf Zeit, bevor sie uns wieder verlassen.“ Die Jugendämter seien Auftraggeber von den Heimen mit Hilfsplänen, die die Ziele koordinieren.

Hans-Heinrich Weiß, Ehemann von Sabine Marya, Pressesprecherin der Bürgerinitiative für den Erhalt des Kinderheims, brachte der Kommentar zur Weißglut. „Ihr habt nichts getan. Es ist miserabel, was ihr gemacht habt“, ließ er seinem Ärger Luft und wurde im Verlauf seiner Vorwürfe an Ulf Hamann von Jürgen Pöthau des Saales verwiesen. Seine Frau und weitere Besucher gingen mit ihm und die Band Zweistimmig & Freunde meldete sich zu Wort: „Wir werden hier heute nicht spielen, wenn ihr so respektlos miteinander umgeht.“ Christa Formeseyn, engagierte Bürgerin und ehemalige Lehrerin auf Nordstrand, ergriff die Initiative: „Es kann nicht sein, dass Frau Marya und ihr Mann, die sich beide so für das Heim eingesetzt haben, jetzt gehen. Das ist ein Skandal.“ Die Hilflosigkeit von allen im Saal vermengte sich mit Diskussionen.

Ulf Hamann antwortete auf die Unzufriedenheit einiger Mitstreiter: „Ich hätte mir natürlich eine gute Lösung für das Heim gewünscht. Wir liefern eine gute Leistung, die Jugendämter sind immer zufrieden mit uns.“ Hamann arbeitet seit elf Jahren auf Nordstrand, seit dreieinhalb Jahren wohnt er auch mit seiner Familie dort. „Glauben sie mir, ich hatte gehofft, hier auch in Rente zu gehen“, so Ulf Hamann.

Zweistimmig & Freunde traten dann doch auf. „Weil wir so nett sind“, so die Erklärung dazu. Die Stimmung war allerdings im Keller. Nebenbei liefen Gespräche im Saal, in der Schenkstube und draußen vor der Tür.

Zu Beginn der Veranstaltung hatte Sabine Marya einen Brief von Peter Schmidt aus Wedel verlesen. „Er hat das Heim schon einmal gemeinsam mit Prinz Schoenaich-Carolath-Schilden gerettet“, sagte sie. In seinem Brief heißt es unter anderem: „Traumatisierte Kinder, Jugendliche und Mütter werden ihrer gewonnenen Heimstätte beraubt, entwurzelt und mit einem zusätzlichen Trauma versehen. Und das in Verantwortung einer Kirche.“ Heim-Mitarbeiterin Annika Westermann erzählte anschließend , dass ihr Vertrag zum 30. Juni auslaufe. Ihr neuer Arbeitgeber stünde unter keiner kirchlichen Trägerschaft. Obwohl sie den Glauben nicht verloren habe, überlege sie, ob sie überhaupt in der Kirche bleibe.

Christa Formeseyn folgte, während die erste Band auf ihren Auftritt wartete. „Wir haben bis heute keine Reaktion vom Erzbistum. Das ist erbärmlich.“ Ihr Vorschlag: Auf dem Gelände ein Mehrgenerationenhaus zu schaffen für Alt und Jung. „Das Grundstück ist so groß, so dass wir viele Möglichkeiten haben, es zu gestalten.“ Anschließend griff Bewohnerin Jessica zum Mikrofon und erzählte, dass sie vor drei Jahren hochschwanger in die Nordstrander Einrichtung kam. „Ich mache gerade meinen Schulabschluss und habe hier Freunde und Bekannte gefunden.“ Ein Bürger sagte daraufhin, dass er auf Anfrage beim Erzbistum eine Antwort vom Erzbischof erhalten habe. „Die Schließung passiert zum Wohle der Kinder“, erzählte er und kommentierte die Antwort aus Hamburg mit: „Wenn ich Nächstenliebe predige und das Gegenteil mache, ist das mehr als enttäuschend.“



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