Nordfriesland : Lehrer immer öfter als Sozialarbeiter gefragt

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Das Lösen von Konflikten aller Art behindert inzwischen den Unterricht an den Förderzentren in Husum und Niebüll.

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06. Juli 2018, 14:00 Uhr

Schüler laufen weg, bleiben fern oder verweigern sich total dem Unterricht. Außerdem nehmen Aggressionen zu, die die Kinder nicht nur gegen andere, sondern auch gegen sich selbst richten. Das Lösen von Konflikten nimmt so viel Raum ein, dass das Lernen zu kurz kommt. Mit diesen und weiteren Beispielen unterstrich Ellen Schwitters, die Leiterin der Rungholtschule in Husum, im Herbst 2017 einen Hilferuf an den Kreis. Sie beantragte, einen Sozialarbeiter oder eine Sozialarbeiterin ins Team aufnehmen zu dürfen – mit 20 Wochenstunden. Die neue Kraft solle sich speziell um die „emotional-soziale Entwicklung“ der Kinder kümmern. Über Jahre hätten die Lehrkräfte diese Aufgabe neben dem Unterricht geschultert, doch „mittlerweile weit über ein zu akzeptierendes Maß hinaus“.

Zum Hintergrund: Die Rungholtschule mit 160 Schülern und rund 50 Mitarbeitern ist eines der beiden Förderzentren mit dem Schwerpunkt Geistige Entwicklung (GE) des Kreises. Das Pendant im Norden ist die Carl-Ludwig-Jessen-Schule in Niebüll. Dort werden aktuell 80 Schüler betreut, 85 im nächsten Schuljahr. Zu den Mitarbeitern zählen 13 Lehrkräfte, unter ihnen auch Erzieher und Heilpädagogen, sowie zehn Sozialpädagogische Assistenten und sechs Kräfte im Rahmen eines freiwilligen sozialen Jahres.

Der Antrag der Husumer Rungholtschule, der mit einem mehrseitigen Konzept für eine gelingende Schulsozialarbeit untermauert wurde, lag im November dem Kultur- und Bildungsausschuss vor. Die Abgeordneten nahmen ihn damals lediglich „zur Kenntnis“, denn die Verwaltung wurde gleichzeitig beauftragt, zu analysieren, ob und in welcher Höhe eine Schulsozialarbeit an der Rungholt-Schule notwendig ist. Vorsorglich wurden jedoch die im Fall des Falles notwendigen 25.000 Euro in den Etat 2018 aufgenommen, allerdings mit Sperrvermerk bis zur endgültigen Entscheidung der Kreisgremien.

Laut Ellen Schwitters sei die Analyse des Bedarfs inzwischen abgeschlossen worden. Dabei sei es um die Aufgabenverteilung zwischen ihrem Team und den Partnern im Sozialraum gegangen, die für die Betreuung der Familien zuständig sind. Die Schulleiterin betont, dass neben dem Unterricht vor allem die individuelle Beratung bezüglich der geistigen Behinderung jedes einzelnen Kindes Kerngebiet des Kollegiums bleiben werde.

Erfolgreiche Schulsozialarbeit greife hingegen weit darüber hinaus. Sie reiche von nachdrücklichen Hinweisen auf Freizeitangebote wie Jugendzentren oder Mädchentreffs bis zur Betreuung von Familien, in denen Kinder vernachlässigt werden. Kürzlich sei ein Kind, so Schwitters, an eine allgemeinbildende Schule abgegeben worden. Die dortige Sozialarbeiterin habe an der Tür des Kindes klingeln müssen, damit es sich endlich aufmacht zum Unterricht.

Der Antrag der Rungholtschule wird nun erneut auf der Tagesordnung des Kultur- und Bildungsausschusses stehen: am 29. August, wie Hans-Martin Slopianka, Pressesprecher des Kreises, mitteilt.

Florian Pagel, Leiter der Carl-Ludwig-Jessen-Schule in Südtondern, beobachtet ebenfalls, dass die Lehrer „seit Jahren zunehmend Sozialarbeit leisten müssen“. Das gehe so weit, dass einige Schüler morgens erst einmal geduscht werden müssten, weil sie von ihren Eltern vernachlässigt worden seien. Eltern von Flüchtlingskindern mit einer geistigen Behinderung müssten sogar schwere Ängste vor der Schule genommen werden. In ihrer Heimat würden Kinder überhaupt nicht beschult, sondern privat versorgt oder in psychiatrischen Anstalten eingeschlossen. So sei die Schule anfangs als Bedrohung empfunden worden.

Allerdings habe er sich nicht dem Antrag der Husumer angeschlossen – weil die von ihm geleitete Schule nur halb so groß sei und die Probleme im ländlichen Raum nicht so gravierend hervortreten würden wie in Husum. „Aber selbstverständlich halten wir im Alltag ständig Kontakt und stimmen uns eng ab.“

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