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Husumer Nachrichten

14. Dezember 2017 | 03:46 Uhr

Tür an Tür : Leben mit den Flüchtlingen

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Seit Dezember wohnen im Gardinger Harde-Huus Senioren und Asylbewerber Tür an Tür. Ein Syrer, der Deutsch spricht, soll ab Februar beiden Gruppen als Ansprechpartner bei Problemen dienen.

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erstellt am 28.Jan.2016 | 09:30 Uhr

Viel Wirbel hatte es im Vorfeld um die Einquartierung von Flüchtlingen im Gardinger Harde-Huus gegeben. Die Stadt befürchtete, dass ein Investor abspringen würde, der auf dem Nachbargrundstück ein Pflegeheim errichten wollte. Doch hat er seine Ankündigung nicht wahr gemacht: Inzwischen sind Bagger fleißig dabei, den Baugrund für das Heim vorzubreiten. Auch die Bewohner des Appartment-Komplexes an der B 202 hatten ihre Sorgen, ob das Zusammenleben klappen würde. Zudem waren sie von den Eigentümern der Wohnungen im Harde-Huus Ende September mit einer Kündigung der Mietverhältnisse erschreckt worden, die dann aber nicht wirksam wurden.

Inzwischen sind nun seit mehreren Wochen 32 Asylbewerber aus Syrien, Afghanistan und dem Irak die Nachbarn der sieben Senioren. Die zwölf vom Amt Eiderstedt angemieteten Wohnungen sind voll belegt. Familien und drei Einzelpersonen leben dort. Jede Wohnung hat ein eigenes Bad und eine eigene Küche. Waschmaschinen und Trockner werden gemeinsam genutzt. Die Senioren haben ihre eigenen Geräte.

Dass noch nicht alles reibungslos klappt, gibt Amtsdirektor Herbert Lorenzen offen zu. „Wir tasten uns vor. Es ist ein Miteinander lernen.“ Seine gesetzliche Aufgabe ist es, für die Unterbringung der Asylbewerber im Amt Eiderstedt zu sorgen. So sind er und seine Mitarbeiter ständig auf der Suche nach Wohnungen. Allein im vergangenen Jahr musste das Amt 250 Asylbewerber aufnehmen. 100 Wohnungen wurden bislang angemietet. In diesem Jahr rechnet Lorenzen mit 400 Flüchtlingen. Aus seiner Sicht war es also ein Glücksfall, dass er sich mit der Wohnungseigentümergemeinschaft (WEG) des Harde-Huuses auf die Anmietung der zwölf Wohnungen einigen konnte. Auch diese war sehr zufrieden, gab sie doch in einer Pressemitteilung im Oktober zu, dass es ihr nicht möglich war, das Harde-Huus, das ursprünglich als Betreutes Wohnen für alte und pflegebedürftige Menschen konzipiert war, „organisatorisch und finanziell dauerhaft adäquat zu verwalten. Auch Gespräche mit Betreibern von Pflegeheimen blieben leider erfolglos“.

„Die Menschen müssen sich miteinander finden“, sagt Lorenzen zu der besonderen Nachbarschaft. Man dürfe dabei nicht vergessen, dass es in Mehrfamilienhäusern allgemein Störfaktoren geben kann. Im Harde-Huus seien Lärm und Müll die Themen. „Wir wollen natürlich Negatives nicht unter den Tisch kehren. Konflikte muss man respektvoll miteinander klären.“ Rebecca Mansel, hauptamtliche Koordinatorin für die Flüchtlingsbetreuung im Amtsbereich, hat eine Sprechstunde für die Bewohner eingerichtet, damit sie ihre Sorgen loswerden können. Die derzeitige Hausleitung habe ihre Telefonnummer. Zudem gebe es zwei Übersetzer, einen für Arabisch, einen für Persisch, die ebenfalls helfen können. Ab dem 1. Februar wird ein Syrer, der Deutsch spricht, als Ansprechpartner für alle im Harde-Huus wohnen. Er soll auf die Einhaltung der Hausordnung achten. „Natürlich haben die Menschen unterschiedliche Tagesabläufe“, spricht Lorenzen das Problem an. „Und es gibt in anderen Ländern andere Erziehungskonzepte“, ergänzt Mansel. „Da gehen die Kinder ins Bett, wenn sie müde sind, aber nicht zu einer festen Uhrzeit.“ Das Thema Mülltrennung, das für die Asylbewerber ganz neu ist, werde immer wieder in den Deutschkursen und am Runden Tisch für die Flüchtlinge auf Eiderstedt besprochen.

Annemarie Strothmeier, Sprecherin der „alten“ Bewohner, ist nicht glücklich mit der Situation. Sie habe nichts gegen die Flüchtlinge im Haus. „Zu mir ist keiner unfreundlich. Wir freuen uns über die Kinder.“ Sie wäre jedoch gern mit den anderen „alten“ Bewohnern zusammen in die erste Etage des Hauses gezogen. So dass sie dort zusammenleben könnten, und die Flüchtlinge im übrigen Haus. Doch sei man sich mit der WEG nicht über die Miete einig geworden. Herbert Lorenzen signalisierte auf Anfrage Gesprächsbereitschaft, betonte aber auch, dass das nur im Konsens mit der WEG gehe. „Wir hatten uns bemüht, die Situation zu optimieren.“ Nach seinen Informationen solle sich ab dem 1. Februar auch ein Hausmeister-Service um das Anwesen kümmern. „Da ist die WEG auch in der Pflicht, schließlich ist sie der Vermieter.“

Für die Integration der Asylbewerber im Harde-Huus wird einiges getan. „Jeweils montags und mittwochs findet dort Deutschunterricht statt“, so Rebecca Mansel. Er werde von einem Bildungsträger aus Flensburg gestaltet und von der Bundesagentur für Arbeit finanziert. Außerdem haben die Asylbewerber die Möglichkeit, am Dienstag und Donnerstag am ehrenamtlichen Unterricht in der Theodor-Mommsen-Schule teilzunehmen. Dabei gehe es nicht nur darum, die Sprache zu lernen, sondern auch um die Alltagsgepflogenheiten. Die schulpflichtigen Kinder der Asylbewerber würden die Schule besuchen. Etliche Gardinger hätten zudem ihre Hilfe angeboten. „Insgesamt ist das Engagement von Ehrenamtlern, Nachbarn und Bürgermeistern auf der Halbinsel ganz toll, das kann man gar nicht genug würdigen“, betont Lorenzen. „In anderen Ämtern werde ich um diese Situation beneidet“, sagt Mansel. „Etliche Afghanen, die in Tönning leben, wollen gerne dort bleiben, weil sie freundlich aufgenommen worden sind. Das ist doch ein Kompliment an die Bevölkerung.“ Insgesamt 60 Ehrenamtler kümmern sich auf Eiderstedt um die Asylbewerber, einige nehmen sie bei ihrer Ankunft im Empfang und helfen ihnen bei den ersten Schritten, andere organisieren beispielsweise Kleidung und Fahrräder und wieder andere kümmern sich um kleinere Veranstaltungen. „Ohne sie würde das gar nicht funktionieren, aber auch die Asylbewerber helfen einander“, sagt Rebecca Mansel.

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