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Husumer Nachrichten

23. November 2017 | 10:42 Uhr

Bredstedt : Lauthals „Nein“ schreien

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Die Chefin der Konstanzer Puppenbühne Irmi Wette zeigt Kindern, wie sie sexuelle Übergriffe erkennen können.

Wenn Tante Herzi und Onkel Burschi ihren Besuch ankündigen, kommt den Geschwistern Salome, Lotte und Tom nicht nur das kalte Grausen. Unter Angstgefühlen und Magenschmerzen leiden sie schon lange vorher. Sie wollen es nicht, wenn sie befummelt, umarmt oder schlabberige Küsse aufgedrückt bekommen. Doch wie sich wehren, wenn selbst der eigene Vater die Verwandten als lieben Besuch anpreist und die Kids deswegen vom geliebten Spiel draußen wegholt. Lauthals „Nein“ sollten sie schreien, sich die eindeutigen sexuellen Übergriffe nicht gefallen lassen, Eltern, Großeltern, Erzieherinnen, Lehrer oder andere vertrauenswürdige Personen ins Boot holen. Das ist am Ende die so wichtige Botschaft der Geschichte, die vor Kindergarten- und Grundschulkindern aus vier Schulen und sechs Kindertagesstätten an zwei Tagen im Bredstedter Bürgerhaus aufgeführt wurde. Es ging um Missbrauch, Prävention und Stärkung des Selbstbewusstseins.

Lebendig, fesselnd und verständlich für alle gestaltete die Puppenspielerin und Chefin der Konstanzer Puppenbühne, Irmi Wette, selbst examinierte Erzieherin und Mutter eines 16-jährigen Jungen, die Handlung. Seit 16 Jahren befasst sie sich bereits mit der Thematik. „Ich habe selbst schlimme Erfahrungen sammeln müssen“, berichte sie. „Kindesmissbrauch ist leider Realität in Deutschland. Bis zu zehn Mal müssen Kinder Erwachsene angehen, bis man ihnen überhaupt glaubt.“ Die Zahlen des „Mikado-Projektes“ (Mikado steht für Missbrauch von Kindern, Aetiologie, Dunkelfeld, Opfer) der Universität Regensburg, gefördert vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, geben ihr Recht. Dort heißt es, dass nach offiziellen Statistiken jährlich mehr als 14.000 Kinder hierzulande sexuell missbraucht werden, ganz zu schweigen von der Dunkelziffer.

So hat die Fachfrau das Stück „Pfoten weg! – Macht Kinder stark!“ geschrieben und tourt damit für den Weißen Ring, dem bundesweit tätigen Opferhilfeverein, durch Deutschland. 52.000 Kinder, so Wette, haben es bereits gesehen und anschließend mit den Fachkräften in den Kindergärten und Schulen aufgearbeitet. Entsprechendes Material wird ihnen jeweils mitgegeben. Das Spiel sei in Zusammenarbeit mit der Polizei entstanden. In der bildhaft gestalteten Geschichte bleibt sie selbst als Erzählerin für die Zuschauer sichtbar und lässt die Dialoge von Puppen „sprechen“, in diesem Fall eine Katzenfamilie.

Die drei Geschwister und Hauptfiguren, die den unerwünschten Besuch bekommen, sind Katzenjunge. In Wort und Spiel drücken sie ihre Angst über die Annäherungen aus. Ins Spiel kommen dann Freunde in Form von Hase, Igel und Wildschweine Sausi und Brausi sowie die Katzenfee. Mit ihrer Hilfe werden die drei Geschwister stark gemacht und lernen, wie man sich gegen die Attacken wehren kann und dass das „Nein“ klar definiert werden muss. Sie lernen, wie zwischen angenehmen und unangenehmen Gefühlen unterschieden werden kann. Sensibel bindet die Puppenspielerin ihre Zuhörer mit ein, nimmt sie gedanklich mit auf die Bühne und stimmt das Pfoten weg-Lied nach der Melodie von „Hänschen klein…“ an.

„Ich bekomme jedes Mal Gänsehaut, wenn die Kinder am Ende in den Refrain laut einstimmen „ich fühl mich gar nicht klein, ich brüll ganz laut Nein“, so die Bühnen-Chefin und Autorin am Ende. Kinder haben ein Recht darauf, so unterstrich sie, dass sie in Geborgenheit und ohne Gewalt aufwachsen. Daher sei sie froh, dass es immer wieder Sponsoren gibt, die das Projekt unterstützen und Initiatoren, die sie einladen. Das waren in diesem Fall Susanne Borrett (Weißer Ring Nordfriesland-Nord) und die Gleichstellungsbeauftragte des Amtes Mittleres Nordfriesland, Christine Friedrichsen. „Sexuelle Belästigung und Missbrauch von Mädchen und Jungen verletzen nicht nur eine kleine Seele, sie zerstören auch die körperliche und psychische Entwicklung. Daher ist die kindgerechte Präventionsarbeit wie geschehen so wichtig“, so ihre Überzeugung. Super sei es, dass die Fachkräfte des Kinderschutz-Zentrums Westküste das unter der Schirmherrschaft von Landrat Dieter Harrsen stehende Projekt begleiten.

Dank finanzieller Unterstützung konnten Kinder, Erzieher und Pädagogen der Einrichtungen die Aufführung kostenfrei besuchen. Mit dabei waren die Evangelischen Kindergärten Bordelum/Dörpum, Joldelund, Breklum, Drelsdorf, Kommunaler Kindergarten Breklum, ADS-Kindergarten Bredstedt, Grundschulen Lüttschool Drelsdorf / Joldelund, Jens-Iwersen-Schule Hattstedt, Grundschule Langenhorn sowie Horstedt.

Ein Projekt – Viele Förderer

Unterstützt wurden die Aufführungen in Bredstedt durch: Amt Mittleres NF, Stadt Bredstedt, Kreis NF, NOSPA-Jugend- und Sportstiftung, Kommunal- und Gartentechnik Nommsen, Frauenberatungsstelle für Mädchen und Frauen Husum, Diakonisches Werk, Kinderschutz-Zentrum Westküste.



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