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24 Stunden Husum: 22 bis 23 Uhr : Lass’ dich überraschen . . . als Kino-Hit

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Was flimmert heute wohl im Husumer Kino-Center über die Leinwand? Film-Fans geben sich gerne diesem spätabendlichen Reiz des Unberechenbaren hin. So hinterlässt die Sneak Preview denn auch regelmäßig ein gespaltenes Publikum.

In der Serie „24 Stunden Husum“ begeben wir uns an die unterschiedlichsten Orte der Stadt – jeweils für eine Stunde. Heute Teil 18: Die Sneak Preview im Kino-Center.

 

Stephan Hartung zieht die Jalousie seiner Kasse hoch. Damit die Kino-Besucher nicht so lange warten müssen, hat er vorsorglich schon mal ein paar Eintrittskarten ausgedruckt. Heute wird es nur noch eine Vorführung geben: die Sneak Preview (zu Deutsch: heimliche Vorbesichtigung). Darin wird jeden Mittwoch ab 22.30 Uhr ein Film vor seinem Deutschlandstart gezeigt. Welcher es ist, erfährt das Publikum allerdings erst, wenn der Vorhang aufgeht. Als Kinobesitzer weiß Hartung meist schon zwei bis drei Wochen vorher, was gespielt wird. Aber Verschwiegenheit gehört zur Sneak dazu.

Ein Drittel der Sneak-Filme wird ihm von den Verleihfirmen vorgeschlagen. Ein weiteres Drittel sucht er selbst aus und bittet die Verleiher dann um Erlaubnis, die Filme zeigen zu dürfen. Beim letzten Drittel handelt es sich um Streifen, die am nächsten Tag anlaufen. Jeden Film darf Hartung allerdings nicht zeigen. Da haben die Produzenten einen Riegel vorgeschoben.

Da mittlerweile auch das Kino voller Elektronik steckt, bekommt Hartung, wenn alles klar ist, einen digitalen Schlüssel, der mit einem Zeitstempel versehen ist. So kann er keinesfalls vorher gezeigt werden. Weil derzeit keine Ferien sind, geht es in der Sneak etwas ruhiger zu, erklärt der Kino-Inhaber, während die ersten Besucher eintrudeln, Karten kaufen und/oder auf Freunde warten. Das Publikum ist jung. Viele sind Schüler, und nur die wenigsten dürften schon 1994, bei den ersten Sneaks, dabei gewesen sein.

Schulferien sind nicht, aber dafür Semesterferien. Und so hat sich eine Gruppe von jungen Leuten eingefunden, die 2011 an der Theodor-Storm-Schule Abitur gemacht hat und überall in Deutschland studiert. Die Gelegenheit, mal wieder zusammen in die Sneak zu gehen, nimmt sie daher nur zu gern wahr.

Nach und nach füllt sich das Foyer. Dass es zunächst nicht weitergeht, hat einen Grund: Das Sneak-Kino muss vorher schnell noch gereinigt werden. Bis gerade eben eben lief dort noch ein Film aus dem normalen Programm. Ab und zu geht oben an der Treppe die Tür auf. Besucher aus den Abendvorstellungen streben zum Ausgang. Die Sneak-Gäste stehen Spalier. Dann ist endlich ihre Stunde gekommen. Während sie an den Schaukästen vorbeigehen, sind Sätze wie „Bitte nicht den!“ oder „Das wäre echt toll!“ zu hören.

Mancher versucht auch, an der Miene des Kartenabreißers zu deuten, was es geben könnte. Und bisweilen ist ein „Ich glaube, der könnte dir gefallen“ zu hören. Jeder Besucher hat sein eigenes Kino-Ritual. Der eine kauft Süßigkeiten, die andere holt sich am Kino-Tresen schnell noch etwas zu trinken. Um des Ansturms Herr zu werden, wird an den Plätzen erst dann bedient, wenn der Film begonnen hat.

Einige Kinogänger haben ihre Plätze schon gefunden, andere warten noch und schauen, wo sie mit all ihren Freunde zusammensitzen können. Manchmal werden vorsorglich ganze Reihen mit Jacken reserviert. Und ein bisschen Biennale weht auch durch den Kino-Saal: Wer kommt mit wem? Sehen und Gesehen werden. Und dann ist da ja noch die nach wie vor offene Frage, welchen Film es heute wohl zu sehen gibt.

Um 22.30 Uhr ist es dann endlich so weit. Ein Gong kündigt den Beginn der Sneak an, und dann wird auch schon das Licht heruntergedimmt. Vorweg gibt es zwei, drei Trailer neuer Filme und erste kritische Anmerkungen zu deren vermeintlicher Qualität. Da sie oft passend zum Genre des Sneak-Films ausgesucht wurden, erwarten die Besucher einen Horrorfilm. Das Publikum ist gespalten. Einige können mit so etwas gar nichts anfangen, andere freuen sich schon. Dazwischen gibt es wenig.

Und dann geht’s wirklich los. Wenig Vertrauen hat das Sneak-Publikum in deutsche Produktionen. Und so wird bereits vernehmlich gestöhnt, als verschiedene deutsche Filmfonds und ein paar ARD-Sender im Vorspann als Unterstützer des Streifens genannt werden. Bei einigen Filmen bricht spontan Jubel aus, wenn sie erkannt werden. Heute ist eher Rätselraten angesagt. Tatsächlich handelt es sich um einen kleinen Streifen aus Saudi-Arabien und keinen Horrofilm. Erzählt wird die Geschichte eines Mädchens, das sich ein Fahrrad wünscht, es aus religiösen Gründen aber nicht haben darf. Nur wenige haben davon gehört. Die meisten bleiben trotzdem erst mal sitzen. Das muss aber nicht so bleiben. Immer wieder verlassen Leute das Kino, weil ihnen der Sneak-Film nicht gefällt. Das ist das Risiko. Und während sich die Kinozuschauer noch in die Filmhandlung hineinzudenken bemühen, auf dessen „ersten Höhepunkt“ warten oder launige Kommentare abgeben, hat jetzt die Tresen-Crew mal etwas Ruhe.

 

Teil 19 am Montag: Wo vor Mitternacht noch mal so richtig die Post abgeht.

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erstellt am 21.Sep.2013 | 12:00 Uhr

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