Apotheken-Notdienst neu geregelt : Lange Wege für ein Medikament

Am Bereitschaftsdienst sind neuerdings alle Apotheken beteiligt – für die Kunden eine Umstellung.
Am Bereitschaftsdienst sind neuerdings alle Apotheken beteiligt – für die Kunden eine Umstellung.

Seit Anfang des Jahres wird der Apotheken-Notdienst zentral per Computer geregelt. Das führt in Husum und Umland mitunter dazu, dass Patienten länger unterwegs sind, um an ein Medikament zu kommen.

shz.de von
08. Januar 2015, 06:45 Uhr

Jenseits von verkaufsoffenen Wochentagen sollte ein Nordstrander neuerdings lieber gesund bleiben. Sonst kann es sein, dass ihn akute Schmerzen plötzlich zu einer 35 Kilometer langen Odyssee treiben – Rückweg nicht eingerechnet. Passiert ist das einem Halbinsulaner am Neujahrstag: Der Mann musste von Strucklahnungshörn aus zu einem Zahnarzt nach Husum – und von dort weiter nach Ostenfeld, um sich ein verschriebenes Antibiotikum zu besorgen. Ausgehändigt hat ihm das Medikament Dr. Joachim Pfeffer, dessen Apotheke am ersten Tag des Jahres Bereitschaft hatte – neben zwei weiteren Anlaufstellen in Bredstedt und Tönning.

Die unfreiwillige Tour des Nordstranders ist dem seit 1. Januar neu geregelten Apotheken-Notdienst geschuldet. Und angesichts eben solcher Härtefälle unterstreicht Pfeffer, dass er von dem computergestützten Verfahren nicht viel hält. Während bis Ende vergangenen Jahres jeden Tag immer eine Apotheke in Husum oder dem unmittelbaren Umfeld (Hattstedt und Mildstedt) nach Ladenschluss, sonnabends sowie sonn- und feiertags erreichbar war, kann die Jagd nach dem richtigen Medikament außerhalb der regulären Geschäftszeiten jetzt schon mal deutlich länger ausfallen. Ein weiteres Beispiel gefällig? Damit kann der Ostenfelder Apotheker, dessen Notdienst am Neujahrstag um 8 Uhr begann, dienen: Unter den etwa 40 Patienten, die bis zum 2. Januar, 8 Uhr, zu ihm gekommen sind, waren auch welche aus dem 33 Kilometer entfernten Fleckeby (Kreis Rendsburg-Eckernförde). Die dortige Apotheke hatte ein benötigtes Antibiotikum für Kinder nicht in ausreichendem Maße vorrätig und schickte ihre Kunden kurzerhand von Südschwansen nach Nordfriesland.

Seit Anfang des Jahres verteilt Schleswig-Holstein als dritter Apothekerkammer-Bezirk nach Westfalen-Lippe und Nordrhein seine Notdienste mithilfe einer Software der Firma Cyrano. Laut deren Geschäftsführer Alexander Springensguth setzt das Programm als wichtigste Vorgabe voraus, dass die Bevölkerung nicht schlechter als vorher versorgt werden darf. Außerdem sollen die Apotheken möglichst entlastet und die Notdienste gleichmäßiger verteilt werden. Dazu wurden – im Gegensatz zu früher – alle 730 Apotheken im Lande dienstverpflichtet und die bisherigen 50 Notdienstringe aufgelöst. Stattdessen unterliegt die Auswahl der Bereitschafts-Standorte nunmehr einer sogenannten 360-Grad-Betrachtung von jedem Ort aus. „Abgesehen von den Insel-Apotheken, die von der Neuregelung nicht betroffen sind, wird kaum eine Apotheke über 40 und keine mehr als 45 Dienste pro Jahr haben“, verspricht Springensguth.

Ein wichtiges Kriterium im neuen System ist die Länge des Anfahrtweges: In Großstädten mit über 70.000 Einwohnern darf dieser maximal zehn Kilometer betragen, in Städten wie Husum mit 20.000 bis 70.000 Einwohnern bis zu 16 Kilometer und in Kleinstädten (5000 bis 20.000 Einwohner) höchstens 23 Kilometer. Im ländlichen Bereich liegt der Maximalwert bei 38 Kilometern.

So weit die Theorie. Doch wie beurteilen Apotheker in Husum, auf Eiderstedt und in den Ämtern Mittleres Nordfriesland und Nordsee-Treene die Praxis? „Keine schöne Entwicklung“, sagt zum Beispiel Mogens Klatt: „Fahren Sie mal mit einem asthmakranken Kind durch Nordfriesland, auf der Suche nach der richtigen Arznei.“ Der Inhaber der Einhorn-Rats-Apotheke in Husum hat ausgerechnet, dass es in diesem Jahr 16 Sonntage gibt, an denen auf dem Notdienstplan keine Apotheke aus der Kreisstadt steht – dabei ist das hiesige Klinikum immerhin Anlaufpraxis. Bedauerlich findet Klatt auch, dass den Kunden kein Terminplan mehr an die Hand gegeben werden kann: „Stattdessen sind wir nun verpflichtet, per Aushang auf die nächstgelegenen Notdienst-Apotheken hinzuweisen – auf Empfehlung der Landeskammer sind es zwei.“ Die im Internet unter www.aksh-notdienst.de zu findende Übersicht hält der ehemalige Kreis-Apotheker nicht für jedermanns Sache.

Kritische Worte findet auch Volker Articus, Inhaber der Husumer Schwan-Apotheke: „An bestimmten Tagen nach Ostenfeld oder Bredstedt fahren zu müssen, das sind die Husumer nicht gewohnt. Und nicht jeder hat ein Auto.“ Wolfgang Jürgensens Neustadt-Apotheke hat in diesem Jahr 33 Bereitschaftsdienste – drei weniger als 2014. Für ihn und seine Husumer Kollegen fällt die Entlastung ohnehin nicht so üppig aus, denn zum Jahreswechsel haben Ulf Markes Schloss-Apotheke und die Doc-Morris-Apotheke von Dr. Bernd-Volker Bartsch dichtgemacht – beide haben die Altersgrenze erreicht und keine Nachfolger gefunden.

Ebenfalls „nicht ganz so zufrieden“ mit der Entwicklung ist Dr. Alf Ploetz von der Arlau-Apotheke in Viöl: Denn er könne sich nicht mehr frei entscheiden, sondern sei in den Notdienstplan eingebunden. Sollte er in der Planung der Apothekerkammer beispielsweise mitten in den Sommerferien Dienst verrichten müssen, dann sei es seine Aufgabe, für eine Vertretung zu sorgen. Im Extremfall müssten die Viöler eine Apotheke in Flensburg aufsuchen. Bislang gehörte Ploetz keinem Notdienstring an: „Wenn ich da war, dann wurde eben aufgeschlossen.“ In der Friedrichstädter Adler-Apotheke bedauert auch Kirsten Claußen, dass sich für die Kundschaft die Wege zum Teil erheblich verlängern können. „Es ist doch schlimm, wenn im Auto ein weinendes Kind sitzt und die Mutter dann nachts womöglich bis nach Viöl fahren muss, um ein Medikament zu bekommen“, sagt sie.

Gelassen sieht das Ganze dagegen Dr. Holm F. Schmidt, Inhaber der Wassenberg-Apotheke in Tönning und der Utholm-Apotheke in St. Peter-Ording. Für die Patienten auf Eiderstedt verschlechtere sich nichts: „Statt der sechs Apotheken auf der Halbinsel beteiligen sich nun acht bis zehn, nämlich auch in Wesselburen, Lunden und Friedrichstadt am Notdienst.“ Für Schmidt selbst bedeutet das, ebenso wie für seinen Kollegen Holger Jahnke von der Eider-Apotheke in Tönning, weniger Notdienste.

Die Bredstedter Wolfs-Apotheke schiebt seit gefühlten Ewigkeiten Notdienst, im vergangenen Jahr wochenweise – drei bis vier Mal. Deshalb begegnet Karsten Werner der Neuregelung auch ohne Ressentiments. Er erinnert sich noch genau daran, dass sein Vater früher eine Woche lang Notdienst hatte: 24 Stunden an sieben Tagen. Einzig den „touristischen Aspekt“ sieht Werner kritisch: „Urlauber in der Region Bredstedt, Breklum und Langenhorn halten sicher nicht viel davon, wenn sie durch halb Nordfriesland fahren müssen.“

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