Kreis Nordfriesland : Landestheater: Ausstieg abgewendet

Generalintendant Peter Grisebach kann aufatmen: Der Kreis Nordfriesland bleibt vorerst Gesellschafter des Landestheaters.
Generalintendant Peter Grisebach kann aufatmen: Der Kreis Nordfriesland bleibt vorerst Gesellschafter des Landestheaters.

Der Kreis Nordfriesland bleibt Gesellschafter der Landestheater und Sinfonieorchester GmbH. Die Entscheidung im Kreistag fiel knapp aus.

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11. Juli 2015, 12:00 Uhr

Sein oder Nichtsein  .  .  . Diese Hamlet’sche Existenzfrage hat der nordfriesische Kreistag gestern aus Sicht des Landestheaters positiv beantwortet. In namentlicher Abstimmung, die Siegfried Puschmann zuvor im Husumer Kreishaus für seine SPD-Fraktion beantragt hatte, entschieden sich 26 Abgeordnete gegen einen Ausstieg aus dem Gesellschaftsvertrag. 23 Mitglieder des Gremiums hoben dagegen den Daumen für die von der Verwaltung vorgeschlagene vorsorgliche Kündigung der Beteiligung des Kreises Nordfriesland an der Landestheater und Sinfonieorchester GmbH. Die wäre – unter Einhaltung einer vierjährigen Kündigungsfrist – zum 31. Juli 2019 wirksam geworden.

Bevor der Kreistag allerdings in diesen – auch im zahlreich erschienen Publikum – mit Spannung erwarteten Tagesordnungspunkt einstieg, meldete sich dazu in der vorgeschalteten Einwohnerfragestunde Angelika Zöllmer-Daniel, Lehrerin an der örtlichen Hermann-Tast-Schule (HTS), zu Wort – mit einer gemeinsamen Stellungnahme der Husumer Gymnasien HTS und Theodor-Storm-Schule (TSS). Die Pädagogin bat um einen „sensiblen Umgang“ mit dem Thema. Eine Vertragskündigung, so Zöllmer-Daniel, „hätte für die Schülerinnen und Schüler unserer ländlichen Region Konsequenzen, die den kultur-ästhetischen Bildungsauftrag entscheidend erschweren würden“. Dabei verwies sie unter anderem auf die Kooperationsverträge mit dem Landestheater, von denen 200 Gymnasiasten pro Jahrgang profitierten.

„Entscheiden wir uns heute für eine vorsorgliche Kündigung, sind wir noch vier Jahre dabei – andernfalls sind es mindestens sechs“, rechnete Landrat Dieter Harrsen vor. Botschaft eines Gedankenaustausches zwischen dem Haupt- und dem Kulturausschuss mit Generaltintendant Peter Grisebach am 1. Juni: Eine verkürzte Kündigungsfrist von zwei Jahren – wie es sie früher einmal gegeben habe – sei nicht möglich. „Diese Bindungswirkung kann uns bei der Klage gegen die Neuordnung des Finanzausgleichsgesetzes auf die Füße fallen“, sagte Harrsen und verwies dabei auf die Stellungnahme des Landkreistages, in der im Zusammenhang mit den Auswirkungen der Umverteilung von „Unwucht“ und „Nachbesserungsbedarf“ die Rede sei.

Als erster Redner wünschte sich in der anschließenden Aussprache Manfred Thomas (Freie Soziale Demokraten) eine Entscheidung mit Bedacht und Augenmaß: Er verwies auf den „hohen immateriellen Wert, mit dem uns die Kultur bereichert“. Es gelte, jeglichen schleichenden Verlust von Lebensqualität zu begegnen.

Sie werde immer skeptisch, wenn eine inhaltliche von der rein finanziellen Diskussion in den Hintergrund geschoben werde, sagte Grünen-Abgeordnete Angelika Strenge: „Dann kann es sein, dass der Preis, den wir am Ende zahlen, höher ausfällt als der vermeintliche Gewinn.“ Sie habe den Eindruck, dass eine Kündigung nichts anderes als ein Protest gegen die Neuordnung des Finanzausgleichsgesetzes sei – mithin „eine Abrechnung mit der Landesregierung“.

Die FDP lasse sich die Kultur nicht wegnehmen, erklärte Jörg Tessin: Theater-Aufführungen seien auch in Zukunft unverzichtbarer Bestandteil des kulturellen Lebens – „der Westen des Landesteils darf nicht zur Kulturwüste verkommen“. Man wolle den Ergebnissen der Lenkungsgruppe, die an einem Kulturentwicklungsplan arbeite, nicht vorgreifen.

„Die Vorlage ist ein glatter Fehlschuss“, urteilte Siegfried Puschmann (SPD). Das Gutachten, das die Actori GmbH – eine Beratungsagentur für Kulturbetriebe mit Sitz in München (Anm. d. Red.) – auftragsgemäß vorgelegt habe, zeige eine gute Perspektive für das Landestheater auf. „Jetzt zu kündigen, ist leichtfertig und verantwortungslos.“ Kultur gehöre zu den Grundrechten einer Gesellschaft, „die zukunftsfähig sein und die Lebensqualität erhalten will“. In diesem Zusammenhang stellte Puschmann bewusst eine provokative Frage in den Raum: „Brauchen wir denn überhaupt einen Ausbau der B 5, wenn hier keiner mehr leben will?“

Das Landestheater breche nicht gleich zusammen, wenn man über eine Neuausrichtung der kulturellen Entwicklung spreche, konstatierte CDU-Fraktionschef Tim Hanke – und nichts anderes ziehe die Vorlage nach sich: eine Prüfung. „Da kann es sein, dass man auch mal kündigt, um zu bleiben“, so Hanke. Im Übrigen habe Nordfriesland so viel mehr zu bieten: „Das reichhaltige Kulturangebot einfach auf das Landestheater zu reduzieren, ist fast schon ein Verbrechen.“

Keinem Mandatsträger fielen Entscheidungen leicht, in denen es um die Frage Schwarz oder Weiß gehe, räumte Jürgen Jungclaus ein. Die finanziellen Probleme des Kreises mit dem bis Ende 2014 aufgelaufenen Defizit von 18 Millionen Euro machten deutlich, so der Chef der Wählergemeinschaft Nordfriesland, „dass die dauerhafte Leistungsfähigkeit ohne Gegensteuerung nicht gegeben ist“. Seine Fraktion sei deshalb mehrheitlich für eine Kündigung.

Kein Blatt vor den Mund nahm SSW-Vertreter Gary Funck. „Wer glaubt, man könne Theater einfach so wegstreichen, der glaubt auch, Micky-Maus-Hefte seien Literatur und Helene Fischer sei so was wie Musik.“ Man dürfe doch nicht ernsthaft glauben, dass hier noch irgendein Arzt nach dem Studium in der Großstadt aufs Land ziehe, „wenn ihm kulturell außer billigen Oktoberfest-Plagiaten in geliehener Lederhose und Zeltfesten mit Sauf-Flatrate nichts Tiefsinnigeres geboten wird!“ In dieser wichtigen Phase zu kündigen, sei verantwortungslos. Auf der jüngsten Gesellschafter-Versammlung sei beschlossen worden, dass alle Partner in zwei Jahren über ihre Anteile nachverhandeln könnten, wenn der Vertrag wegen der veränderten Konditionen für die Stadt Schleswig sowieso geöffnet werden müsse – „das ist doch schon ein riesiger Kompromiss“, so Funck.

Sollte der Vertrag gekündigt werden, sei 2020 das erste Jahr, in dem die Einsparung von unter 200.000 Euro greifen würde, rechnete Ulrich Stellfeld-Petersen vor. „Das“, so der Fraktionschef des SSW, „reicht noch nicht einmal für ein Konzert der Berliner Philharmoniker.“ Eines, das man sich zudem noch auf dem freien Markt einkaufen müsse. „Wenn wir in diesen Kategorien denken, sind wir arm dran“, sagte Stellfeld-Petersen und erinnerte daran, dass Kultur zur Daseinsvorsorge gehöre und Verpflichtung des Landes, der Kreise und des Bundes sei.

„Auch wir wollen nicht, dass Nordfriesland zu einer Kulturwüste wird“, erklärte Britta Lenz (CDU). Man rede über die vier „Big Points“ Landestheater, Musikschule, Fahrbücherei und Museumsverbund – „die Entscheidung, an welchen Stellschrauben wir drehen, ist überhaupt noch nicht gefallen“, so Lenz.

Von 164.000 Einwohnern im Kreis gingen drei Prozent ins Theater, rechnete ihr Fraktionskollege Manfred Uekermann vor. Dieser vergleichsweise geringe Bevölkerungsanteil werde mit 150 Euro pro Kopf subventioniert. „Verantwortung beinhaltet auch, unangenehme Entscheidungen zu treffen.“

Mery Ebsen (Wählergemeinschaft Nordfriesland) monierte, dass beim Thema Sparen stets die Kultur an erster Stelle stehe: „Sie darf nicht immer stiefmütterlich behandelt werden.“

SPD-Fraktionschef Thomas Nissen konfrontierte sein politisches Gegenlager mit „einem entscheidenden Denkfehler“: Eine Kündigung sei der fallende Dominostein, der bewirke, dass es anschließend nichts mehr zu entscheiden gebe. „Eine Verlängerung des Gesellschaftsvertrages müssen wir ertragen können.“

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