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Husums Friedhöfe : Kunstwerke auf der letzten Ruhestätte

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Grabstein-Kultur in Husum: Wie sehen die Friedhöfe der Storm-Stadt aus, welche Möglichkeiten der Individualisierung gibt es?

shz.de von
erstellt am 23.Mai.2017 | 13:00 Uhr

Ein grauer, aufrecht stehender Grabstein, die geschwungene Inschrift scheint auf den ersten Blick unlesbar. Auf dem Boden davor liegt ein runder Spiegel. Mit seinen Fingern wischt Wilfried Christiansen über das Display des Smartphones, um das Bild zu vergrößern. „Das Besondere hier ist, dass die Schrift erst lesbar wird, wenn man sie im Spiegel betrachtet. Dabei neigt der Betrachter den Kopf“, erklärt der Steinbildhauer den Hintergrund seines Werkes.

Der Weichsteinspezialist haut individuelle, auf den Kunden zugeschnittenen Grabsteine. Kürzlich gewann er auf der Internationalen Gartenschau die Bronzemedaille für eines seiner Werke. Im Alltag auf dem Husumer Ostfriedhof und für das Natursteinwerk Kolbe bleiben ausgefallene Grabmäler wie die spiegelverkehrte Inschrift jedoch bisher die Ausnahme.

Nur zwei von zehn Grabsteinen würden individueller gestaltet, die restlichen Kunden setzten auf Standardsteine, erklärt Kolbe-Filialleiter Rainer Dirks. Die erste Frage, die er einem Kunden stelle, sei: Wohin geht die Reise mit dem Stein? „Denn nicht jede Friedhofssatzung erlaubt eine individuelle Gestaltung“, erklärt Dirks.

 

Der Ostfriedhof

   Der Ostfriedhof sei eine in den vergangenen 50 Jahren gewachsene Struktur. „Hier wird dafür gesorgt, dass es grün bleibt“, so Dirks. Eine Grünanlage mit Gräbern. „Wir dürfen hier alles liefern. Große, kleine, bunte Grabsteine. Für jeden ist was dabei.“

Die Gestaltung des Ostfriedhofs unterliegt nur wenigen Vorschriften bezüglich der Größe und Stärke der Grabmale. „Hier ist alles erlaubt, was nicht gegen die guten Sitten verstößt“, betont Friedhofsverwalter Thomas Prigge. Die individuelle Gestaltung halte sich in Husum jedoch in Grenzen. Der Friedhofsverwalter vermutet, dass dies finanzielle Gründe hat. „Wir freuen uns, wenn Leute mit neuen schönen Sachen zu uns kommen“, sagt Prigge, der Innovationen gegenüber aufgeschlossen ist. Und meistens finde sich auch ein Weg, eine neue Idee umzusetzen. Er habe sogar einmal ein BMW-Zeichen auf der Rückseite eines Grabsteins genehmigt, weil die Hinterbliebenen es sich so gewünscht hatten.

Prigge erinnert daran, dass sich trauernde Menschen in einer Extremsituationen befinden und sich nur die wenigsten im Vorhinein Gedanken über die Grabsteingestaltung machen. „Viele wollen nicht gern viel pflegen, aber sie suchen einen würdevollen Ort, wo sie hingehen können“, sagt er. Gerade der Azaleengarten biete einen solchen Ort. „Hier wurden die alten Wege und Gräben – die Friedhofsstrukturen an sich – aufgebrochen“, erklärt der Verwalter.

 

Die Entwicklung


   Der 1891 eröffnete Ostfriedhof lässt sich in vier sogenannte Reviere unterteilen. O1 und O2 erstrecken sich östlich und westlich der Christus-Kirche. „Der Friedhof wurde dann immer voller und wuchs Richtung Osten – O3 und O4“, erzählt Prigge. Ende der 1960er Jahre reichte auch dieser Platz nicht mehr aus, und so wurde 1972 der Südfriedhof eröffnet. „Damals feierte die Bestattungskultur ihren Höhepunkt. Ab da ging es langsam bergab“, ist Prigge überzeugt. Seit den 1970er Jahren seien die Sterbezahlen zurückgegangen. „Damals hatten wir noch 334 Beerdigungen im Jahr, heute sind es rund 100 Sterbefälle weniger“, sagt Prigge. Dies liege unter anderem am demografischen Wandel und der besseren medizinischen Versorgung – wodurch die Menschen auch länger leben.

 

Im Wandel


   Laut der Friedhofsstatistik lag der Urnenanteil 1973 bei etwa 14 Prozent, im Jahr 2015 schon bei 76 Prozent. Der Friedhofsverwalter geht davon aus, dass sich der Anteil hier auch auf Dauer einpendeln wird.

Viele Hinterbliebene wohnen selbst nicht mehr in der Stadt oder haben wenig Zeit. Sie wollen ihre Eltern in Husum begraben, wissen aber nicht, wie sie sich um das Grab kümmern sollen. „Wenn die Leute zu uns kommen, haben sie Angst. Sie sorgen sich vor allem um die Grabpflege“, sagt Rainer Dirks.

Daher steige die Nachfrage nach pflegeleichten und kleineren Gräbern. Zudem seien diese kostengünstiger, so Prigge. Erdbestattungen nehmen mehr Platz ein als Urnengräber. Nach 25 Jahren werden die meisten Gräber aufgegeben, an Stelle von neuen Erdbestattungen werden aber oft nur kleinere Urnengräber gemietet. „Dadurch werden immer mehr große Fläche frei, aber nur kleinere nachbesetzt“, rechnet Prigge vor. „Von der gesamten Grabfläche, die wir in Husum haben, würde heute auch ein einziger Friedhof ausreichen.“ Da der Ostfriedhof seinen Park ähnlichen Charakter behalten soll, werden die freien Flächen mit kostengünstigen Pflanzen aufgefüllt.

 

Gemeinschaftsgräber


   Auf dem Südfriedhof wurden in den 1970er Jahren unter anderem Rasenurnenfelder angelegt. Dirks erzählt von einem Kunden, der erkrankte, weil er nicht wusste, wo genau auf der fußballfeldgroßen Rasenfläche die Urne seiner Frau begraben lag. „Daraufhin wurde ihre Urne erneut in einem individuellen Grab beigesetzt – und der Mann wurde wieder gesund“, erzählt er.

In Husum gebe es heute keine solchen anonymen Urnenfelder mehr. Auf Wunsch der Hinterbliebenen könne aber ein namenloser Grabstein verwendet werden. „Damals gab es nur die Rasenflächen“, sagt Prigge. „Heute haben wir auf den Wandel hin zur Urne reagiert“, so der Friedhofsverwalter. Gemeinschaftsgräber und sogar Themengärten wurden für die Urnengräber angelegt: Anlage A und B, Azaleen-, Sonnen- und Kirchgarten. Letzterer soll Platz für etwa 100 Urnen bieten und bis Juni fertiggestellt sein. Im Zentrum steht ein großer Grabstein, an dem Bronzetafeln mit den Namen der Verstorbenen angebracht werden. Im Urnenfeld befinden sich einzelne Stelen, wo zusätzlich jeweils zwei Partnergräber entstehen sollen.

Der Ostfriedhof ist weiterhin im Wandel und versucht sich den Bedürfnissen der Hinterbliebenen anzupassen. Dafür braucht die Verwaltung innovative Partner wie die Firma Kolbe: „Wir wollen zusammen mit dem Kunden herausfinden, wer der Verstorbene gewesen ist und wie wir ihn darstellen können“, sagt Rainer Dirks. „Gerade dafür brauchen wir einen Mann wie Wilfried Christiansen. Der hat eine ganz besondere künstlerische Denkweise.“

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