Künstler verlegt "Stolperstein" in Bredstedt

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18. November 2010, 08:05 Uhr

Bredstedt | Der Kölner Künstler Gunter Demnig wird am Dienstag (23.) um 16 Uhr einen "Stolperstein" für den Bredstedter Andreas Carlsen vor der ehemaligen Tabakfabrik Preisler verlegen. An Carlsens Schicksal zeigt sich, wie brutal der Nationalsozialismus sich in dieser kleinen Stadt auswirkte.

Andreas Carlsen, geboren 1899 in Bredstedt, arbeitete in der Tabakfabrik als Zigarrenmacher. Während der Weimarer Republik gab er für die SPD ein Mitteilungsblatt mit dem Titel Freiheit heraus und war Kassierer der örtlichen "Friedensgesellschaft". Er zog sich den Hass Bredstedter Nationalsozialisten zu. Bald nach der NS-Machtübernahme wurde ihm sein Fahrrad aus "staatspolizeilichen Gründen" beschlagnahmt. Mehrfach musste er in der Husumer Straße 24, wo er wohnte, Hausdurchsuchungen über sich ergehen lassen. Unter dem Vorwand, seine Mutter geschlagen zu haben, wurde er am Sonntagnachmittag, 20. August 1933, von drei Bredstedter SA-Männern ergriffen. Er wurde - so stand es nicht nur in der Lokalzeitung, sondern auch in anderen Blättern unter voller Namensnennung zu lesen - "von SA.-Männern vom Sturm 12/84 (Bredstedt) durch alle Straßen der Stadt sowie über den mit Personen dicht besetzten Sportplatz, woselbst das Turn-, Sport- und Spielfest des Turn- und Sportvereins von 1864 abgehalten wurde, geführt. Man hatte Carlsen vorne und hinten ein Schild befestigt, das die Aufschrift trug: Ich bin ein großer Schuft, ich habe meine Mutter mißhandelt. 30 Meter vor dem Umzug schritt ein SA-Mann mit der Ausruferglocke, die dieser laut ertönen ließ."

Durch die Straße getrieben

Wie mag sich Carlsen, der hier in entsetzlichster Weise vor den Augen der Bredstedter erniedrigt wurde, gefühlt haben? Niemand half ihm. Nur sein jüngster Bruder Paul soll versucht haben, ihn von den Schildern zu befreien. Auch ihm wurde nachgestellt, wie die Husumer Nachrichten am 20. Januar 1934 berichteten: "p. In Schutzhaft genommen wurde am gestrigen Abend der 27jährige Maurer Paul Carlsen von hier, Hohlegasse 7. Carlsen, der zur Zeit bei den Chausseearbeiten Löwenstedt-Stieglund beschäftigt war, hatte Arbeitskameraden zur Niederlegung der Arbeit aufgefordert. Außerdem hatte er dauernd aufgewiegelt und gehetzt gegen die neue Regierung. Die Überführung in ein Konzentrationslager steht bevor."

Die Verfolgung Andreas Carlsens wurde fortgesetzt und führte in eine Familienkatastrophe. Am Sonnabend, 23. November 1935, morgens gegen halb neun sprach sein Bruder Johann Carlsen, ebenfalls Zigarrenarbeiter bei Preisler, mit seinen Kollegen am Arbeitstisch über die politische Lage. Johann war Nationalsozialist und in der Fabrik Betriebszellenobmann der Deutschen Arbeitsfront. Sein Bruder Andreas, mit dem er im Streit lag, mischte sich vom Nebentisch her in die Diskussion ein, schimpfte auf Hitler und erklärte, wie Johann Carlsen am Tag darauf im Polizeibüro in Bredstedt aussagte: "Der deutsche Arbeiter ist noch nie so unterdrückt worden wie heute. Unter Freiheit verstehen wir etwas ganz anderes. Freiheit ist nur über die Demokratie möglich."

Der Oberpräsident in Kiel, Hinrich Lohse, verhängte daraufhin am 28. November 1935 die, wie es beschönigend hieß, "Schutzhaft" gegen Andreas Carlsen. Dieser musste nun um Leib und Leben fürchten. Er bedauerte am Tag darauf in einem Brief "unendlich, daß ich die beleidigenden Äußerungen über den Herrn Führer und Reichskanzler gemacht habe", und bat um Verschonung, "da ich Frau, zwei Kinder und meine alte Mutter zu ernähren habe". Doch Carlsen wurde für eine Woche ins Gefängnis gesperrt. Bei der Entlassung erhielt er die Verwarnung, dass ihm bei der "geringsten Gelegenheit Verlegung in ein Konzentrationslager" drohe. Seine Kollegen in der Tabakfabrik ließen nun seinen Bruder Johann ihre Missbilligung spüren. Dieser nahm sich am 25. Januar 1936 das Leben. Andreas Carlsen warf sich am 5. Juni 1936 auf dem Weg zur Hauptverhandlung des Sondergerichts in Heide aus dem Zug und starb.

Wer Angaben zu der Thematik machen kann, wird gebeten, sich an das Nordfriisk Instituut, Tel. 04671/60120, oder steensen@nordfriiskinstituut.de, zu wenden.

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