Dienstaufsichtsbeschwerde : Kritik: Jüdische Leichenhalle verfällt

Die ehemalige Leichenhalle,  daneben die letzten jüdischen Gräber  der Stadt. Foto: ume
Die ehemalige Leichenhalle, daneben die letzten jüdischen Gräber der Stadt. Foto: ume

shz.de von
10. November 2010, 06:51 Uhr

Friedrichstadt | "Es kommt ganz selten vor, dass gegen einen Bürgermeister eine Dienstaufsichtsbeschwerde gestellt wird", sagt Claus Röhe, Leitender Verwaltungsbeamter des Amtes Nordsee-Treene in Mildstedt. Und ein solcher Fall ist jetzt eingetreten. Gegen die neue ehrenamtliche Bürgermeisterin der Stadt Friedrichstadt, Regine Balzer, wurde von Torsten Schulze aus Schleswig Dienstaufsichtsbeschwerde gestellt. Nun muss sich die Stadtvertretung als Dienstherr der Bürgermeisterin mit diesem Vorfall befassen.

Warum aber stellt ein Schleswiger eine Dienstaufsichtsbeschwerde? Torsten Schulze war einige Jahre hindurch Vorsitzender der deutsch-jüdischen Gesellschaft im Landesteil Schleswig und bereiste unlängst das Holländerstädtchen. "Ich war entsetzt, als ich den jüdischen Friedhof gesehen habe", sagt Schulze gegenüber unserer Zeitung. Auch verstehe er nicht die fehlende Sensibilität der Stadt gegenüber den Überbleibseln der jüdischen Geschichte Friedrichstadts.

Anders als bei christlichen Fried höfen, würden die jüdischen nämlich nicht mit Blumen geschmückt. Besucher würden auch keine Blumen auf das Grab legen, sondern einen kleinen Stein als Erinnerung auf den Grabstein. Doch in Friedrichstadt, beklagt Schulze, würden diese Erinnerungssteine einfach von den Grabsteinen entfernt.

In der Dienstaufsichtsbeschwerde "Friedrichstadt lässt jüdische Leichenhalle verfallen" heißt es dazu: "An der Ecke Schleswiger Straße / Eiderallee in Friedrichstadt ist am jüdischen Friedhof die alte Leichenhalle der früheren jüdischen Gemeinde zu finden. In den 1930er Jahren wurde das Gebäude zwar in ein Trafo-Häuschen umgebaut, trotzdem stellt das Objekt neben der restaurierten Synagoge eines der letzten Zeugnisse des Judentums in Stadt und Umgebung dar. Zudem befindet sich der neue jüdische Friedhof genau neben und hinter dem Gebäude. Leider lässt die Kommune Friedrichstadt das Gebäude verfallen, zudem sind an den Wänden Schmierereien zu finden, die niemand beseitigt.

Der Verfall des Gebäudes lässt den Schluss zu, dass der Kommune Friedrichstadt nicht an einem würdigen Andenken gelegen ist und dass man unter Umständen die Unterhaltungskosten des Gebäudes einsparen möchte.

Das Gebäude ist in einer Art wieder herzustellen, die das Andenken der ehemaligen jüdischen Gemeinde sowie der unmittelbar neben dem Bau ruhenden Verstorbenen nicht herabsetzt."

Dr. Margita Meyer vom Landesamt für Denkmalpflege in Kiel will den historischen Wert der Leichenhalle nicht bewerten, sagt aber, dass die Beschwerde möglicherweise zum Anlass genommen werde, mit der jüdischen Gemeinde in Kiel in Kontakt zu treten. Diese könne dann ihre Vorstellungen äußern. In Hamburg beispielsweise hätte die Gemeinde in ähnlich gelagerten Fällen dazu geraten, alles so zu lassen. Die Denkmalpflegerin empfiehlt zudem der Stadt Friedrichstadt, ebenfalls Kontakt mit der jüdischen Gemeinde in Kiel aufzunehmen, um das Thema Leichenhalle zu erörtern. Bürgermeisterin Regine Balzer äußerte sich bislang nicht zu der Dienstaufsichtsbeschwerde.

Der neue jüdische Friedhof wurde 1887/88 an der Schleswiger Straße in unmittelbarer Nähe des lutherischen Friedhofes angelegt. Die Gemeinde errichtete dort ein Taharahaus (Leichenhalle). 1940 fand die letzte Beisetzung auf diesem Friedhof statt, der dann aufgelassen wurde.

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen