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Der Ostereier-Maler aus Husum : Kreativer Typ mit sozialer Ader

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Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Seit fast drei Jahrzehnten bemalt der Husumer Rolf Brendler Ostereier, die er zum Fest an Freunde und Bekannte verschenkt. Herumzusitzen ist seine Sache nicht: „Ich muss etwas tun,“ sagt der frühere Vorsitzende des Kunstvereins. Warum also nicht Eier bemalen?

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erstellt am 20.Apr.2014 | 12:00 Uhr

„Jetzt müsste ich eigentlich weitermachen“, sagt Rolf Brendler (Jahrgang 1938). Das ist zwar kein Rauswurf, aber eine klare Ansage. Auf dem Tisch steht noch der Koffer mit Pinseln und Farbtöpfen – daneben liegen ein Maltuch und eine selbstgebaute Vorrichtung zum Zwischenlagern der Ostereier. Das letzte Ei hat er erst vor wenigen Minuten zu bemalen begonnen. Aber irgendetwas daran gefällt ihm nicht. Und am liebsten würde er sich sofort darüber hermachen, aber das geht nicht, denn noch ist Besuch im Haus. Wir haben verstanden und gehen.

„Ich muss handeln“, hatte der frühere Vorsitzende des Kunstvereins Husum und Umgebung schon zu Beginn unseres Gespräches erklärt. „Ich kann mal ein Buch lesen, aber so nach einer Stunde werde ich unruhig. Dann muss ich was tun.“

Wenn er von seinen Ostereiern spricht, bekommen Worte wie „begreifen“ oder „anfassen“ dann auch eine andere, grundlegendere Bedeutung. Brendler bringt es auf den Punkt: „Ich kann viel über Ostern diskutieren, aber ich muss auch was dazu tun“, sagt er. Erst dann werde klar, worum es geht.

Ostereier zu bemalen und Weihnachtssterne aus Stroh zu basteln, ist ihm aber nicht in die Wiege gelegt worden. „Vor Jahren hat mir meine Frau mal einen Bauernmal-Kurs geschenkt. Den konnte ich ja schlecht ablehnen.“ Also ging er hin und fasst seine Eindrücke mit den Worten des bengalischen Dichters und Philosophen Tagore zusammen: „Ich schlief und träumte, das Leben wäre Freude. Ich erwachte und sah, das Leben war Pflicht. Ich handelte und sah, die Pflicht war Freude.“ So ging es auch ihm. Als er sich dann zum fünften oder sechsten Mal anmelden wollte, winkte die Kursleiterin ab: „Sie brauchen mich nicht mehr“, entschied sie und überließ Brendler der eigenen Kreativität. „Darum geht es mir auch“, sagt der: „Ich möchte keine Werte schaffen, sondern gestalten.“ Das Haus der Brendlers ist ein Sinnbild dieser Haltung: Dosen, Tabletts, Milchkannen, Skulpturen aus Eisen und Stein, Weihnachtssterne und Ostereier – Rolf Brendler hat sich an allem versucht. Und als seine Frau irgendwo Zier-Eier entdeckte, die mit einer Art Goldfolie überzogen waren, ging er zu Marid Taubert in die Galerie Tobien und ließ sich zeigen, wie man vergoldet.

So war das schon immer. Im katholischen Münster geboren, durfte Brendler, dessen protestantische Eltern aus Rostock und dem Rheinland stammten, nicht mit den anderen Schülern in die Kirche gehen. „Ich empfand das als ungerecht und war umso emsiger, wenn es darum ging, unseren Schulraum zu gestalten“, berichtet er. „Meine Mutter sagte immer: ,Mach’ das Beste daraus.‘ Daran habe ich mich gehalten.“ Mehr noch: Das mütterliche Motto trägt ihn durchs Leben. Und es hat ihn gelehrt, dass man sich beim Erreichen eines Ziels auch mal einen kleinen Umweg leisten kann.

Weil seine Eltern wollten, dass er etwas Handfestes lernt, absolvierte Brendler zunächst eine Ausbildung zum Maschinenschlosser und wollte anschließend Maschinenbau studieren. „Aber meine Schwester war besser in der Schule.“ Für beide Kinder reichte das Geld nicht, und so entschieden die Eltern, „dass ich Abitur mache“. Aber das wollte Brendler nicht, und so erwarb er seine Hochschulreife neben der Arbeit. „Da ging viel Jugend verloren“, sagt er heute.

Eine noch wichtigere Wegmarke war allerdings sein „Freiwilliges Soziales Jahr“ an einer Förderschule für junge Kriegsheimkehrer in Hagen. „Danach wollte ich nicht mehr Maschinenbau, sondern Sozialarbeit studieren. Ich bin eben nicht nur ein haptischer, sondern auch ein sozialer Typ.“

Wenn er sich ans Ostereier-Malen macht, ist das immer auch eine Art Meditation: „Ich schaffe mir ein neues Zuhause – nur zu diesem Zweck.“ Viel Platz braucht er dafür nicht. Der Esstisch im Wohnzimmer reicht vollkommen. Dazu hört er die denkbar schrägste Jazz-Musik, „und manchmal spreche ich sogar mit den Eiern“. Gemalt wird mit Wasserfarben, und gelegentlich verwendet er auch Eier aus Kunststoff. „Aber wenn sie draußen hängen und der Witterung trotzen sollen, müssen die hinterher genauso lackiert werden.“ Die floralen Motive seien sicher ein Relikt der Bauernmalerei, räumt Brendler ein. Aber manchmal sind auch eine österliche Serviette oder Eindrücke von seiner Indien-Reise Quell seiner Inspiration.

Wie gut der haptische und der soziale Rolf Brendler miteinander harmonieren, wird dann spätestens zu Weihnachten und Ostern deutlich. Dann verlassen einige Sterne und Eier sein Haus, um die Wohnstuben von Freunden und Bekannten zu schmücken – bis er endlich wieder neu Hand anlegen kann.

 

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