Grossübung bei Sylt : Konzept „Hindenburgdamm 2.0“ steht

Die Katastrophenschutzübung auf dem Hindenburgdamm lieferte wertvolle Erkenntnisse für das neue Rettungskonzept.
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Die Katastrophenschutzübung auf dem Hindenburgdamm lieferte wertvolle Erkenntnisse für das neue Rettungskonzept.

Das neue Rettungskonzept für den Hindenburgdamm steht. Nach der Großübung im Vorjahr konnte noch einiges verbessert werden. Der Notfallplan des Kreises Nordfriesland hat sich auch beim Amrumer Fährunglück bewährt.

shz.de von
18. Juni 2014, 12:00 Uhr

Sylt | Nach 15 Monaten Vorbereitungszeit fand eine Rettungsübung mit mehr als 600 Einsatzkräften und über 80 Verletzten-Darstellern auf dem Hindenburgdamm statt. Ziel war es, die neue Einsatzkonzeption für den Hindenburgdamm in der Praxis zu überprüfen. „Der Aufwand hat sich gelohnt“, zieht Nordfrieslands Landrat Dieter Harrsen jetzt Bilanz der Aktion in der Nacht vom 31. August auf den 1. September 2013: „Schon während der Übung selbst war deutlich, dass das weitaus meiste reibungslos klappte. Trotzdem konnte noch einiges verbessert werden. Auch dieser Schritt ist nun abgeschlossen.“

Mehr als 100 sachkundige Beobachter hatten die Übung die Nacht hindurch begleitet und sich Notizen gemacht. Dazu kam eine Vielzahl von Rückmeldungen aus allen beteiligten Organisationen und Behörden wie Feuerwehren, THW, DRK, DLRG, Rettungsleitstelle Nord, Polizei und Bundespolizei, Deutsche Bahn, Nord-Ostsee-Bahn und DB-AutoZug. In insgesamt zehn Nachbesprechungen wurde jedes Detail auf Herz und Nieren geprüft.

„Das bisherige Konzept wurde sehr gelobt. Aber nichts ist so gut, dass es nicht noch verbessert werden könnte. Wir haben alle Hinweise genau analysiert und viele berücksichtigt“, berichten Christian Wehr, der Leiter des Fachdienstes Rettungswesen in der Kreisverwaltung, und Kreiswehrführer Christian Albertsen.

So können nun sehr schnell weitere Feuerwehrleute eingesetzt werden, wenn die ersten Einsatzkräfte erschöpft sind: „Die Transportwege auf dem Damm sind lang und körperlich anstrengender als gedacht. Deshalb müssen die Aktiven in kürzeren Zeiträumen abgelöst werden“, erläutert Christian Albertsen. Erreicht wird dies, indem die Feuerwehren aus Wenningstedt und Braderup nicht mehr nur alarmiert werden, um sich bereitzuhalten, sondern sich nach dem Alarm in einen festgelegten Bereitstellungsraum begeben, von dem aus sie den Damm schnell erreichen können. Verändert wird auch die Führungsstruktur im Medizinischen Rettungszug, der von Niebüll aus eingesetzt wird: „Jede mitfahrende Feuerwehr sowie das THW werden zukünftig jeweils einen Gruppenführer stellen, der die geschlossenen Gruppen vor Ort führen soll“, erläutert Christian Wehr. „Wir stellen im Alltag immer wieder fest, wie unglaublich wichtig es ist, dass man sich untereinander kennt. Das macht die Kommunikation viel, viel einfacher.“

Kritisiert wurde ebenfalls, dass die Tragen zum Verletzten-Transport nicht parat standen, als der Rettungszug eingetroffen war. „Das sind vermeidbare Zeitverluste“, sagt Wehr. Jetzt wird automatisch ein Tragendepot auf dem Damm eingerichtet, aus dem sich dieTeams der vorbeifahrenden Wagen bedienen sollen. Schneller sollen auch Patienten transportiert werden, die im Zug als Schwerverletzte eingestuft wurden. Sie müssen am Behandlungsplatz an der Autoverladung bei Niebüll nicht erneut untersucht werden, sondern können sofort in Einsatzfahrzeuge oder Hubschrauber gebracht werden, um die nächste Klinik schneller zu erreichen.

„Etwas unterschätzt haben wir auch den Bedarf an psycho-sozialer Notfallversorgung am Behandlungsplatz sowie im Rettungszug“, weiß Christian Wehr. Aber nicht nur die Schwer-, sondern auch viele Leicht- und Unverletzte sowie ihre Angehörigen müssen betreut werden, damit diese nicht zusammenbrechen. „Daher werden wir künftig weitere psychologisch ausgebildete Personen einsetzen. Ich freue mich sehr darüber, dass fast jeder, den wir als potenzielle Hilfskraft ansprechen, sich auch bereit erklärt. Das ist nicht selbstverständlich“, sagt Wehr.

Doch der Entwurf des Rettungskonzeptes wurde im Nachhinein nicht nur erweitert, sondern an anderen Stellen auch gekürzt: So hat sich die Bereitstellung eines zusätzlichen Einsatzleitwagens am festländischen Damm-Übergang zur Verbesserung der Kommunikation als entbehrlich erwiesen. „Das lief auch so“, erinnert sich Albertsen. „Diese Kräfte können wir besser an anderer Stelle einsetzen.“

Christian Wehr und seine Mitarbeiter sowie Christan Albertsen und seine 5500 aktiven Feuerwehrleute sind nicht nur für den Hindenburgdamm zuständig, sondern für ganz Nordfriesland. Ihrer Arbeit ist es maßgeblich zu verdanken, dass der „echte Rettungseinsatz“ kurz vor Pfingsten reibungslos ablief, nachdem eine Fähre die Kaimauer auf Amrum gerammt hatte und 30 Verletzte zu versorgen waren. „Auch dafür hatten wir einen zuvor ausgearbeiteten Notfallplan parat“, sagt Wehr. Viele der am Hindenburgdamm festgestellten Optimierungsmöglichkeiten seien auch in die anderen Einsatzkonzeptionen eingeflossen.

„Unser Rettungsdienst und die anderen Hilfeleistungsorganisationen sind gut organisiert, umfassend vorbereitet und bestens vernetzt – auch weit über die Grenzen des Kreises hinaus“, lobt Landrat Dieter Harrsen. „Das ist die Frucht jahrelanger harter Arbeit. Zusätzliche Übungen sind unerlässlich, damit das Zusammenspiel auch im Ernstfall funktioniert“, betont der Verwaltungschef. Sein besonderer Dank gilt allen Rettern aus den ehren- und den hauptamtlichen Organisationen, aber ebenso deren Arbeitgebern: „Bei dem harten Konkurrenzkampf heutzutage rechne ich es einem Unternehmer hoch an, wenn er es toleriert oder sogar fördert, dass seine Mitarbeiter sich zum Beispiel in der Feuerwehr oder dem THW engagieren. Nur so lässt sich auch bei größeren Schadenslagen ein effektiver Rettungseinsatz organisieren.“

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