Husumer Garten : Knochenfund: Rätsel ist gelöst

Beim Graben in der Woldsenstraße kamen diese Knochen ans Tageslicht.
Beim Graben in der Woldsenstraße kamen diese Knochen ans Tageslicht.

Dass es sich nicht um menschliche Überreste handelte, war schnell klar – aber die Rinderteile führten zu interessanten historischen Erkenntnissen. Sie stammten wohl von Tieren, die einer 1745 in Husum grassierenden Vieh-Seuche zum Opfer fielen.

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06. Juni 2014, 16:30 Uhr

Die Entdeckung sorgte für Aufregung: Weil Sturmtief „Christian“ seinem Grundstück in der Woldsenstraße 5 arg zugesetzt hatte, musste Matthias Schaper im Frühjahr ordentlich gärtnern. Das galt zwar auch für viele andere Haus- und Gartenbesitzer. Doch Schaper machte eine gruselige Entdeckung, nachdem er sich in unmittelbarer Nähe zum Nachbargrundstück tief in den Untergrund gebuddelt hatte: Dort lagen Knochenreste. Als gelernter Heilpraktiker – und damit auf dem Gebiet der Anatomie nicht gerade unbeleckt – schloss der 50-Jährige nicht aus, dass es sich bei den Funden um Menschenknochen handeln könnte und verständigte die Polizei. Allerdings war ihm schon beim Graben aufgefallen, dass die Knochen ziemlich porös und somit offenbar älteren Datums waren (wir berichteten).

Die Polizei untersuchte den möglichen „Tatort“ und schickte einen Bericht an die Kieler Rechtsmedizin. Von dort kam noch am selben Tag Entwarnung: Es handle sich wohl nicht um Menschenknochen, hieß es aus der Landeshauptstadt, sondern „mit hoher Wahrscheinlichkeit“ um die sterblichen Überreste von Rindern. Das wurde nach einer ausführlicheren Untersuchung bestätigt und die Knochen wurden vernichtet.

So weit, so gut. Das erklärte aber noch nicht, wie die Knochen an den Fundort gekommen waren. Eine Frage, auf die auch Dr. Ulf von Hielmcrone, in stadtgeschichtlichen Fragen bekanntlich eine Kapazität, keine Antwort wusste. An dieser Stelle habe es weder einen Friedhof noch eine Abfallgrube gegeben, erklärte er auf Anfrage. Dass dort die Gebeine von Menschen verscharrt wurden, die ihr Leben im nahegelegenen Henkershaus im Osterende ausgehaucht hatten, schloss von Hielmcrone aus. Und in der Nähe des Fundortes habe es einst einen Bachlauf gegeben, dessen Wasser die Husumer wohl kaum mit Abfällen oder Leichen kontaminiert hätten.

Also weiter Rätselraten? Vielleicht – vielleicht aber auch nicht. So kam von Sören Wohlenberg aus der Schückingstraße der Hinweis, dass es am Kuhsteig bis in die 50er Jahre hinein eine Schlachterei namens Johns gegeben habe. Mehr wusste Wohlenberg nicht. Uwe Iben – ebenfalls Experte für Stadtgeschichte – tauchte daraufhin noch einmal in die Annalen ein und hatte Erfolg: Tatsächlich gab es am Kuhsteig 3, also unweit der Fundstelle, einst die Schlachterei Rudolf Johns.

Wahrscheinlicher ist jedoch ein Hinweis, der die Redaktion aus dem Nordfriisk Instituut in Bredstedt erreichte. Dort hatte Mitarbeiter Fiete Pingel nach der Lektüre unserer Geschichte einen Band von Johann Laß’ „Sammlung einiger Husumischen Nachrichten von Anno 1089 bis Anno 1700“ aus dem Regal gezogen und war fündig geworden. In der ersten Fortschreibung des Buches aus dem Jahr 1790 ist unter der Jahreszahl 1745 auf den Seiten 188 und 189 von einer „weit um sich greifenden Vieh-Seuche“ zu lesen, die die Stadt heimgesucht habe. Mit allerlei „vortheilhaft erscheinenden Anordnungen“ versuchte die damalige Obrigkeit, „diesem Übel Einhalt zu thun“, auf dass sich die Seuche nicht ausbreite. Waren und Personen aus verdächtigen Orten wie Bredstedt oder Tondern wurden vor den Toren der Stadt kontrolliert und abgewiesen, wenn sie nicht über die nötigen Atteste verfügten. Gleichzeitig wurden am Kuhsteig Baracken eingerichtet, um das erkrankte Vieh zu isolieren und zu verhindern, dass gesunde Tiere sich anstecken. So konnte zugleich der Handel mit den umliegenden Dörfern und Gemeinden fortgesetzt werden. Wenn eines dieser Tiere – es handelte sich vor allem um Rinder – verendete, wurde es „von den dazu angenommenen Leuten im Kuhsteig untergraben“.

Also kein Verbrechen, wohl aber eine historische Entdeckung.

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