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Nach 30 Jahren : Klön- und Kleiderstube macht dicht

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Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Es kommen kaum noch Besucher in den Keller des Bredstedter Bürgerhauses. Das ehrenamtliche Helfer-Team der Arbeiterwohlfahrt streicht aus Altersgründen die Segel. Ob die Einrichtung komplett aufgelöst wird, entscheidet sich im Oktober.

Die Schotten dicht gemacht hat die Kleiderkammer der Arbeiterwohlfahrt in Bredstedt. Kein Personal, eine schlechte Altersstruktur im Verein, kaum noch Nachfragen nach Klamotten. Das sind in Kürze die drei Argumente, die den Vorsitzenden der Awo für Bredstedt und Umgebung, Heiko Franke, dazu veranlassen, nach 30 Jahren einen Schlussstrich zu ziehen. Ob der endgültig ist, wird sich bei der Jahresversammlung im Oktober zeigen. Damit das Klagelied des Ortsvereins, der inzwischen auf ein kleines Häuflein Getreuer geschrumpft ist, nicht ungehört verhallt, hat Franke dazu auch Vertreter des Kreisvorstandes und des Landesverbandes eingeladen.

„Es tut mir in der Seele weh, dass wir die Klön- und Kleiderstube schließen müssen“, sagt Heiko Franke. „Aber es geht nicht anders.“ Lange hatte der 66-Jährige mit seinen Vorstandskollegen versucht, ehrenamtliche Helfer zu gewinnen, die abwechselnd einmal in der Woche drei Stunden „Dienst“ tun, aber vergeblich. Alle hätten nur höflich genickt und Jaja gesagt, aber keiner sei wirklich angetreten.

Das hatte alles einmal ganz anders ausgesehen. Als die Klön- und Kleiderstube noch in einem Wohnhaus in der Herrmannstraße untergebracht war, war sie für viele Bredstedter ein beliebter Treffpunkt in der Woche. „Da hatten wir es richtig schön“, schwärmt Franke. Die hellen Räume waren nett eingerichtet, jeder konnte herumgehen und sich in Ruhe umsehen. Die Röcke, Blusen, Mäntel und Anzüge hingen übersichtlich auf Kleiderständern, die Pullover und Wäschestücke lagen – wie im richtigen Geschäft – fein säuberlich gefaltet in Regalen gestapelt. In der „guten Stube“ konnte man gemütlich bei Kaffee und Gebäck plauschen, und es gab sogar Kartenspiel-Runden. „Damals wurden wir noch unserem Namen Klön- und Kleiderstube wirklich gerecht“, blickt Franke wehmütig zurück. Nicht selten halfen spontan Nichtmitglieder beim Sortieren und Einräumen der Kleidung.

Aber dann wurde das Haus verkauft. Das Rote Kreuz hat dort jetzt sein Domizil. „Nach langem Hin und Her hat die Stadt uns damals dann den Raum im Parterre des Bürgerhauses angeboten“, so Franke: „Seitdem führen wir ein Kellerkind-Dasein.“ Beschränkt auf 25 Quadratmeter mussten die Helferinnen sehen, wie sie klar kamen. Weder für sie, noch für die Besucher ein Ort, an dem man sich gerne aufhält. Das Zwischenmenschliche kam zu kurz, der Austausch wurde aufs Wesentliche beschränkt. Dennoch hielt das Team durch. Bis jetzt. Aber nun ist Schluss.

„Wir sind nur noch 32 Mitglieder“, rechnet Franke vor, „und haben einen Altersquerschnitt von 76 Jahren.“ Allein elf Mitglieder sind zwischen 70 und 80 Jahre alt, sieben Mitglieder zählen zwischen 80 und 90 Lenze. Mit knapp über 50 Jahren ist Frauke Johannsen das „Küken“ im Verein. Doch sie ist beruflich sehr eingebunden und kann das Ruder auch nicht herumreißen.

„Bis jetzt hat ein Drittel des Vereins die Arbeit gemacht“, rechnet Heiko Franke vor, „acht aus dem Vorstand und zwei Revisoren.“ Doch aus Altersgründen wollen sich fast alle zurückziehen. „Man kann einfach nicht mehr“, gibt Annemarie Liebke unumwunden zu. Die 77-Jährige ist fast von Anfang an mit dabei. Aber aus gesundheitlichen Grünen muss sie jetzt passen. Elke Hansen (76) hatte bei der Awo gearbeitet. Als sie sah, wie sich Ulla Kroll, die lange Jahre den Verein geführt hatte, und Friedel Patz mit den Kleider-Kisten abmühten, hat sie einfach mit angepackt – und ist dabei geblieben. Aber auch sie setzt nun einen Schlusspunkt.

 


Der Aufwand lohnt sich nicht


Ebenso wie Christa Kelting. Die 65-Jährige trug die vergangenen Jahre die Verantwortung für die Kleiderstube. Sie sagt ganz klar: „Das lohnt sich doch nicht mehr.“ Für 1,50 Euro in der Kasse hätten zwei Personen drei Stunden lang herum gesessen. „Wir sind ja schon froh, wenn wir mal fünf Euro einnehmen.“ Kindersachen werden gar nicht mehr gewünscht, Schuhe kaum noch. Offensichtlich deckten sich die Familien bei Flohmärkten und in Billig-Discountern ein und besorgten sich Schnäppchen übers Internet. Für die wenigen Stammkunden, die die Einrichtung noch habe, lohne sich der Aufwand nicht.

„Es ist noch nicht einmal klar, ob wir überhaupt die Mindestanzahl von drei Personen für einen Vorstand zusammenkriegen“, sagt der jetzige Chef. Denn auch er will aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr antreten.

Über lange Jahre hatte die Awo Bredstedt außerdem schöne Unternehmungen für die Mitglieder selbst organisiert. Das ist schon lange nicht mehr drin. Jetzt schließt sich der Verein Unternehmungen an, die der Seniorenverein von Verdi auf die Beine stellt. Zuletzt war man gemeinsam in Wismar, im Advent soll es nach Kopenhagen und im Januar zum Musikfestival der Nationen nach Bremen gehen. Franke: „Da sparen so manche Mitglieder darauf hin, weil sie dann mal unter Leute kommen.“

Mit großem Bedauern sieht die Kreisvorsitzende der Awo, Christa Formeseyn (Nordstrand), die Entwicklung im Bredstedter Ortsverein. Unter allen Umständen müsse versucht werden, die Kleiderkammer zu erhalten, um weiterhin wohltätige Arbeit zu leisten zu können. Sie geht sogar noch einen Schritt weiter und regt an, diese Anlaufstelle möglicherweise als Awo-Treff auszubauen.

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erstellt am 12.Sep.2013 | 17:00 Uhr

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