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Demografischer Wandel und Flüchtlings-Versorgung : Klinikum Nordfriesland: Ausbau statt Abbau gefordert

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Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Das Klinikum Niebüll soll massive Einschnitte erleiden – aber die Gemeinden Südtonderns wollen da nicht mitziehen. Sie fordern sogar die Rückführung bereits ausgegliederter Abteilungen.

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erstellt am 27.Nov.2015 | 20:48 Uhr

„Wir sind an einem Punkt, wo wir uns jetzt einmischen“, sagt Südtonderns Amtsvorsteher Peter Ewaldsen. Das Amt mit seinen 30 Gemeinden, die Stadt Niebüll als Standortgemeinde des Krankenhauses, Leck und Tinningstedt als Standortgemeinden der künftigen Erstaufnahmeeinrichtung (EAE) sowie der Förderverein Krankenhaus Niebüll kämpfen gemeinsam für und um den Erhalt der für die Region lebensnotwendigen Einrichtung.

Peter Ewaldsen macht die Ziele klar: „Wir wollen die Beibehaltung des Standortes Niebüll als Krankenhaus der Grund- und Regelversorgung – und zwar mit allen Dingen, die wir haben und auch hatten.“ Dazu zählen die Beibehaltung der Notfallchirurgie über 24 Stunden (denn ohne sie sei von 18 bis 6 Uhr keine Notfallversorgung mehr möglich), der Geburtshilfestation, der Intensivstation und der HNO-Station.

Doch das reicht nicht. Nach und nach wurde vieles abgezogen: die Wäscherei, die Küche und vieles mehr. Das soll sich ändern. Und: Die Südtonderaner fordern auch die Berufsgenossenschaft-Chirurgie und ihren Facharzt zurück. Ewaldsen: „Wir hatten einen entsprechenden Arzt im Klinikum hier vor Ort. Doch den hat uns Husum in seiner unendlichen Weisheit weggenommen und dann gemerkt, dass das Krankenhaus in der Kreisstadt für diese Aufgaben gar nicht gerüstet ist.“ Hier fehlt nämlich das, was in Niebüll längst vorhanden ist: ein Hubschrauberplatz, der jetzt für etwa 4,5 Millionen Euro nachgerüstet werden müsste. „Das ist die Folge von Missmanagement“, sagt Peter Ewaldsen.

Dazu zählt auch die finanzielle Lage. „Vor 15 Jahren hat Niebüll noch plus gemacht, hatte vor der Fusion noch 18 Millionen, damals DM, Rücklage“, erklärt Werner Laabs vom Förderverein Krankenhaus Niebüll. Nun mache das Haus plötzlich, obwohl zu 90 Prozent ausgelastet, 1,6 Millionen Euro minus, Tönning 0,7 Millionen Euro minus, Husum hingegen 0,7 Millionen Euro plus. Amtsvorsteher Ewaldsen hinterfragt diese Zahlen, und auch Amtsdirektor Otto Wilke hat Zweifel: „Unsere Sorge ist, dass unser Krankenhaus schlecht gerechnet wird.“

Bis vor sieben Jahren hätte jedes Krankenhaus im Klinikum eine Identifikations-Kennung gehabt, sei getrennt abgerechnet worden. Dann, so Ewaldsen, habe der Geschäftsführer der Klinikum Nordfriesland gGmbH, Frank Pietrowski, die Idee gehabt, alles in einen Topf zu werfen. Wichtig sei jetzt, dass die vom Kreis beauftragte Flensburger Wirtschaftsprüfungsgesellschaft BDO hier ins Detail gehe, die einzelnen Kostenblöcke zuzuordnen und auszumachen, welches Haus tatsächlich negative Blöcke produziere.

Eine der Forderungen an den Kreis ist, zu prüfen, wie sich die Abrechnungen der Krankenhausleistungen verteilt auf die einzelnen Standorte auswirken. Weiterhin möchten die Südtonderaner eine Darstellung des Patientenverhaltens in ihrer Region – unterteilt nach Wanderbewegungen Richtung Flensburg und Husum und die betriebswirtschaftliche Darstellung des für den Standort Husum erforderlichen neuen Hubschrauberlandeplatzes.

Zwei weitere Punkte, die der Kreis Nordfriesland bei seiner Entscheidungsfindung berücksichtigen solle: Die Bevölkerung wird zunehmend älter, und nicht gesünder oder gar mobiler. Und: 2000 Flüchtlinge sollen ab dem kommenden Jahr auf dem ehemaligen Flugplatz Leck untergebracht werden. Deren Stehzeit beträgt im Schnitt sechs bis zehn Wochen. Otto Wilke: „Insgesamt rechnen wir mit etwa 10.000 Menschen, die jährlich die Erstaufnahmeeinrichtung passieren.“ Menschen, die verschiedenste Erkrankungen mitbringen und unter Traumata leiden. Wie aber sollen sie versorgt werden?, fragt sich nicht nur Lecks Bürgervorsteher Andreas Deidert. „Das muss alles hier vor Ort passieren.“ Denn: „Wie will man von Leck nach Husum kommen? “ Der öffentliche Nahverkehr sei dafür nicht geeignet. Fehle erst einmal die Grund- und Regelversorgung in Niebüll, bedeute dies zusätzlich einen kostenintensiven Ausbau des zum Kreis gehörenden Rettungsdienstes.

„Wir sind jetzt gefordert, Vorschläge zu machen“, sagt Otto Wilke. „Es muss über alles frei nachgedacht werden“, ergänzt Ewaldsen. Das Klinikum Nordfriesland stehe unter enormen Zeitdruck, sagt er, denn zu Beginn 2016 drohe ihm die „absolute Insolvenz“ – eine Folge mangelnden Controllings.

Dennoch müssen gute, keine schnelle Lösungen her. Eine Möglichkeit: durch die Erhöhung der Kreisumlage die Finanzierung und einheitliche Versorgung aller vier Häuser – Husum, Niebüll, Wyk und auch Tönning – zu gewährleisten. Amtsvorsteher Wilke: „Es ist ein Wunsch von uns, das solidarisch zu handhaben.“ Wenn alle Stricke reißen, ist die Herauslösung des Niebüller Krankenhauses aus dem Verbund eine Option. Auch sie soll nun geprüft werden. Otto Wilke: „Aber das Amt kann nicht Träger der Einrichtung werden, das lässt die Amtsordnung nicht zu.“ Möglich sei ein Zweckverband.

Wie auch immer: Die Entscheidung treffen letztendlich die Bürger durch die Nutzung ihrer Klinik.

 

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