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Alpenstrandläufer : Kleinen Vielfliegern auf den Fersen

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Test auf Behörden-Dach: Husumer Biologen nutzen Spezialgeräte, um die Lebensgewohnheiten eines Vogels zu erforschen.

„Besser den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach“, sagt der Volksmund. Die Biologen Dr. Barbara Ganter und ihr Mann, Dr. Hans-Ulrich Rösner, wollen beides. Dafür nehmen sie einiges auf sich, steigen sogar anderen aufs Dach. So wie jetzt, als Ganter auf dem Dach des Landesbetriebes für Küstenschutz, Nationalpark und Meeresschutz (LKN) in Husum – ein Dutzend sogenannte Geolokatoren installiert hat. Mit ihnen will das Wissenschaftler-Paar Lebensbedingungen und -gewohnheiten eines dritten Vogels, des Alpenstrandläufers (calidris alpina), erforschen: im nordfriesischen Wattenmeer, wo er auf dem Weg gen Norden zu Abertausenden Station macht, und in der norwegischen Arktis, wo für einen Teil der Vögel die Kinderstube liegt.

Doch bevor sie die Vögel mit Geolokatoren ausstatten und Daten darüber sammeln können, wo die Vögel sich wann aufhalten, müssen die Geräte erst noch „kalibriert“ werden. „Geolokatoren registrieren Lichteinfall, Lichtstärke und die Uhrzeit“, erläutert Ganter. So lassen sich Sonnenauf- und -untergang errechnen. „Und das nutzen wir, um die jeweiligen Längen- und Breitengrade zu bestimmen. So können die Flugrouten der Vögel recht genau nachverfolgt werden.“ Was das heißt, verdeutlicht die Biologin an einem Zahlenspiel: „Alpenstrandläufer legen im Jahr bis zu 5000 Kilometer zurück. Mit Hilfe der Lokatoren können wir diese Strecke auf 50 bis 100 Kilometer genau bestimmen.“ Nun gleicht allerdings keiner dieser kleinen, extrem leichten Datensammler dem anderen. Um vergleichbare Messergebnisse zu erzielen, werden sie eine Woche vor dem Einsatz exakt denselben Bedingungen ausgesetzt. Aber dafür den richtigen Standort mit freiem Fernblick zu finden, ist gar nicht so leicht. Umso glücklicher war Dr. Ganter, als sie mit ihrem Wunsch beim LKN offene Türen einrannte. Der Platz auf dem Behörden-Dach hat noch einen Vorteil: „Da kommt niemand hin.“

Jedes der rund 100 Euro teuren Geräte ist mit einem Lichtsensor, einem Datenspeicher und einer kleinen Batterie ausgestattet und wiegt zirka 1,5 Gramm. Das ist ungefähr drei Prozent dessen, was ein Alpenstrandläufer selbst wiegt. „Wir dürfen den Tieren ja nicht zu viel zumuten.“

Aber warum trägt ein Watvogel den seltsamen Namen Alpenstrandläufer? Ganter lacht: „Das liegt an Carl von Linné. Der hat ihn einst im schwedischen Bergland entdeckt und ihm einen lateinischen Namen gegeben.“ Bei der Übersetzung wurde dann Alpenstrandläufer daraus.

Mitte Juni reisen Rösner und Ganter nach Gamvik, einem kleinen Ort östlich des Nordkaps, auf dem 71. Breitengrad. Dort stehen drei Wochen „verschärfter Feldforschung“ auf dem Plan. „Wir suchen die Nester, zählen die Eier und beringen Jung-, aber auch Altvögel, damit wir sie später wiederfinden können.“

Die Geolokatoren kommen dabei übrigens erstmals zum Einsatz, obgleich das Projekt selbst schon seit einem Vierteljahrhundert läuft. „Inzwischen kennen wir ganze Familiengeschichten und Stammbäume“, sagt Ganter.

Ihren Anfang nahm die freiwillige Langzeitstudie in den 1990er-Jahren, als Rösner an seiner Promotion über Watvögel schrieb. Der Alpenstrandläufer ist für derlei Untersuchungen besonders geeignet, weil er sehr ortstreu ist und sich relativ leicht wieder einfangen lässt. Die jährliche Rückkehrer-Quote liegt bei 70 bis 80 Prozent, sagt Ganter. Anfangs haben Rösner und sie nur mit Kollegen in Norwegen zusammengearbeitet. Doch inzwischen hat das Ganze – wie der Vogelzug selbst – internationale Dimensionen angenommen: In diesem Jahr werden an verschiedensten Stellen der Arktis – von Alaska über Grönland bis Sibirien – Alpenstrandläufer mit Geolokatoren ausgestattet, um die Zugwege der verschiedenen Unterarten miteinander zu vergleichen. Apropos: Ein Hauch von Heimat scheint auch Internationalisten wie den Alpenstrandläufern wichtig zu sein. Wenn die Husumer Forscher in Norwegen sind, wohnen sie immer in einem stillgelegten Leuchtturm. „Der sieht so ähnlich aus wie der in Westerheversand“, sagt Ganter. Das hat offenbar auch eines der Vogelpaare entdeckt und lässt sich, wenn es in Nordfriesland ist, vorzugsweise in Sichtweise des Eiderstedter Wahrzeichens nieder. Da schließt sich dann der Kreis.

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erstellt am 12.Jun.2016 | 06:45 Uhr

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