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Ende einer Dienstfahrt : Kirgisische Lkw-Fahrer in Husum gestrandet

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Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Mehrere kirgisische Lastwagenfahrer saßen nach einem Transport von Afghanistan nach Wester-Ohrstedt in Husum fest. Inzwischen haben einige von ihnen Folge-Aufträge.

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erstellt am 15.Aug.2014 | 08:00 Uhr

Bildlich gesprochen sind die sieben Männer in Husum gestrandet. Doch nun sollen sie nach und nach den Heimweg antreten – eine konzertierte Aktion von Anwohnern, Stadt Husum, Polizei, Bundeswehr und einer großen Speditionsfirma macht es möglich. Tagelang, ja einige sogar noch länger, hatten sieben Kirgisen die Neue Freiheit zu einer Art unfreiwilligem Flüchtlingslager für auftragslose Lastwagenfahrer umfunktioniert. Ende einer Dienstfahrt, die im fernen Mazar-i-Sharif begann und in Nordfriesland ihren vorläufigen Abschluss erfuhr.

Vom gleichnamigen Bundeswehr-Stützpunkt im Norden Afghanistans, der bis Jahresende peu à peu verkleinert werden soll, hatten die Fahrer Material nach Deutschland, genauer gesagt ins Materialdepot der Bundeswehr nach Wester-Ohrstedt, verfrachtet. „Aber bleiben und auf Folgeaufträge warten konnten sie hier nicht“, erläutert Oberleutnant Simon Flach. „Weil das Gelände militärischer Sicherheitsbereich ist.“ Auf der Suche nach einem Ausweichquartier wurden die Brummi-Fahrer dann in Husum fündig. „So reich sind Lkw-Stellplätze in Nordfriesland ja nicht gesät“, weiß Flach. Auf der Neuen Freiheit harrten die Männer neuer Aufträge, die allerdings nicht kamen. Und so wurden neben Anwohnern auch Polizei und Stadtverwaltung auf die etwas andere Wagenburg in der Adolf-Brütt-Straße aufmerksam.

Einer der ersten, der die Männer bemerkte, war Viktor Rein. Er wohnt gleich in der Nachbarschaft, stammt ursprünglich selbst aus Kirgisistan und wollte bei den Ex-Landsleuten „einfach mal nach dem Rechten schauen“. Die hatten sich inzwischen leidlich in ihre neue Situation eingefunden, marschierten zum Toilettenhäuschen in den Schlosspark, duschten im Hallenbad, kochten und aßen unter freiem Himmel und schliefen – wie andere Brummi-Fahrer auch – in ihren Lkw.

Rein ist nicht zum ersten Mal Zeuge, wie Kollegen in die Speditions-logistische Warteschleife geraten und auf der Neuen Freiheit auf neue Aufträge warten müssen. „Manchmal hat hier schon ein ganzes Dutzend Brummis gestanden“, sagt der 73-Jährige, der früher selbst König der Landstraße war und mit vielen der kirgisischen Fahrern inzwischen gut befreundet ist. Mehr noch: Weil die Infrastruktur der Freiheit mit der eines modernen Campingplatzes so viel gemein hat wie ein einfaches Zelt mit einem Vier-Sterne-Hotel, unterstützten er und andere die Gestrandeten, so gut es ging. „Wir haben gedolmetscht, beim Einkauf geholfen oder Gasflaschen besorgt, damit die Jungs auch mal was Warmes zu essen bekommen.“ Und wenn es eng wird, lassen Rein oder Karabay Barbe, der ebenfalls gebürtiger Kirgise ist, sie sogar bei sich zu Hause waschen. Aber auch Dierk Nissen und Jan Lass, beide langjährige Lkw-Fahrer, fragten nach dem Rechten und nahmen Kontakt zu Behörden auf.

Überhaupt „sollten die Kraftfahrer aus dem fernen Kirgisien hier auf keinem Fall im falschen Licht erscheinen“, weiß Hauptkommissar Frank Brüchmann vom Polizeirevier zu berichten. Er hatte sie am Montag mit einer Kollegin besucht und lässt keinen Zweifel daran, dass sowohl deren Papiere als auch die Fahrzeuge „in einwandfreiem Zustand“ waren. Selbst über genügend Bares hätten die Männer verfügt. „Das einzige, was fehlte, war ein Anschluss-Auftrag, der ihnen die Heimfahrt ermöglicht.“ Dass es angesichts des Konflikts zwischen der Ukraine, Russland und der Europäischen Gemeinschaft ausgerechnet Menschen aus einer ehemaligen Sowjetrepublik sind, die Bundeswehr-Material aus Afghanistan nach Wester-Ohrstedt transportieren, findet Brüchmann geopolitisch „schon irgendwie kurios“. Oberleutnant Flach hat dafür allerdings eine ebenso globalisierungsreife wie einfache Erklärung: „Den Rücktransport aus Afghanistan hat eine Speditionsfirma übernomnen. Und wen die als Subunternehmer beauftragt, darauf haben wir natürlich keinen Einfluss.“

Dass die Männer nun offenbar doch noch Folgeaufträge erhalten haben und in ihre Heimat zurückkehren können, ist auch ein Verdienst des Ordnungsamtes. Von hier aus nahm Karl-Friedrich Bumb mit allen zuständigen Stellen Kontakt auf und freute sich sehr, als die Geschäftsführung der Spedition versprach, sich der Sache anzunehmen. „Obwohl sie, da der eigentliche Transport ja an Subunternehmen weitergereicht wurde, im Grund gar nicht zuständig war“, wie Bumb berichtet. Aber manchmal muss man eben drei grade sein lassen, damit die Dinge vorankommen. Und tatsächlich: Keine zehn Minuten nach dem Telefonat sei der erste Lkw bereits fort gewesen, sagt der stellvertretende Leiter des Ordnungsamtes.

Das Problem ist damit freilich nicht gelöst, und auch Bumb weiß, dass neue Lastwagen kommen und andere oder vielleicht sogar dieselben Fahrer wieder in Husum stranden werden. „Doch vor dem Hintergrund, dass sie nur mittelbar zuständig waren, haben alle beteiligten Stellen ihr Bestes getan, um das Problem im Sinne der Fahrer zu lösen“, findet er.

Das sehen sicher auch deren deutsche Freunde und Kollegen so. Doch warum die kirgisischen Lkw-Fahrer zum Schlosspark laufen mussten und ihnen das Toilettenhäuschen an der Neuen Freiheit verschlossen blieb, verstehen sie nicht. Aufklärung kommt aus dem Rathaus: Dafür ist – und zwar ganz unmittelbar – das Gebäudemanagement der Stadt zuständig. Und von dort hieß es gestern auf Anfrage: Seit die Neue Freiheit nicht mehr als Veranstaltungsfläche, sondern nur noch als Parkplatz genutzt wird, ist das Toilettenhaus dort geschlossen und damit auch nicht mehr in einem gebrauchsfähigen Zustand.

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