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Alarmierende Zahlen : Kinderschutz: Genauer hinschauen

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Insgesamt 36 Fälle von konkreter Kindeswohl-Gefährdung wurden den Behörden in Nordfriesland im vergangenen Jahr gemeldet. Landrat Dieter Harrsen fordert: „Lieber einmal zu oft reagieren als zu spät.“

Jahrzehntelanger sexueller Missbrauch durch Lehrer an Schülern – damit hat die Odenwaldschule im hessischen Heppenheim traurige Berühmtheit erlangt. Weil Vorgänge wie dieser beileibe kein Einzelfall sind, hat der Bundestag vor knapp drei Jahren ein neues Kinderschutzgesetz in Kraft gesetzt. Dadurch sind den Kreisen neue Aufgaben übertragen worden, es nimmt aber auch Berufsgruppen, wie Kindergärtnerinnen, Lehrkräfte an Schulen und Ärzte in die Pflicht, bei Anzeichen für eine mögliche Gefährdung des Kindeswohls tätig zu werden. Dazu sind sie durch das Gesetz teilweise von ihrer Schweigepflicht entbunden. Und es zeigt Wirkung, es wird genauer hingeschaut: „Die Meldungen nehmen zu“, sagt Petra Opelt aus dem Fachbereich Jugend, Familie und Bildung der Kreisverwaltung. Ihre Zahl hat sich seit 2012 verdoppelt. Allein Anfang diesen Jahres gingen beim Kreis bereits 165 Meldungen ein, 2013 waren es insgesamt 190. Nach genauer Prüfung lag im Vorjahr in 12,6 Prozent der Fälle eine konkrete Kindeswohl-Gefährdung vor, in 6,6 Prozent der Fälle eine latente.

„Lieber einmal zu oft reagieren als zu spät“, betont denn auch Landrat Dieter Harrsen. Bei der Umsetzung des neuen Gesetzes sieht er den Kreis Nordfriesland einem sehr guten Weg, lobt er das Jugendamt des Kreises. Doch auch ihm ist bewusst, dass es nie absolute Sicherheit geben kann: „Umso mehr sind wir alle aufgerufen, bereits auf kleine Anzeichen im Vorfeld einer möglichen Gefährdung des Kindeswohls zu achten und entsprechend tätig zu werden. “

„Selbstverständlich kann es in diesem Bereich keine glasklare Definition davon geben, ab wann jemand tätig werden muss. Es bleibt ein Abwägungsprozess, mit dem alle Berufsgruppen umzugehen lernen müssen. Dabei helfen wir ihnen“, so Petra Opelt.

Sie und ihr Kollege Florian Krenz arbeiten im Sachgebiet Kinderschutz daran, die Vorgaben des Gesetzes in die Praxis umzusetzen.

„Ein Schwerpunkt unserer Arbeit liegt auf Schulungen“, erklärt Florian Krenz: „Wir haben bereits zahlreiche Kindergärtnerinnen, Lehrkräfte sowie Mitarbeiter von Sozialzentren im Umgang mit dem neuen Gesetz geschult. Von vielen Teilnehmern erhalten wir sehr positive Rückmeldungen, weil sie auf diese Weise ein Stück Handlungssicherheit gewinnen.“

Während im Jugendamt ein Team von Fachkräften arbeitet, das eine Einschätzung gemeinsam vornehmen kann, stehen Lehrkräfte oder Mediziner meist allein vor dieser Aufgabe. Deshalb sieht das Gesetz vor, dass sie Spezialisten für eine Fachberatung zur Einschätzung einer Kindeswohlgefährdung konsultieren können. In Nordfriesland erfüllt das Kinderschutzzentrum Westküste diese Aufgabe. Ferner gibt gibt es einen Pool erfahrenen Fachkräften im Aufbau, die vom Kreis gestellt werden, so Krenz.

Ziel des Bundeskinderschutzgesetzes ist es, dass sich diejenigen kümmern, die engen Kontakt zu Kindern und Eltern haben. Dort besteht oft ein besonderes Vertrauensverhältnis, das nicht gestört werden soll. Wird hingegen gleich das Jugendamt eingeschaltet, sind Eltern oft verärgert“, erläutert Opelt. Führt ein Gespräch mit den Eltern allerdings nicht zum Erfolg und befürchtet die Lehrkraft eine tatsächliche Gefährdung des Kindeswohls, muss sie das Jugendamt einschalten. Auch darüber sollen die Eltern vorab informiert werden. Opelt: „Dann nimmt unser Allgemeiner Sozialer Dienst mit den Eltern Kontakt auf, um zum einen seine Hilfe anzubieten und zum anderen negative Folgen für das Kind auszuschließen.“

Die Kreisverwaltung hat im Internet unter www.nordfriesland.de/kinderschutz Informationen ins Internet gestellt. Dort finden sich Handlungsleitfäden für die Vorgehensweise bei vermuteter Kindeswohlgefährdung und Dokumentationsbögen dazu.

„Die Kinderschutz-Seite ist aber nicht nur für Fachkräfte gedacht, sondern soll auch Eltern, Kindern und Jugendlichen sowie Bürgerinnen und Bürgern Informationen dazu geben, was sie tun können, wenn sie sich Sorgen um ein Kind oder einen Jugendlichen machen, oder wo sie selbst Unterstützung erhalten können“, erläutert Petra Opelt.

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