Mädchen und Jungen wieder ohne Heimat : Kinderheim auf Nordstrand wird geschlossen

Zunächst war die Freude groß, Prinz Carolath (r.) wiederzusehen. Dann verkündet Caritas-Direktorin Angelika Berger mit Caritas-Personalleiter Thomas Lindloff (Mitte) die Schließung. Werner-Peter Paulsens Hoffnung scheint gestorben.
Zunächst war die Freude groß, Prinz Carolath (r.) wiederzusehen. Dann verkündet Caritas-Direktorin Angelika Berger (l.) mit Caritas-Personalleiter Thomas Lindloff die Schließung. Werner-Peter Paulsens Hoffnung scheint gestorben.

Die Direktorin des Caritasverbandes für Schleswig-Holstein, Angelika Berger, verkündet den Mitarbeitern das Aus. Die Gebäude sollen abgerissen werden. Die Mädchen und Jungen kommen in eine neue Einrichtung.

von
28. Januar 2015, 07:00 Uhr

Als Bürgermeister Werner-Peter Paulsen und Udo Prinz von Schoenaich-Carolath-Schilden sich am Dienstag, 27. Januar, persönlich auf Nordstrand von dem baulichen Zustand des Kinderheims, St.-Franziskus, ein Bild machen wollen, trauen der Gemeinde-Chef und der Unterstützer der katholischen Einrichtung ihren Augen nicht. Vor dem Gebäude stehen die Direktorin des Caritasverbands für Schleswig-Holstein, Angelika Berger, und der Personalleiter des Heim-Trägers, Thomas Lindloff, im Gespräch mit Christian Scheinert vom Caritasrat. Paulsen vermutet eine schlechte Nachricht, die dann von der Direktorin bestätigt wird: „Wir müssen das Kinderheim schließen.“ Sie müssten sich aber sofort auf den Weg nach Husum machen, informierte Angelika Berger auf dem Fuß, um dort Gespräche mit dem Jugendamt des Kreises zu führen. Ein Termin für die Schließung steht noch nicht fest.

Prinz Carolath hatte vorab schon einen Wink aus Hamburg bekommen, dass eine Entscheidung über die Zunkunft des Hauses bevorsteht. Für den Bürgermeister ist dieses Ergebnis desaströs für die Halbinsel. „Ich vermisse, dass mir jemand persönlich gesagt hat, dass das Heim schließt“, hadert Paulsen mit dem Ergebnis. Erst im Dezember vergangenen Jahres traf sich der Gemeinde-Chef zum Gespräch mit dem Landrat Dieter Harrsen und dem Weihbischof Dr. Hans-Jochen Jaschke, um die Zukunft des Hauses zu besprechen. „Dort signalisierte mir der Weihbischof, dass wir uns im Januar nochmal treffen“, sagt Paulsen etwas resigniert.

Die Müter und Kinder haben sich laut dem Bürgermeister auf Nordstrand integriert, haben sich gefangen und machen teilweise auch dort ihre Ausbildung. „Jetzt werden sie dort herausgerissen“, schimpfen Paulsen und Prinz Carolath gemeinsam. Aus langjährigen Erfahrungen des Unterstützers helfen die Nordstrander den Heimkindern. „Wenn man die Kinder – wie auf Nordstrand – gut behandelt, kostet es den Staat später weniger Geld“, macht der Prinz eine simple Rechnung auf. Für Paulsen ist es auch Geld der öffentlichen Hand. Denn: der Staat zieht die Kirchensteuer ein. Und für den Prinzen ist die Aufgabe der Kirche, sich für die Armen und Schwachen einzusetzen, nicht erfüllt. Auch dass vom Erzbistum niemand vor Ort war, entsetzt sowohl Prinz Carolath, der seit 35 Jahren zu Weihnachten den Kindern des Heims Geschenke bringt, als auch den Bürgermeister. Paulsen: „ Die haben den Bezug zur Basis verloren.“ Der heutige Dompropst Franz-Peter Spiza wollte laut Prinz Carolath in seiner Position als Generalvikar bereits das Heim 2006 aufgeben. „Er hat mir ins Gesicht gesagt, dass die Kirche keine Sozialstation sei.“

In einer Presseerklärung teilen das Erzbistum und die Caritas mit, dass das in den 1970er-Jahren errichtete Betriebsgebäude nicht mehr den baulichen Auflagen der staatlichen Behörden zur Betreibung eines Kinderheimes entspreche. Eine Sanierung sei nicht sinnvoll und ein Neubau für das Erzbistum Hamburg nicht finanzierbar. Sie hätten seit 2006 rund eine Million Euro in den Erwerb und in den Erhalt der Immobilie investiert. Aktuell beläuft sich der Investitionsbedarf auf mindestens 1,7 Millionen Euro.

Das Erzbistum will sich gemeinsam mit der Caritas für eine gute neue Beheimatung der Kinder, Jugendlichen und Mütter engagieren. Sie wollen auch eine gute Lösung für die Mitarbeiter suchen. Die Angestellten sind geschockt – dürfen sich aber nicht zur aktuellen Schließung äußern.

Die Gebäude hingegen sollen abgerissen werden. „Wir werden mit der Gemeinde Nordstrand über Entwicklungsmöglichkeiten des Geländes sprechen“, kündigt Diözesanadministrator Ansgar Thim an. Für den Bürgermeister ist das Handeln unverständlich: „Ich muss in meiner Kommune auch sehen, ob sich die Investition in 20 Jahren rechnet.“ Der Prinz sagt abschließend: „Ich werde weiter für den Erhalt kämpfen. So einfach kann sich die Kirche nicht aus der Verantwortung ziehen.“

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen