Katastrophe im Doppelpack

Im Konvoi: Rettungskreuzer schieben die Eisschollen beiseite, die Fähre folgt im Kielwasser.
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Im Konvoi: Rettungskreuzer schieben die Eisschollen beiseite, die Fähre folgt im Kielwasser.

Die gleiche Wetterlage stürzt Nordfriesland zwei Mal ins Schneechaos – zur Jahreswende 1978/79 und Mitte Februar erneut / Schicken Sie uns Ihre Erinnerungen

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25. November 2018, 18:37 Uhr

Milchbauern mussten per Hand melken, weil der Strom ausgefallen war. Schwangere wurden per Trecker in die Kliniken gefahren oder entbanden in Rettungsfahrzeugen, weil auf den Straßen kein Durchkommen war. So mancher musste durchs Fenster aus seinem Haus klettern, weil die Haustür zugeschneit war. Dänemark-Urlauber saßen in Südtondern fest und wurden mit Gulaschsuppe bei Laune gehalten. Statt Silvester zum Tanz zu gehen, versammelten sich die Menschen in privater Runde zum Kartenspiel. Jedem hat sich seine eigene persönliche Geschichte aus der Schneekatastrophe im Winter 1978/79 im Kopf eingebrannt. Beim Erzählen von damals läuft sie wie eine Schleife.

So individuell Ereignisse auch gewesen sein mögen, so sehr war allen gemeinsam der schwere körperliche Einsatz gegen die Schneemassen. Die kamen im Doppelpack: Um den Jahreswechsel herum und Mitte Februar kämpften sich die Menschen bis zur Erschöpfung ihre Wege durch Eis und Schnee frei, wobei damit oft nur schmale Gassen gemeint sind. Begegnungsverkehr war undenkbar.


Das Wetter

Gleich zweimal hintereinander hatte sich damals über Schleswig-Holstein das gleiche Wetter zusammengebraut. „Nordeuropäische Kaltluft und westeuropäische Warmluft prallen über Norddeutschland aufeinander“, schrieb Helmut Sethe, Chefredakteur der Husumer Nachrichten, später in der Broschüre „Der große Schnee“ die besondere Wetterlage. Er zitiert Dr. Peter Thran, der bis zu seiner Pensionierung Vizepräsident des Deutschen Wetteramtes war: „Eine dermaßen extreme Unterschiedlichkeit der Temperaturen innerhalb sehr geringer Entfernungen von etwa jeweils nur 100 Kilometern zwischen der von Norden vordringenden skandinavischen Frostluft und der nur langsam südwärts zurückweichenden sehr milden und feuchten atlantischen Warmluft ist an sich schon selten.“ Weitgehend unbekannt sei die langsame Verlagerung der Luftmassenfront und die stürmischen Winde zu beiden Seiten der Front gewesen. Regen aus den höheren Schichten gefror quasi im Fallen spätestens beim Aufprall auf Bäume und Freileitungen, dazu Böen bis zur Orkanstärke.

Die Folgen

Die katastrophalen Folgen sind oft beschrieben worden. Daher hier nur ein paar der Stichworte und Schlagzeilen aus jener Zeit – unter anderem aus Not-Ausgaben der heute im Schleswig-Holsteinischen Zeitungsverlag verbundenen Tageszeitungen: Eisregen auf Husums Straßen. Schneewehen von bis zu sieben Metern Höhe auch auf den Bundesstraßen. Katastrophenalarm und Fahrverbote. Mehrere Tote in allen Teilen des Landes. Husum mehrere Tage praktisch von der Außenwelt abgeschnitten. Schneelasten zwingen Hallen und Häuser in die Knie. Strom- und Telefonnetze zusammengebrochen. 200 Monteure der Schleswag pausenlos im Einsatz, mit Hilfe von bis zu 18 Hubschraubern. Bergepanzer müssen her, um den Weg zur Husumer Klinik zu räumen. Dialyse-Patienten werden ebenfalls mit Bergepanzern oder Hubschraubern zu Kliniken gebracht. Luftwaffe und Grenzschutz teilen sich in den Postverkehr zu Inseln und Halligen und transportieren Feriengäste ans Festland. Allein auf Föhr warten 800 Autos auf die Rückfahrt. In der Kreisberufsschule 400 Reisende aus drei steckengebliebenen Zügen einquartiert. Drei Tage kein Bahnverkehr zwischen Sylt und Festland.

Die Lehren

Pluspunkte heute im Katastrophenfall sind nach Angaben des Kreises sieben gut eingespielte Abwehrstäbe auf regionaler Ebene (Sylt, Föhr, Amrum, Pellworm sowie auf dem Festland Südtondern, Husum, Eiderstedt) und einer auf Kreisebene, zu dem auch Behörden und Hilfsorganisationen gehören. Nicht zu unterschätzen sei, dass das Spezialpionierregiment 164 der Bundeswehr hier seinen Sitz hat. Unter anderem THW, Feuerwehren und die Feuerwehrbereitschaft besitzen geländegängige Fahrzeuge. Kreissprecher Hans-Martin Slopianka erinnert daran, dass solche Fahrzeuge bei heftigen Schneefällen auch in den letzten Jahren mehrfach den Rettungsdienst als Vorausfahrzeuge begleitet und auch manchen Rettungswagen aus Schneewehen befreit haben.

Die Erinnerungen

Mit einer Ausstellung von Fotos, die Gerhard Paul und sein Sohn Thomas in den für viele Menschen unvergesslichen Schneewochen gemacht hatten, erinnert die Husumer Stadtbibliothek an die Ereignisse. „Bilder helfen uns, Erinnerungen zu bewahren“, sagt Gerhard Paul. Er stellte aus seinem Archiv 40 großformatige Farbfotos aus dem Schneewinter 1978/79 in Nordfriesland zusammen, die bis zum 31. Januar während der Öffnungszeiten der Bücherei betrachtet werden können.

Gerhard Paul bietet seit 40 Jahren Fotokurse an der Volkshochschule Husum an und hat 1989 die bundesweit bekannten Husumer Fototage ins Leben gerufen. Er ist auch Mitglied im Fotoclub Nordfriesland.

In der Bücherei liegen zudem mehrere Exemplare der von Helmut Sethe verfassten Broschüre „Der große Schnee“ zum Entleihen aus. Dort findet sich auch die DVD „Schnee von gestern“, ein Film von Claus Oppermann und Gerald Grote, entstanden auf der Basis mehrerer privater Super-8-Filme.

>Öffnungszeiten der Bücherei: montags, dienstags, donnerstags und freitags, 10 bis 13.30 Uhr und 14.30 bis 18.30 Uhr, sowie sonnabends von 10 bis 12.30 Uhr.

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