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2013: Von Schmetterlingen und Bundesstrassen : Kampf um Bäume und die Lebensader der Region

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Ein Paradies für einen besonderen Schmetterling sorgte im vergangenen Jahr für Ärger in Nordfriesland – und für einen Waldappell. Unter der Überschrift „Pannen und Klagen“ ging die unendliche Geschichte um den Ausbau der Bundesstraße 5 weiter.

Ein kleiner Schmetterling sorgte gleich Anfang 2013 für große Aufregung in Nordfriesland. Dabei ist der Goldene Scheckenfalter in Schleswig-Holstein – wie in vielen Teilen Deutschlands – seit rund 20 Jahren ausgestorben. Doch wer unter dem Schutz der Europäischen Union steht, erhält oft eine zweite Chance: Deshalb soll versucht werden, Euphydryas aurinia wieder anzusiedeln: eben auch im Norden. Nun mag der besondere Schmetterling keine Bäume, sondern bevorzugt Borstgrasrasen, Heiden, Magerrasen und Kalkhalbtrockenrasen. Hektarweise Fichten wurden deshalb am Galgenberg bei Lütjenholm geschlagen. Denn genau dort, so hatte die Stiftung Naturschutz Schleswig-Holstein beschlossen, soll der goldige „Schecke“ ein neues Zuhause finden dürfen.

Nun haben die Nordfriesen nichts gegen seltene Tierchen – doch nicht gerade viel Wald (unter zehn Prozent). Da zählt jeder Baum. Es kam zu einem „Nordfriesischen Waldappell“ – getragen unter anderem von der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald, der Forstbetriebsgemeinschaft Nordfriesland/Schleswig, dem Bauernverband Husum-Eiderstedt und dem Amt Südtondern. Um die hohen Wogen zu glätten, hatte der nordfriesische Kreistag sogar zu einer öffentlichen Anhörung geladen.

Die Naturschützer argumentierten zwar, dass es sich bei dem Forst um einen bis zu 70 Jahre alten artenarmen Sitkafichten-Bestand mit sibirischen Lärchen gehandelt hätte, und dass die Bäume ohnehin in den nächsten Jahren gefällt worden wären. Am Ende kamen sie ihren Kritikern entgegen – nach etwas Druck durch die Schutzgemeinschaft Deutscher Wald. Denn die war bereit, auf eine Klage zu verzichten, wenn statt der ursprünglich 8,7 Hektar Ersatzaufforstungen mehr möglich wäre.

Da konnte wohl niemand Nein sagen – und am Ende ist es die Natur, die gewonnen hat. Denn 18 Hektar neuer, naturnaher Laubwald stehen jetzt auf dem Arbeitsplan der Stiftung: unter anderem profitieren Tinningstedt und Pobüll.

Der Scheckenfalter hat nun ein maßgeschneidertes Angebot für ein Zuhause, während die Suche nach der richtigen Adresse für das Finanzamt Nordfriesland noch nicht abgeschlossen ist. Doch 2014 soll der Steuerzahler endlich erfahren, wie weit die Fahrt in dringenden Angelegenheiten künftig für ihn sein wird. Wobei erst in diesem Frühjahr im schleswig-holsteinischen Finanzministerium die Schlussfolgerungen aus den Ergebnissen einer von Landrat Dieter Harrsen geleiteten Arbeitsgruppe mit Vertretern des Finanzministeriums, des Kreises und des Finanzamts Nordfriesland vorliegen sollen.

Das bisherige Finanzamt hat seinen Hauptsitz in Leck und eine Außenstelle in Husum. Der kleine Ort im Norden und die Kreisstadt haben beide ihren Hut in den Ring geworfen – überraschend kam der von Bredstedt mit dazu. Nun müssen sich die Verantwortlichen in Kiel entscheiden – zwischen: einer optimierten Unterbringung des Finanzamtes an den jetzigen Standorten Husum und Leck sowie drei Varianten bei einer Konzentration des Finanzamtes Nordfriesland in Bredstedt, Leck oder Husum. Diese Möglichkeiten hat die Arbeitsgruppe zumindest zum Jahresende favorisiert.

Vor einer endgültigen Entscheidung werden nochmals der Landrat und die drei betroffenen Bürgermeister befragt. Alle kommunikativ und argumentativ mitzunehmen, ist bestimmt ein guter Weg. Aber es kann nur einen Sieger geben. Denn ein Ort, der den Zuschlag für eine Verwaltung mit fast 300 Mitarbeitern und Auszubildenden erhält, hat natürlich auch wirtschaftlich gewonnen – nämlich potenzielle Kundschaft für verschiedene Branchen und den einen oder anderen Neubürger.

Die Bundesstraße 5 gehörte auch im vergangenen Jahr zu den unerfreulichen Kapiteln. Denn von einem Durchbruch bei diesem für die Region so wichtigen Ausbauprojekt, das bereits seit 15 Jahren von Politik und Wirtschaft gefordert wird, kann nach wie vor keine Rede sein. Konkret geht es um eine neue Umgehung von Hattstedt bis Bredstedt sowie eine Abfahrt bei Horstedt und einen dreistreifigen Ausbau zwischen Husum und Tönning. So müssen die Nordfriesen schon froh sein, dass es seit Frühsommer 2013 in Bütteleck bei Koldenbüttel wenigstens etwas zu sehen gibt: Der Kreuzungsbereich der Bundesstraßen 5 und 202 samt Brücke ist fertig geworden – nach sage und schreibe dreieinhalb Jahren Bauzeit. Kurz danach musste die Brücke aber auch schon repariert werden: Der Beton war nicht ordentlich gegossen worden und füllte somit nicht jeden Hohlkörper aus. . . Jetzt soll alles gut sein.

Die zweite Panne hatte für den Norden des Kreises erhebliche Auswirkungen. Nicht ohne Grund nannte die Niebüller Wirtschaft das Fest zur Eröffnung eines grundsanierten 2,2 Kilometer langen Teilstücks der B 5 zwischen Niebüll und Klanxbüll „Feier zur Wiedererreichbarkeit“: Fast ein Jahr war für die rund Vier-Millionen-Euro-Maßnahme ins Land gegangen – während dieser vielen Monate hatten Bürger und Urlauber Umleitungen und völlig überfüllte Straßen in Kauf zu nehmen.

2014 ist übrigens das 11. Jahr der Auseinandersetzung über die Trassenführung der neuen B 5 in der Hattstedter Marsch. Landwirte und die Arbeitsgruppe „Jelstrom“ haben 2013 Klage eingereicht, um eine andere Route durchzusetzen, mit der nach ihrer Auffassung auf den Bau einer Brücke verzichtet werden kann.

Sieben Bauern wären ebenfalls bereit gewesen, vor Gericht zu ziehen, da in Sachen Flurbereinigung „handwerkliche Fehler“ des Landesbetriebs für Straßenbau vorlagen. Ihre Klagen hätten Aussicht auf Erfolg gehabt, da die Landwirte durch den angepeilten Straßenverlauf von ihren Feldern abgeschnitten gewesen wären – ganz schnell wurde deshalb der Planfeststellungsbeschluss von 2012 für die Ortsumgehung Hattstedt-Struckum-Breklum-Bredstedt einkassiert.

Daraufhin platzte Rickmer Johannes Topf und Wilfried Bockholt der Kragen – öffentlich bei einem Pressegespräch: Der Husumer Unternehmer und der Niebülls Bürgermeister stehen an der Spitze des deutsch-dänischen Vereins Infrastruktur Vestkysten/Westküste. Sie und ihre Mitstreiter – darunter Unternehmen, Handels- und Gewerbevereine sowie Kommunen von Esbjerg bis Brunsbüttel – sehen ohne Ausbau der B 5, der „Lebensader“ der Region, wirtschaftliche Nachteile voraus.

Für Anfang August riefen sie zu einer Protestkundgebung unter dem Motto „B5 – Tag des Stillstands“ vor dem Nordsee-Congress-Centrum in Husum auf – und boten gleichzeitig dem Land finanzielle Hilfe im Stil einer Öffentlich-Privaten Partnerschaft an, damit zwecks Zeitersparnis freie Planungsbüros eingebunden werden können. Eine Antwort auf dieses Angebot steht noch aus.

Doch nur noch bis 2015 könnten Schätzungen zufolge im Zuge des Bundesverkehrswegeplans bis zu 42 Millionen Euro für den B 5-Ausbau beim Bund abgerufen werden, warnt der Infrastruktur-Verein. Geschehe dies nicht, stecke der Bund seine Mittel womöglich in andere Projekte.

Diese Sorgen macht sich der zuständige Staatssekretär Dr. Frank Nägele nicht. „Wir rollen die Planungen nicht neu auf, sondern fangen mit den nicht von einer Klage betroffenen Teilen an“, erklärte er 2013 gegenüber unserer Zeitung. Und: Grundsätzlich sei Ziel für den Erlass des Planfeststellungsbeschlusses der 31. Juli 2014.

Das konfliktträchtige Verkehrsthema nutzten auch der Sylter Ingbert Liebing (CDU) und der Husumer Matthias Ilgen (SPD) für ihren Bundestagswahlkampf als Direktkandidaten für den Wahlkreis 2 (Nordfriesland-Dithmarschen-Nord). Am Ende lösten im September beide ein Ticket nach Berlin: Liebing bereits zum dritten Mal in Folge – Ilgen als Neuling auf dieser politischen Bühne. Wie erwartet hatten die Vertreter der beiden großen Parteien auch die größten Chancen auf einen Einzug in das Parlament.

Ob eine doppelte nordfriesische Interessenvertretung in der Bundeshauptstadt auch eine stärkere Wirkung hat, muss sich in diesem Jahr zeigen – Einsatz für die Bundesstraße 5 dürften der Christ- und auch der Sozialdemokrat wohl mit auf ihrer Agenda haben.

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erstellt am 03.Jan.2014 | 12:00 Uhr

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