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Kreispolitiker in NF wollen keine Übernahme : Kammer greift nach Lehrwerkstätten

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Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Der Vertrag mit der Rendsburger Kreishandwerkerschaft ist beschlussreif. Nordfriesland positioniert sich vorsorglich gegen solche Übernahmen.

Alarmiert zeigten sich die Mitglieder des Kultur- und Bildungsausschusses des Kreises in ihrer jüngsten Sitzung. Es ging um die Frage, wie verhindert werden kann, dass die Handwerkskammer Flensburg eines Tages womöglich die überbetrieblichen Ausbildungsstätten der zwei Kreishandwerkerschaften in Husum und Niebüll übernimmt und in eigener Regie betreibt. Die Politiker hatten ein Papier auf dem Tisch, mit dem sich der Kreis unverzüglich positionieren kann, sollte die Kammer nach den Lehrwerkstätten greifen wollen. Sie nahmen es zwar nur „zur Kenntnis“, doch dort stehen schon Formulierungsvorschläge für den Kreistag, um solchen Bestrebungen jederzeit Paroli bieten zu können.

Enthalten ist das Bekenntnis, das flächendeckende Angebot der Beruflichen Schulen auf dem Festland und den Inseln nicht nur zu erhalten, sondern „politisch, strukturell und finanziell zu fördern“ sowie die Zusammenarbeit zwischen den beiden Beruflichen Schulen in Husum und Niebüll und den beiden Kreishandwerkerschaften „durch Investitionen des Kreises zu fördern“ und eine „dem technologischen Fortschritt angepasste Sachausstattung zu erhalten und weiterzuentwickeln“. Auch Landrat Dieter Harrsen positionierte sich: „Der Kreis ist bereit, im Bereich der überbetrieblichen Ausbildung Verantwortung zu übernehmen.“

Die Aufregung kommt nicht von ungefähr. Die Handwerkskammer Flensburg hat mit der Kreishandwerkerschaft Rendsburg-Eckernförde einen Vertrag ausgehandelt, der von den Obermeistern der Innungen sowie den Delegierten am Mittwoch, 5. Juli, abgesegnet werden soll. Für 1,1 Millionen Euro erwirbt die Kammer die dortigen überbetrieblichen Ausbildungsstätten. Die Rendsburger sehen sich nämlich nicht in der Lage, eine Million Euro Eigenanteil für eine von Gutachtern auf rund 3,5 Millionen Euro taxierte Modernisierung von Gebäuden und Ausstattung zu leisten.

Ganz anders als die Nordfriesen freut sich daher der dortige Kreishandwerksmeister Thomas Wriedt, dass er die Last los ist. „Wir haben energetische Probleme an den Gebäuden, die aus den 80-er Jahren stammen. Und für manche Ausbildungsberufe brauchen wir neueste Maschinen.“ Wie alle Innungen schultern die Rendsburger die Ausbildung und Prüfung auch für Firmen, die gar nicht Mitglied in einer Innung sind. Nur in der Kammer ist die Mitgliedschaft Pflicht, in der Innung ist sie freiwillig.

Zurück nach Nordfriesland: Generationen von Auszubildenden kennen die Lehrwerkstätten in Husum und Niebüll von innen, haben sie dort doch jenen letzten Schliff erhalten, der ihnen im hektischen Alltag in ihren Ausbildungsfirmen nicht vermittelt werden kann. In den Werkstätten können sie zudem ihrer Kreativität freien Lauf lassen, dürfen Aufgaben auch mal wiederholen, wenn etwas daneben gegangen ist. Sie lernen neue Fertigkeiten, die sie für ihr Gesellenstück benötigen. Und dort trainieren alle Innungsbesten für Landes- und Bundesmeisterschaften.

Die Mitglieder im Kultur- und Bildungsausschuss treibt vor allem die Sorge um, dass mit neuen Strukturen in der beruflichen Bildung Auszubildende weiter fahren müssen als bisher. Außerdem fürchten sie, dass das engmaschige Netzwerk in der dualen Ausbildung leiden könnte.

Sollte die Kammer Träger von Einrichtungen werden, ist offen, ob Auszubildende weiter vor Ort unterwiesen oder aufgefordert werden, die Werkstätten in Flensburg aufzufüllen. So blieben Fragen dazu in der Vollversammlung bezüglich des Vertrages mit Rendsburg nach Auskunft von Teilnehmern unbeantwortet.

Landesweit leiden gleich mehrere Kreishandwerkerschaften unter sinkenden Auslastungen. Die Flensburger können beispielsweise in den Bereichen Sanitär-Heizung-Klima und Tischler Kapazitäten nur zu knapp über 50 Prozent auslasten, im Kfz-Handwerk sind es genau 70,7 Prozent – immer noch zu wenig, um mit einer Quote von 75 Prozent für Investitionen an Zuschüsse des Bundes zu kommen. Auch in Husum und Niebüll kämpfen die Kreishandwerkerschaften mit einer teils deutlich darunter liegenden Quote. Das sind Zahlen aus einer Studie, die das Landesministerium für Schule und Berufsbildung in Auftrag gegeben hatte. Die beziffert den Sanierungsbedarf an Gebäuden in Niebüll mit 3,5 Millionen Euro, den für eine modernere Ausstattung mit 340.000 Euro. Für Husum werden lediglich 150.000 Euro für Ausstattungen veranschlagt.

Die Handwerkskammer Flensburg sieht sich in der Pflicht, für wirtschaftlich tragfähige Strukturen in den Kreishandwerkerschaften zu sorgen, betont Björn Geertz, Geschäftsführer der Kammer und verantwortlich für den Bereich Bildung. Er hält die Sorgen unter den Politikern und Schulleitern in Nordfriesland für unbegründet. Allerdings unterstreicht er die Aufgabe der Kammer, für eine qualitativ hochwertige und wirtschaftliche Überbetriebliche Lehrlingsunterweisung (ÜLU), wie das offiziell heißt, sorgen zu müssen.

Auf die Frage, ob aktuell eine Übernahme von Einrichtungen in Nordfriesland geplant sei, antwortet Geertz: „Zurzeit nicht.“ Allerdings werde laufend mit Innungen und Kreishandwerkerschaften verhandelt, um Strukturen zu erhalten oder zu stabilisieren – nächste Woche auch wieder mit der Kreishandwerkerschaft in Niebüll, weil für die überbetriebliche Tischler-Ausbildung eine Lösung gesucht wird.

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erstellt am 02.Jul.2017 | 08:00 Uhr

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