Nordstrand : Jetzt droht der Abriss des Kinderheims

Für den Erhalt und gegen einen Abriss der Einrichtung kämpft Werner-Peter Paulsen.
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Für den Erhalt und gegen einen Abriss der Einrichtung kämpft Werner-Peter Paulsen.

Das St.-Franziskus-Haus auf Nordstrand schließt am Freitag, 31. Juli, endgültig seine Tore. Kirche und Gemeinde suchen eine neue Verwendungsmöglichkeit für das Gebäude. Ansonsten droht der Abriss.

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30. Juli 2015, 07:00 Uhr

Was die Mädchen und Jungen des Kinderhauses St. Franziskus auf Nordstrand seit Wochen befürchtet hatten, ist nun Gewissheit. Am Freitag, 31. Juli, schließen endgültig die Türen – auf jeden Fall unter Leitung der Caritas Schleswig-Holstein. Denn: Für einige der jungen Eltern mit ihren Kindern, die dort in der Mutter-Kind-Gruppe des Heims ihr Zuhause gefunden hatten, geht es auf der Halbinsel weiter. Ein Erfolg für alle Beteiligten: Die Kinder bleiben in ihrem sozialen Umfeld, die jungen Mütter und Väter können ebenfalls ihre erarbeiteten Strukturen festigen, die Gemeinde Nordstrand profitiert, und auch der bisherige Einrichtungsleiter Ulf Hamann behält seinen Job in ähnlicher Form. Der Erzieher arbeitet freiberuflich in der ambulanten Erziehungshilfe, unterstützt die Eltern und deren Kinder weiterhin in ihrem sozialen Umfeld. Die Klienten werden unter anderem über das Jugendamt des Kreises Nordfriesland als öffentlicher Träger betreut. Der ehemalige Einrichtungsleiter Hamann fungiert nun selbstständig als freier Träger. Elf Jahre war er im Heim beschäftigt. Sein Stellvertreter sogar 15 Jahre. Michael Leschek bildet sich ab Mitte August zum Fachwirt für Gesundheit und Sozialwesen weiter.

Für beide ist es derzeit ein mulmiges Gefühl durch die Gruppenräume im Heim zu gehen. Fast 50 Kinder lebten dort. Sie alle haben ein neues Zuhause gefunden. Der 44-jährige Leiter und sein 54-jähriger Stellvertreter haben gemeinsam mit den Mädchen und Jungen Einrichtungen – auch in Nordfriesland – ausgesucht. „Ganz professionell zum Wohle der Klienten“, beschreibt Hamann den Umgang. Einige betreut der Nordstrander Familienvater nun selbst weiter auf der Halbinsel. Leschek ist zwar für die Zeit der Weiterbildung temporär von seiner Familie getrennt, hat aber auch eine Perspektive. Wie auch fast alle anderen Mitarbeiter. Nach dem Sozialplan mit gesetzlichen Kündigungsfristen sind bis Jahresende die meisten Mitarbeiter versorgt – erhalten weiterhin ihren Arbeitslohn. Die meisten Mitarbeiter haben danach einen neuen Arbeitgeber gefunden.

Dennoch fiel der Abschied allen schwer. Die Mädchen und Jungen, die noch bis zuletzt auf einem Verbleib im Kinderheim gehofft haben, mussten ihre Koffer packen. Generalvikar Ansgar Thim hat in einem kirchlichen Gemeindebrief an die katholischen Nordstrander indirekt von einem möglichen Abriss des Kinderhauses St. Franziskus geschrieben.

Der stellvertretende Pressesprecher, Marco Chwalek, bestätigt gegenüber unserer Zeitung den Gemeindebrief: „Alle Gebäude auf dem Gelände des Kinder- und Jugendhauses sollen abgerissen werden.“ Es sei denn, es finde sich in den nächsten drei Monaten noch ein Interessent, der die Gebäude übernehmen möchte. Das Erzbistum bleibt allerdings mit der Gemeinde Nordstrand im Gespräch. „Wir werden jedes an uns gerichtete Angebot oder Konzept von potenziellen Interessenten prüfen. Aktuell liegt uns nichts konkretes vor“, verrät Chwalek. Weitere Gespräche mit der Kommune über die Entwicklungsmöglichkeiten des Geländes würden aber laufen.

Zum traurigen Kapitel Kinderheim erklärte Bürgermeister Werner-Peter Paulsen, dass die lobenswerten Bemühungen des Nordstrander Arztes Dr. Peter Krüger, einen Träger zu finden, ergebnislos verlaufen seien. Im übrigen hätten die zuständigen Behörden eine Konzession für ein Kinderheim im Hinblick auf den baulichen Zustand und den derzeitigen Zuschnitt nicht mehr erteilt. Ein neuer Betreiber hätte erhebliche Kosten für Umbauten investieren müssen.

In diesem Zusammenhang wurde in jüngster Zeit auf das Testament der Witwe von Cornelius Gutbier verwiesen. Wilhelmine Theodora Berns hatte darin verfügt, dass ihr Wohnhaus (nicht das Kinderheim) die katholische Kirche – das Erzbistum Hamburg – erbt. Jedoch hätten die Pachteinnahmen aus ihrem Wohnhaus laut Testament für den Erhalt und die Sanierung des Kinderheims verwendet werden müssen. „Die Erblasserin hat ihren Nachlass für die konfessionelle Kindererziehung im katholischen Glauben hinterlassen“, bestätigt Pressesprecher Chwalek. Da aber der Caritasverband für Schleswig-Holstein seinen Bewohnern gegenüber zur religiösen Neutralität verpflichtet sei, konnte das Geld nicht für das Kinder- und Jugendhaus St. Franziskus verwendet werden, heißt es in seiner Erklärung. „Das Geld wurde von Seiten der Kirchengemeinde aber zinsbringend zwischengeparkt und wartet auf eine Verwendung im Sinne der Erblasserin“, fügt Chwalek hinzu.

Erfreulich für die Gemeinde Nordstrand ist zumindest, dass es inzwischen ein persönliches Gespräch mit Generalvikar Ansgar Thim auf der Halbinsel gegeben hat. Der relativ neu im Amt befindliche Vertreter der Römisch-Katholischen Kirche sei überrascht worden von dem massiven Druck der Einwohner und der Bürgerinitiative, erklärte er. Fehler von Seiten der Kirche und Caritas räumte Thim ein. Er hat erklärt, über die enge Verknüpfung der Heimbewohner mit der Bevölkerung und mit dem sozialen Gefüge nicht im Bilde gewesen zu sein.

Thim habe dem Bürgermeister jedoch signalisiert, dass so schnell wie möglich eine neue Nutzung – angedacht auf sozialer Ebene – für das Domizil gefunden werden müsse. Die Kirche äußerte sich, dass sie gemeinsam mit der Gemeinde zielorientiert an einer weiteren Verwendung des Kinderhauses arbeiten werde.

Das Vorhaben der Kirche alle Gebäude auf dem Gelände abzureißen sind also nicht vom Tisch, wie der Bürgermeister aus dem Gespräch mit Generalvikar Thim verstanden haben will. „Das Grundstück ist als Sondergebiet ausgewiesen. Da hat die Gemeinde mitzureden. Sie muss einen Abbruch genehmigen. Dafür würde kein Gemeindevertreter stimmen. Ich bleibe mit der Kirche im Gespräch“, betonte der Bürgermeister abschließend.

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