„Jeder braucht einen ethischen Kompass“

Diskutierten auf Einladung von Astrid Damerow (2.v.l.): Fatih Mutlu, Jürgen Jessen-Thiesen, Peter Harry Carstensen und Moderatorin Herlich-Marie Todsen-Reese (von links).
Diskutierten auf Einladung von Astrid Damerow (2.v.l.): Fatih Mutlu, Jürgen Jessen-Thiesen, Peter Harry Carstensen und Moderatorin Herlich-Marie Todsen-Reese (von links).

Klares Bekenntnis zum Gottesbezug in der Landesverfassung: Initiative hofft auf 20 000 Unterschriften bis Ende Juni

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22. Mai 2015, 15:56 Uhr

Im Herbst beschloss der schleswig-holsteinische Landtag eine in vielen Punkten reformierte Landesverfassung – allerdings ohne die zuvor umstrittene Einfügung eines Gottesbezugs in die Präambel, denn dafür fand sich nicht die erforderliche Mehrheit. Ein Fehler, finden nicht wenige Menschen und fordern daher, dass sich die Abgeordneten mit der Frage noch einmal intensiv beschäftigen sollten. Die mit diesem Ziel gestartete „Volksinitiative Gottesbezug“ sammelt auf Wochenmärkten und Veranstaltungen Unterschriften. Sobald 20  000 zusammen sind, muss sich der Kieler Landtag erneut dem Thema stellen.

Dieses Ziel könnte bereits Ende Juni erreicht sein, verriet der frühere Ministerpräsident Peter Harry Carstensen bei einer CDU-Diskussion im Christian-Jensen-Kolleg in Breklum. Als Sprecher der Initiative warb er mit Nachdruck für die Aufnahme des Gottesbezugs in die Präambel und verwies auf die im Grundgesetz bereits verankerte Formulierung „in Verantwortung vor Gott und den Menschen“. Diese sei auch für die Landesverfassung geeignet. „Eine bessere gibt es nicht“, betonte er.

Carstensen erinnerte sich an seine aktive politische Zeit, in der er oft Entscheidungen zu treffen hatte, bei denen es um mehr gegangen sei, als nur um gesetzliche Normen: „Da ging es auch um Moral und Ethik und um etwas Höheres, und das ist bei mir Gott.“ Jeder brauche so etwas wie einen „ethischen Kompass“, meinte Peter Harry Carstensen, für den das Vorhaben auch „eine „Herzensangelegenheit“ ist. Vielleicht, so seine Vermutung, würden sich manche Menschen auch nur am Begriff „Gott“ stören. Die einen, weil sie nicht an Gott glauben und die Formulierung „in Verantwortung vor Gott und den Menschen“ für ein Zwangsbekenntnis zur Kirche halten. Die anderen, weil sie befürchten, dass damit gegen das zweite Gebot verstoßen werden könnte, das da heißt: „Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht unnütz gebrauchen.“

Ein Gedanke, den Jürgen Jessen-Thiesen durchaus nachvollziehen konnte. Der Propst legte aber Wert auf die Feststellung, dass diese Formulierung kein Bekenntnis zum christlichen Glauben und zur Kirche sei, sondern eher als Demutsformel verstanden werden sollte, die deutlich mache, „dass wir Menschen Grenzen haben und wir uns dieser Grenzen bewusst sind.“

Kreispräsident Heinz Maurus meldete sich mit Beispielen aus dem Alltag zu Wort, in denen der Gottesbezug ganz selbstverständlich verwendet wird – wie etwa bei den Freiwilligen Feuerwehren mit ihrem Leitspruch „Gott zur Ehr, dem Nächsten zur Wehr“. „Warum also kann so ein Bezug nicht auch in der Landesverfassung Einzug halten?“, hinterfragte er. Dem setzte Sylta Jessen aus Goldebek entgegen: „Wenn der Gottesbezug im Alltag bereits vorhanden ist, warum muss er dann noch in der Verfassung stehen?“

Der ehemalige Kreispräsident Albert Pahl hingegen wollte wissen: „Wie bringen wir es rüber, dass sich die Menschen bei der Nennung Gottes in der Verfassung nicht automatisch zum christlichen Glauben bekennen?“ Den Begriff Gott müsse jeder für sich ganz individuell füllen, darin waren sich alle Redner einig. „Jeder kann darin das sehen, was er möchte“, so Herlich-Marie Todsen-Reese, Vorsitzende des EAK-Landesarbeitskreises der CDU.

Fatih Mutlu, Schura Islamische Religionsgemeinschaft, vertrat die Ansicht: „Wir haben alle einen Gott – auch diejenigen, die nicht an Gott glauben.“ Er wünschte sich in den Familien eine Rückkehr zur religiösen Erziehung und zur bewussten Vermittlung von Werten.

Auf den Hinweis von Niklas Deckmann, dass die Junge Union durch die Diskussion um den Gottesbezug in der Verfassung auf Facebook viele „Likes“ verloren habe, mahnte Propst Jessen-Thiesen an, sich gerade mit jenen Menschen von Angesicht zu Angesicht zu unterhalten, die sagen „Ich kann auch ohne Gott.“ Die sozialen Medien seien nicht die geeignete Plattform dafür. Gerade Jugendlichen fehle noch es an dem Wissen, dass es im Leben immer wieder Situationen gibt, „in denen wir schwierige Entscheidungen zu fällen haben, die nicht nur vor dem Menschen verantwortet werden müssen“, sondern eben auch vor einer „höheren Instanz“.

Im Ergebnis war der Abend ein einziges Bekenntnis für die Aufnahme des Gottesbezugs in die Landesverfassung. Zum Teil auch deshalb, weil sich unter den rund 40 Anwesenden niemand zu Wort meldete, der die Argumente der Zweifler und Gegner in Worte fasste. Doch auch für sie mag gelten, was die CDU-Kreisvorsitzende Astrid Damerow treffend formulierte: „Wie erklärt man etwas, das man nur in seinem Herzen spürt?“

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