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Raus aus der Mobbing-Falle : „Jede Schule kann Gewalt erheblich reduzieren“

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Interview mit dem Mobbing-Experten Wolfgang Kindler: Der erfolgreiche Autor spricht unter anderem über seine Erfahrungen als Gymnasiallehrer, Zivilcourage, den Werteverfall – und Heidi Klum.

Wolfgang Kindler ist Gymnasiallehrer und seit 20 Jahren in der Gewaltprävention tätig. Um Mobbing zu bekämpfen, ist es dem 65-Jährigen wichtig, klare Konzepte vorzustellen und zu entwickeln, die unmittelbar in praktisches Handeln umgesetzt werden können. Der gebürtige Münsteraner hat allein zwischen 2006 und 2009 sechs Bücher veröffentlicht, die sich um die Themen Mobbing, Gewalt und Sanktionen drehen. Manche richten sich an Lehrkräfte und Eltern, andere sind für Kinder und Jugendliche geschrieben. Kindler, der als einer der wichtigsten Experten auf dem Gebiet der Gewaltprävention an Schulen gilt, vermittelte jetzt zwei Tage lang Pädagogen und Gemeinschaftsschülern an der Ferdinand-Tönnies-Schule (FTS) sein Wissen.

Sie sind in Münster zur Schule gegangen. Sind Sie als Kind oder Jugendlicher von Ihren Mitschülern gemobbt worden – gab es also das einschneidende Erlebnis, das Ihren Werdegang beeinflusst hat?

Kindler: Als Schüler bin ich nicht gemobbt worden, allerdings gab es ein wichtiges Ereignis als Lehrer. Vor mehr als zwanzig Jahren legte mir eine Schülerin detailliert dar, wie sie vor meinen Augen gemobbt worden war und wie ich durch mein unfähiges Verhalten ihre Situation verschlimmert hatte, und zwar ohne bösen Willen. Das brachte mich dazu, mich intensiv mit dem Problem Mobbing zu beschäftigen, das damals in der Schule wissenschaftlich und publizistisch nicht behandelt wurde.

Sie plädieren für eine bessere Aufklärung der Lehrer, für mehr Prävention und eine Sensibilisierung der Gesellschaft für das Thema Mobbing. An Ihrer eigenen Schule in Recklinghausen machen sie vor, wie es geht: Sie leiten eine Anti-Mobbing-AG, eine Art Kurs für Zivilcourage, um Gewalt unter Schülern keine Chance zu geben. Gibt es überhaupt noch Gewalttendenzen an diesem Gymnasium?

Natürlich gibt es die immer noch. Sicher ist wohl, dass wir Übergriffen schneller und auch konsequenter begegnen. Sicher ist wohl auch, dass es bei uns mehr Schüler gibt, die kompetent und schneller eingreifen. Aber es wäre eine Illusion zu glauben, dass man Gewaltprobleme ein für alle Mal an einer Schule eliminieren könnte. Eine Schule lebt, sie besteht aus vielen Lehrern, die nie alle unter einen Hut zu bringen sind, und aus ständig nachwachsenden Schülergenerationen. Es ist auch illusionär zu glauben, dass man mit einem intelligenten Antimobbing-Konzept jedes der mehr als 800 Kinder erreichen kann. Allerdings kann jede Schule Gewalt und Mobbing erheblich reduzieren.


„Mobbing ist keine neue Gewaltform – neu sind jedoch die zunehmende Willkür, Normenlosigkeit und Hemmungslosigkeit!“ Das ist eine Ihrer zentralen Feststellungen, die so auch auf Ihrer Internetseite zu finden ist. Was sind aus Ihrer Sicht die Ursachen für den Werteverfall in der Gesellschaft, der offensichtlich hinter dieser Entwicklung steckt?

Es gibt ein Bündel von Ursachen, die man anführen kann. Basis ist wohl das, was die Sozialwissenschaftler Individualisierung nennen. Individualisierung bedeutet den Wegfall von sozialen Zwängen, aber auch den Verlust von Werten und Sicherheiten. Es gibt heute nicht mehr eine klare, allgemeine Vorstellung von dem, was eine gute Erziehung ausmacht. Dazu haben wir eine Spaßkultur entwickelt, die allen Kindern und Jugendlichen vorgaukelt, dass alles, was Spaß macht, erlaubt ist. Das Dschungelcamp, DSDS, viele Talkshows gewinnen ihren Unterhaltswert daraus, dass Schwächen Einzelner herausgestellt werden, über die man ohne Rücksicht auf seelische Verletzungen spotten darf. Eltern geben zu oft ihre Elternrolle auf und sehen sich als Kumpel der Kinder, Schulen reagieren oft aus Überlastung falsch und machen engagierte Lehrer zu hilflosen Einzelkämpfern.

Mobbing gibt es überall: Psychoterror auf dem Schulhof, Schikanen am Arbeitsplatz, Hänseleien im Sportverein, Verbreitung falscher Tatsachen im Internet. Haben Sie einen Rat für die Opfer, wie damit am besten umzugehen ist?

Ich habe immer Probleme, allgemeingültige Ratschläge zu geben, denn Methoden, die für alle Personen in allen Lebenslagen echte Hilfen sind, gibt es nicht. Aber es macht Sinn, sich Hilfe zu holen. Wer allein gegen Mobbing kämpft, verliert in der Regel. Auch hilft es eigentlich immer, Mobbing öffentlich zu machen. Viele Mobbende profitieren davon, dass die Opfer aus Scham oder aus der Angst heraus, dass die Übergriffe noch heftiger werden, schweigen. In der Regel geschieht aber das Gegenteil.

Können Eltern ihren kleinen Kindern überhaupt noch guten Gewissens Grimmsche Märchen vorlesen, in denen bereits Beispiele für Mobbing zu finden sind? So heißt es in „Die goldene Gans“ ja unter anderem: „Es war ein Mann, der hatte drei Söhne, davon hieß der jüngste der Dummling und wurde verachtet und verspottet und bei jeder Gelegenheit zurückgesetzt.“

Naja, Sie haben da ein Zitat von mir erwischt, mit dem ich belege, dass Mobbing keine moderne Gewaltform ist, wenn auch der Begriff modern ist. Aber wenn Sie das und andere Märchen bis zum Ende lesen, dann wird ja in allen Geschichten klar gemacht, dass das, was wir Mobbing nennen, eine gemeine und ungerechte Gewaltform ist. Am Ende werden die Täter bestraft oder blamiert. Also: Die Märchen thematisieren Mobbing bereits zu einem frühen Zeitpunkt, zeigen auf, dass es schlimme Folgen hat und dass es eine schädigende Form der Gewalt ist, die nicht belohnt wird. Von daher kann man auch ruhig weiter Märchen lesen. Da ist eine Heidi Klum, die in „Germanys next Topmodel“ Mädchen mit Erfolg fertigmacht, viel schädlicher.

Sie haben jetzt zwei Schulentwicklungstage zum Thema „Umgang mit schwierigen Schülern“ an der FTS konzeptionell mit Leben gefüllt. Wie lief es aus Ihrer Sicht – auch, was das Gefühl der Nachhaltigkeit angeht?

Das ist eine gefährliche Frage, weil sie an die Eitelkeit des Referenten, also an meine, appelliert. Aber ich will trotzdem einige Aussagen treffen: Zunächst war ich begeistert von der Ernsthaftigkeit, mit der die Kollegen mitgearbeitet haben. Die zeigte sich nicht nur in vielen, klugen Fragen, sondern auch in der Offenheit und Begeisterung, mit der sie sehr unterschiedliche Trainings umsetzten. Für die Nachhaltigkeit hat die Schule bereits gesorgt, indem gemeinsame, für alle Klassen geltende Regeln entwickelt wurden, indem die Kooperation der Kollegen weiterentwickelt wurde und indem verbindliche Absprachen getroffen wurden, wie bei Übergriffen vorzugehen ist. Diese Grundlagen werden zeitnah den verschiedenen Schulgremien – also auch Eltern und Schülern – vorgelegt mit der Absicht, sie gemeinsam zu verabschieden.

Und wie hat Ihnen Husum insgesamt gefallen?

Als ich durch Husum ging, geführt von Kollegen der FTS, kam mir der Gedanke: „Dieser Theodor Storm ist ein Schwindler – von wegen graue Stadt am grauen Meer.“ Damit wird schon klar, dass ich mich in Husum sehr wohlgefühlt habe und ich es bedauere, hier nicht mehr Zeit gehabt zu haben. Dass mir Husum sehr gefallen hat, liegt nicht nur an dem malerischen Stadtbild, den gemütlichen Restaurants und Kneipen, sondern auch an den freundlichen, offenen und humorvollen Kollegen.

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erstellt am 12.Feb.2014 | 11:30 Uhr

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