Austausch-Jahr : "Japan zu Gast in Dörpum"

<strong>Virtuos gleiten</strong> ihre Finger über die Tasten: Aoi Tshizaki mit  ihrer Gastfamilie, von links Martje, Svea und Peter Reinhold Petersen.  Foto: rah
Virtuos gleiten ihre Finger über die Tasten: Aoi Tshizaki mit ihrer Gastfamilie, von links Martje, Svea und Peter Reinhold Petersen. Foto: rah

Austausch-Schülerin Aoi Tshizaki besucht zum dritten Mal ihre deutschen Wahl-Eltern. Die ländliche Idylle empfindet die Germanistik-Studentin als wohltuenden Gegensatz zu der Hektik in Tokio.

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12. April 2010, 06:19 Uhr

Dörpum | "Es ist gut hier bei Mama und Papa", sagt die 20-jährige Aoi Tshizaki in fast lupenreinem Deutsch. Nach dem Motto "Japan zu Gast in Dörpum" ist sie schon zum dritten Mal bei Martje und Peter Reinhold Petersen in Dörpum zu Gast. Aoi fühlt sich dort wohl, wo sich jeder, wie sie sagt, für den anderen Zeit nimmt. Hier werde gemeinsam gespielt, gegessen und geklönt. Sie genieße das ländliche Leben, die Ruhe und die kleinen Aufgaben, die sie im Haus übernommen hat. Unter anderem ist sie "zuständig" für die Befeuerung des Kaminofens.
Daheim in Kanagawa, einem Vorort Tokios mit 30.000 Einwohnern, sei das Leben hektischer. Der Vater, ein selbstständiger Immobilienkaufmann, fahre um 6.30 Uhr los in Richtung Tokio und komme frühestens um 21 Uhr nach Hause, auch sonnabends, berichtet Aoi. Ihre Mutter kümmere sich um das Wohlergehen der vier Kinder. Aoi studiert an der Sofia-Universiät Tokio Germanistik. "Mein Traum ist es, in Deutschland zu arbeiten", sagt die junge Studentin aus dem Land der aufgehenden Sonne. Vor wenigen Tagen nahm sie nun für ein halbes Jahr ein Gaststudium im Fach Wirtschaft an der Partneruniversität Witten-Herdecke in Nordrhein-Westfalen auf.
Wertvolle Erfahrungen

"Aoi gehört einfach zur Familie", sagt Martje Petersen. Sie möchte ebenso wenig wie ihr Mann oder gar ihre Tochter Svea die Erfahrung mit der Japanerin missen. "Aoi ist genauso, wie ich mir Japanerinnen vorgestellt habe, immer freundlich", sagt die Gast-Mutter. Sie genießt es, wenn sich Aoi an ihr Klavier setzt und spielt.
"Aoi ist wie eine Schwester. Es ist genial, wie schnell man sich aneinander gewöhnt", berichtet die 21-jährige Svea. Sie hatte den "Austauschschüler-Virus" in die Familie gebracht. Sie war selbst ein Jahr in Amerika. Das wiederum hatte sie ihrer Mutter zu verdanken, denn die war Feuer und Flamme für das Vorhaben gewesen. Sie selbst hatte nie die Möglichkeit, ins Ausland zu gehen. Die Erfahrungen, die Jugendliche und ihre Gastfamilien sammeln, seien von unschätzbarem Wert, ist sich Martje Petersen sicher.
"Youth for Understanding"
Mittlerweile engagiert sich Tochter Svea ehrenamtlich in Sachen Öffentlichkeitsarbeit für die Organisation Youth for Understanding ("YFU"), dem seit 1957 eingetragenen gemeinnützigen Verein mit Sitz in Hamburg, der auch ihre Austauschschüler-Zeit organisiert hatte. "YFU" sei, so Svea Petersen, unparteiisch und setze sich ohne Ansehen der Person oder Religion für eine Welt ein, in der Menschen über kulturelle Grenzen hinweg Verständnis und Wertschätzung für andere Kulturen gewönnen. "YFU" verfügt über ein weltweites Netz von Ehrenamtlern, die ständig geschult werden und individuell auch Gastfamilien und -schüler betreuen, in Deutschland etwa 1000. Hauptsächlich werden einjährige internationale Austauschprogramme durchgeführt.

Wer Gastschüler aufnehmen möchte - es fehlen noch 60 Gastfamilien bundesweit -, sollte sich bald entscheiden. Die Auswahl der Schüler erfolgt in enger Abstimmung mit den Familien, und immer stehen Mitarbeiter des Vereins parat. Niemand wird ins kalte Wasser geworfen. Svea Petersen führt in diesem Jahr übrigens erstmals einen vierwöchigen Deutsch-Sprachkursus für "YFU" in Dörpum durch. Junge Austauschschüler sollen sich mit der Sprache vertraut machen und in das Leben deutscher Familien "hineinschnuppern". Hierfür sucht sie zehn Familien, die für vier Wochen (vom 23. Juli bis 21. August) Schüler aufnehmen. Es werden Englisch sprechende Jugendliche kommen, die Sprache sollte aber keine Hemmschwelle sein: "Die persönlichen Erfahrungen sind das Wichtigste", so Petersen.

Info unter www.yfu.de oder 04671/5959, 0176/80209525 (Petersen).

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