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Arved Fuchs in Tönning : Jährlich schmelzen 268 Gigatonnen Eis

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Polar-Experte Arved Fuchs hält den Klimawandel für nicht mehr umkehrbar – und in Tönning einen Vortrag über seine Abenteuer in Grönland.

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erstellt am 01.Feb.2017 | 17:29 Uhr

„Grönland – 35 Jahre Abenteuer in Eis und Schnee“ heißt der Vortrag, den der bekannte Bad Bramstedter Abenteurer und Expeditionsleiter Arved Fuchs am Dienstag, 14. Februar, von 20 Uhr an, im Multimar-Wattforum in Tönning hält. Fuchs hat während seiner zahlreichen Expeditionen die abgelegensten Regionen der Welt aufgesucht, der Schwerpunkt seiner Reisen lag jedoch in den polaren Zonen. Sein absolutes Lieblingsziel ist und bleibt dabei die größte Insel der Welt: Grönland.

Wenn Sie auf Ihre erste Grönlandreise zurückblicken: Würden Sie es wieder so machen?

Das war damals im Jahr 1979 mehr ein Kennenlernen, das war ja noch keine Expedition. Ich bin dort mit Rucksack und Zelt gewandert und da hat es mich eigentlich gepackt: Da war ich fasziniert von dieser Landschaft.

Sie haben sehr viel mit der einheimischen Bevölkerung zu tun gehabt. Halten die Freundschaften heute noch an?

Das ist das Schöne, gerade in der Arktis und auf Grönland, dass die Zeit dort nicht so schnelllebig
ist wie bei uns. Deshalb sind Freundschaften oder Begegnungen mit Menschen dort von langer Dauer; es spielt keine Rolle, wie lange die Begegnung zurückliegt, ob vor zwei oder vor fünf Jahren. Man setzt wieder dort an, wo man zuletzt aufgehört hat.


Was hat sich seit Ihrer ersten Reise verändert? Ist der Klimawandel dort zu spüren?

Der Klimawandel ist auf Grönland dramatisch. Und ich sage das ohne jede Übertreibung, weil das Inland-Eis in einer alarmierenden Rate schmilzt. Das ist messbar – und zwar nicht in Zentimetern: Der Rückgang wird mittlerweile in Metern gemessen. Auffällig ist auch die Veränderung des Meer-Eises. Es ist nicht mehr so solide wie früher, was zur Folge hat, dass sich die Einheimischen neue Jagdgebiete suchen müssen. Auf Grönland gibt es jedes Jahr die Arctic Winter Games, das sind arktische Winterspiele in Nuuk, dieses Mal mit Schneekanonen – es gibt keinen Schnee dort auf Grönland.

Stirbt damit auch die Kultur der Inuit aus, wie die Jagd nach Robben vom Eis aus?

Na ja. Es gibt auch das moderne Grönland, aber die Jagd spielt immer noch eine große Rolle in der Identität der Kultur dieser Menschen. Vielleicht nicht mehr als Vollzeitjäger, aber doch als Freizeitjäger. Aber die Zeit, in der die Einheimischen, zum Beispiel ganz im hohen Norden, in den kleinen Dörfern, ausschließlich von der Robbenjagd gelebt haben, die wird sicherlich bald der Vergangenheit angehören.

Immer mehr Kreuzfahrer steuern die größte Insel der Welt an. Was halten Sie davon?

Die Grönländer begrüßen das. Die Grönländer wollen ja wirtschaftlich auch unabhängig sein. Und sie haben zwei Haupterwerbszweige, die Fischerei und den Tourismus. Insofern sind die Grönländer gerade in Orten wie beispielsweise Ilulissat sehr darauf aus, dass Gäste dort hinkommen. Also wenn es ein nachhaltiger Tourismus ist, dann finde ich das großartig. Weil die Menschen dort das einfach brauchen.

Gibt es denn auch Auswirkungen des Klimawandels, die sich nicht nur auf und rund um Grönland abspielen, die Sie bei Ihren Reisen beobachtet haben? Beispielsweise Veränderungen von Meeresströmungen oder Häufungen schwerer Stürme?

Also zunächst, was den arktischen, also den Nordpolarmeerraum angeht, da kann man sagen, dass sich die Arktis etwa doppelt so schnell erwärmt wie der Rest der Welt. Und deshalb ist das wie eine Art Frühwarnsystem der Natur; dort passiert es zu allererst! Und nicht nur auf Grönland, sondern auch Kanada, Alaska, Sibirien, Spitzbergen sind jetzt quasi eisfrei. Man könnte jetzt um Spitzbergen herumsegeln. Im Januar. Das hat es früher nie gegeben.

Wenn Sie jetzt nach Grönland fahren, worauf freuen Sie sich dort am meisten?

Für mich ist das auch ein bisschen nach Hause kommen. Also ich fremdle ja nicht mit dieser arktischen Landschaft, im Gegenteil: Ich bewege mich dort so selbstverständlich wie ich das hier in Norddeutschland tue. Insofern ist es wirklich ein Wiedersehen mit Menschen, die man kennt. Aber auch mit einer großartigen Natur, die mir sehr viel gibt und die mir sehr viel bedeutet. Insofern ist es immer ein tolles Erlebnis, zurückzukehren.

Seit 2003 schmelzen jährlich 268 Gigatonnen Inlandeis ab. Geben Sie den Besuchern Ihrer Vorträge auch Hinweise, wie sie mithelfen können, den Klimawandel abzubremsen?

Sie haben ja diese absurd hohe Zahl in Gigatonnen genannt. Darunter kann sich eben kein Mensch etwas vorstellen. Weil es eben eine Größenordnung ist, die unglaublich ist. Deshalb versuche ich durch plastische Beispiele, worunter Menschen sich etwas vorstellen können, diese Entwicklung zu zeigen. Einfach um die Dringlichkeit des Handelns zu unterstreichen. Es ist ein Gebot der Stunde, dort wirklich etwas zu unternehmen. Wir haben um die Weihnachtszeit und auch kürzlich wieder am Nordpol minus vier Grad gehabt. Da müsste es jetzt eigentlich 40 oder 45 Grad unter Null sein. Es sind also gewaltige Klimaverschiebungen und -schwankungen, die dort entstehen. Zur Folge hat das eben, dass auch Grönland abschmilzt. Und würde ganz Grönland abschmelzen, stiege der Weltmeeresspiegel um sieben Meter. So viel Eis lagert dort. Das werden wir so zwar nicht erleben, weil das seine Zeit braucht. Aber der Prozess scheint eingeleitet worden zu sein. Und der ist nicht reversibel nach unseren Maßstäben. Und das ist wirklich das Bedrohliche. Denn bis zum Ende des Jahrhunderts rechnet man allein schon mit einem Meeresspiegelanstieg von einem Meter, was für die norddeutschen Küstenländer schon mal gravierende Auswirkungen hat. Im vergangenen Jahrhundert waren es gerade mal 20 Zentimeter. Also das ist in etwa die Entwicklung, der wir uns gegenübersehen.

Wann geht es denn wieder nach Grönland?

Wir waren gerade ein ganzes Jahr lang auf der anderen Seite unterwegs, in der Antarktis. Das Schiff geht jetzt erst einmal in die Werft und wird dort überholt. Ich rede zwar ungern über ungelegte Eier: Aber es geht ganz sicher wieder nach Grönland. Wann, das kann ich noch nicht sagen.


„Grönland – 35 Jahre Abenteuer in Eis und Schnee“. Ort: Multimar-Wattforum, Dithmarscher Straße 6, Tönning, 14. Februar, Einlass: 19.30 Uhr. Kartenvorverkauf: Tourist-Info am Markt, Boje Hamkins am Markt, Kartenhotline: 04621/28218 (Liesegang)

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