Forstfachleute fordern: : Jäger als Waldschützer

Natürliche Waldgesellschaften sind selten geworden. Deutsche Forste sind häufig „verinselt“.
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Natürliche Waldgesellschaften sind selten geworden. Deutsche Forste sind häufig „verinselt“.

Neben Stürmen ist das Schalenwild eine akute Gefahr, wurde bei einer Bundestagung der Arbeitsgemeinschaft für eine Naturgemäße Waldwirtschaft in Husum betont.

shz.de von
12. Juni 2018, 13:00 Uhr

Der Kreis Nordfriesland ist die Region des Windes – dies war ein Grund, warum die Arbeitsgemeinschaft für eine Naturgemäße Waldwirtschaft (ANW) ihre diesjährige Bundestagung mit einigen hundert Teilnehmern in der Kreisstadt Husum abhielt. „Stürme nehmen in ihrer Häufigkeit und Heftigkeit zu“, resümierte Hans von der Goltz, Bundesvorsitzender der ANW, in einem Pressegespräch im Nordsee-Congress-Centrum. Und diese könnten in Wäldern gewaltige Schäden anrichten.

Doch Wälder seien in vielerlei Hinsicht wichtig: Sie dienten unter anderem als Wasserreservoir und „grüne Lunge“, als ökologisches Rückzugs- und Naherholungsgebiet sowie als Wirtschaftsgut.

Vieles hat sich nach seinen Worten geändert. So muss der Wald mittlerweile – unterstützt von Menschenhand – an neue Gegebenheiten angepasst werden – oder, wie es von der Goltz formulierte: „Die Waldentwicklung muss unter Berücksichtigung regionaler Besonderheiten im Interesse einer Walderhaltung vorangebracht werden.“ Georg Schirmbeck, Präsident des Deutschen Forstwirtschaftsrats, merkte an: „Es werden mit der Jägerschaft Diskussionen geführt über Wald und Wild.“ Regional gäbe es zu viel „Schalenwild“ wie Rehe, Hirsche und Wildschweine. „Die Bestände müssen reduziert werden, da sonst die Gefahr besteht, dass die Tiere alle frisch aufgekommenen Baumsaaten abfressen, sodass sich der Wald nicht erneuern kann.“ Der Schaden sei ansonsten groß: „Denn so können Monokulturen entstehen, die instabil sind.“ Landesforstdirektor Tim Scherer ergänzte: „Wir beobachten verstärkt den Verbiss durch Rotwild, das von Dänemark nach Deutschland einwandert.“

Laut Schirmbeck wird jetzt in Berlin einer lange gewünschten Gesetzesinitiative Gehör geschenkt, damit der Schutz des Waldes vorangebracht werden kann.

Thorsten Elscher, Abteilungsleiter Naturschutz und Forstwirtschaft im Kieler Landwirtschafts- und Umweltministerium, erklärte, dass Schleswig-Holstein mit einer Waldfläche von elf Prozent „waldarm“ sei: „Das Ziel ist, die Waldfläche um ein Prozent zu vergrößern, was sich wenig anhört, aber dennoch ambitioniert ist. Denn wir treten damit in Flächenkonkurrenz zur Landwirtschaft.“

Landschafts- und Wildökologe Frank Christian Heute war einer der Referenten. Er sprach über die Auswirkungen zu großer Wildbestände auf den Mischwald von morgen und führte den Kaspischen Urwald und den Hyrcanischen Wald südlich des Kaspischen Meeres in Aserbaidschan und im Iran an. Durch Luchs, Wolf und den persischen Leopard sei in diesen Ländern wenig Schalenwild auszumachen: „Es gibt nur etwa ein bis zwei Tiere pro Hektar. Im deutschen ‚verinselten‘ Wald sind es 90 pro Hektar.“ Im Schnitt existierten in Deutschland in den Forsten auf nur jeweils siebeneinhalb Prozent der Flächen natürliche Waldgesellschaften. Und die seien akut gefährdet durch Schalenwild, da Beutegreifer fehlten.

Der Fachmann sprach von einem „Druck auf die Wälder“ und führte Freizeitaktivitäten, Verkehr und eine oftmals eher „freizeitmäßige Revierbetreuung“ an. „Der Wald wird artenreicher und stabiler durch die Jagd, weniger durch Waldbewirtschaftung.“ Heute plädierte für ein „konsequentes Jagen“ unter professioneller Leitung.

Hans von der Goltz wandte sich an das Auditorium im voll besetzten Saal des Nordsee-Congress-Centrums: „Dieses Brett bohren wir auf Bundesebene im neunten Jahr“, spielte er auf die Gesetzesinitiative an. „Wir brauchen neue Lösungsansätze. Verzagen Sie nicht und schaffen Sie positive Beispiele.“

Von der Goltz erinnerte daran, dass die deutsche Versicherungswirtschaft Summen in Millionenhöhe als Ausgleich für Wildschäden zahlt. Er führte an, dass oftmals die „zehnfache Dichte von schwersamigen Laubbaumarten wie Eiche und Buche“ innerhalb von Gattern zu finden seien. In 250 vor Wildverbiss abgeschirmten Gattern seien sieben verschiedene Baumarten gezählt worden – außerhalb der Gatter „nur 1,8 Baumarten“.

Am Sonntag (10.) ist die dreitägige Tagung mit Vorträgen sowie Exkursionen in die Förstereien Süderlügum und Satrup und – alternativ – nach Dänemark, Lensahn und Lauenburg zu Ende gegangen.

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