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Geschichte hautnah : „Irgendwie bleibt Lenin immer der Gute“

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Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Der Husumer Regisseur Sven Jaax hat einen Film über die Oktoberrevolution und ihre Folgen gedreht. Die Russen haben den Revolutionsführer nicht vergessen, sondern ihn irgendwie in ihr Leben eingebaut.

Er hat Millionen Russen begeistert und seine Gegner erbarmungslos aus dem Weg geräumt. Er hat die Oktoberrevolution angezettelt und war Vater der Sowjetunion. Als Statue zierte er fast jede russische Stadt. Und sein Konterfei war allgegenwärtig – von der Wand im Klassenzimmer bis zur sozialistischen Kaffeetasse: Wladimir Iljitsch Lenin. Damals, als es noch die Sowjetunion gab. Und heute? Was bedeutet er heute noch seinen Landsleuten? Lenins Leichnam wurde für alle Ewigkeit auf dem Roten Platz konserviert. Aber sein politisches Erbe erscheint weniger dauerhaft und hat Risse bekommen. Der Husumer Filmemacher Sven Jaax ist dieser und anderen Fragen rund um den Revolutionsführer auf den Grund gegangen. Sein Film mit dem Titel „Keine Ruhe für Genosse Lenin“ kommt im Oktober ins Fernsehen. Der genaue Termin steht allerdings noch nicht fest.

100 Jahre Oktoberrevolution: War es nur das Datum, das Sie bewogen hat, darüber einen Film zu drehen?

Nein, es waren die Glatzköpfe! Ich bin sehr viel in Russland unterwegs gewesen und in dieser riesigen Nation ständig auf Lenin-Statuen gestoßen. Die meisten stehen da seit Generationen. Und ich habe mich gefragt: Bleiben die nur am Platz, weil sie so schwer zu entsorgen sind oder weil die Menschen noch immer ihren Genossen Lenin verehren, den Vater der Oktoberrevolution.

Wie schwierig war es, an den Originalschauplätzen zu drehen beziehungsweise an die nötigen Informationen zu kommen? Oder haben wir da ein vorurteilsbehaftetes Bild und es gibt Länder, deren Informationspolitik noch viel restriktiver ist?

Ich habe das Drehen in Russland immer als sehr angenehm und unkompliziert erlebt. Beim Revolutionsfilm war allerdings alles komplizierter, weil wir an „Schauplätzen nationaler Bedeutung“ gedreht haben. Selbst Putin wurde in die Genehmigungen einbezogen. Gescheitert bin ich zum Beispiel an einer Drehgenehmigung für Lenins Mausoleum und für das Labor, das seine Mumie betreut. Sämtliche Mitarbeiter hätten sich der Verbreitung von Staatsgeheimnissen schuldig gemacht, wenn sie vor der Kamera geredet hätten. Aber ich hätte zu gern gewusst, ob da wirklich noch Lenin liegt, ein Doppelgänger oder eine Wachsfigur.

Wie gehen die Russen selbst mit diesem historischen Datum um? Ist es nur noch Folklore? Und was wird der Nachfolgestaat zum Jubiläum veranstalten?

Lange Zeit war unklar, wie hoch offiziell mit dem Jahrestag umgegangen wird. Mittlerweile ist klar: gar nicht. Das Jubiläum wird nicht groß gefeiert. Lenin hat mit der Oktoberrevolution zwar das moderne Russland auf den Weg gebracht – aber es gibt andere Männer, die als Helden für das offizielle Russland wichtiger sind. Für die meisten Privatleute ist Lenin eher der strenge aber gütige Landesvater, der soziale Gerechtigkeit wollte.

War der Moment, dass heute kaum noch jemand die Signale hören will, vielleicht schon in der Revolution als solcher angelegt?

Die Revolution hat viele Menschenleben gekostet. Das wird heute oft ignoriert. Und so manche Idee Lenins war reine Bauernfängerei. Er wollte auch den einzelnen Republiken mehr Eigenständigkeit verleihen. Das wurde von seinen Nachfolgern nie umgesetzt und kommt bis heute nicht gut an in der russischen Regierung. Präsident Putin klagte jüngst, Lenin habe „eine Atombombe unter Russland gelegt“.

Gab es während der Recherchen oder Ihres Drehs irgendetwas, was Sie überrascht hat, was Sie so nicht gewusst oder erwartet haben?

Mich hat überrascht, dass wirklich niemand ein böses Wort über Lenin und „seine“ Revolution verloren hat. Nur die Kirchenoberhäupter übten milde Kritik – da die Kirche in der Sowjetunion fast ausgelöscht wurde. Irgendwie bleibt Lenin immer „der Gute“.

Denken Sie, dass Sozialismus und Kommunismus durch die Art, wie sie real praktiziert wurden, als Gesellschaftsform überhaupt noch eine Alternative darstellen können?

Alles kommt wohl irgendwann wieder. Vielleicht werden unsere Urenkel auch den Kommunismus wiederbeleben. Bis dahin gebe ich anderen Staatsformen mehr Chancen. Natürlich trauern einige in Russland der Sowjetunion hinterher – aber der Kapitalismus ist im Moment attraktiver. Auch in seiner robusten russischen Variante.

Es gibt eine direkte Verbindung zwischen der Oktoberrevolution und Lenin. Der Husumer Hirnforschungs-Pionier Oskar Vogt hat das Hirn des Revolutionsführers seziert. Kommt das auch in Ihrem Film vor?

Nein. Das habe ich schön für mich behalten. Denn das könnte noch mal Stoff für einen eigenen Film werden.

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erstellt am 18.Jul.2017 | 10:00 Uhr

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