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#metoo-Bewegung : Interview: Hilft ein Hashtag gegen sexualisierte Gewalt?

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Unter #metoo berichten Frauen über Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt. Frauen-Beraterin Petra Stadtländer ordnet die Bewegung im Interview ein.

von
erstellt am 28.Okt.2017 | 15:00 Uhr

Seit Wochen berichten Medien weltweit über die sogenannte #metoo-Bewegung. Unter diesem Hashtag („Ich auch“) berichten Frauen unter anderem in sozialen Medien wie Facebook über ihre Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt. Ausgelöst haben diese Welle die Skandale rund um den Hollywood-Mogul Harvey Weinstein, dem vorgeworfen wird, Frauen vergewaltigt oder sexuell belästigt zu haben.

In Husum arbeitet Petra Stadtländer seit 1985 als eine von drei Beraterinnen der Frauenberatung & Notruf Nordfriesland. Im Interview spricht sie darüber, wie sie Kampagnen wie #metoo bewertet, ob sie für ihre tägliche Arbeit relevant sind und wie sich der Umgang mit sexualisierter Gewalt in den vergangenen Jahren verändert hat.

Als Sie von der #metoo-Bewegung mitbekommen haben, wie haben Sie das persönlich empfunden?

Gemischt. Es gibt ja jetzt unendlich viele Medienbeiträge, auch sehr gute, und auch gute Kommentare von feministischen Bloggerinnen zu diesem Thema. Dass das Ausmaß von sexualisierter Gewalt also auf diesem Wege sichtbar gemacht wird, halte ich für positiv.

Doch gerade soziale Medien bieten ja Chancen und Gefahren zugleich: Wenn eine betroffene Frau unter dem Hashtag metoo über sexuelle Belästigung oder Gewalt öffentlich berichtet, kann sie vorher nicht wissen, wie ihr persönliches oder öffentliches Umfeld reagiert: Wird ihr geglaubt? Wird der Übergriff verharmlost oder ihr die Verantwortung dafür zugewiesen? Wird sie nur noch als Opfer gesehen?

Bei mir hat die Bewegung bei allen positiven Aspekten ein gewisses Unwohlsein ausgelöst, weil unter dem Begriff #metoo so vieles zusammengefasst wird – da geht es sowohl um die Hand auf dem Po im Bus, als auch um den jahrelangen Missbrauch – alles unter dem gleichen Motto, wenn man so will. Werden da nicht Dinge, die einen ganz unterschiedlichen Schweregrad haben, miteinander vermischt?
Das ist für mich kein Problem: Die Kampagne hat ja das Ziel, das Ausmaß von sexualisierter Gewalt an Frauen sichtbar zu machen. Und unter diesen Begriff fällt nach meinem Verständnis jegliche Handlung, die gegen den Willen einer Person ausgeführt wird – sei es das Hinterherpfeifen oder der Missbrauch.

Es geht bei der Auseinandersetzung auch um ein gesellschaftliches Klima der Akzeptanz oder der Ächtung: Die Hand auf dem Po im Bus hängt doch auch damit zusammen, wie die Umstehenden damit umgehen, dass da gerade eine Frau angegrabbelt wird. Mit solchen Fragen beschäftigen sich die Menschen im Zuge der #metoo-Kampagne ja auch. Es gibt zudem auch die Auseinandersetzung von Männern über ihr eigenes Verhalten, beispielsweise dazu, wie man mit dem grabbelnden Kumpel umgeht.

Neu ist so eine Kampagne nicht, 2013 gab es schon eine ähnliche Debatte, die im Internet ihren Ursprung hatte, unter dem Hashtag Aufschrei.
Solche Wellen der öffentlichen Auseinandersetzung gibt es schon viel länger, wenn wir uns etwa an die 70er-Jahre und den Stern-Titel „Wir haben abgetrieben“ erinnern. Auch da wurde ja eine gesellschaftliche Debatte dadurch angestoßen, dass sich Frauen öffentlich zu etwas geoutet haben, das eigentlich ein Tabu ist. Im Grunde sind die Tatsachen allen bekannt – trotzdem werden diese Kampagnen von den Medien immer wieder als etwas Neues behandelt.

Merken Sie in ihrer täglichen Arbeit in der Husumer Beratungsstelle, wenn solche Bewegungen gerade aufflammen? Melden sich dann mehr Frauen?
(Schüttelt den Kopf) So etwas ist bisher nicht der Auslöser gewesen, dass Frauen den Weg zu uns finden. Vielleicht ist es so, dass die Frauen, die auf Facebook #metoo schreiben, sich schon stärker mit ihrer Gewalterfahrung auseinandergesetzt haben, eventuell schon Beratungserfahrung haben.


Sie machen Ihren Job ja schon eine ganze Weile. Was sind die größten Veränderungen im Umgang mit sexualisierter Gewalt, die Sie erlebt haben?

Das Thema ist in der Öffentlichkeit und Politik stärker präsent. Betroffene nennen es auch eher konkret als Beratungsanlass. Früher war es häufiger so, dass Frauen aus einem vermeintlich anderen Grund Kontakt aufgenommen haben und es sich erst im Laufe der Gespräche herausstellte, dass es da Gewalterfahrungen gibt.

Natürlich hat sich auch die Gesetzeslage in Teilen geändert. Dass seit vergangenem Jahr im Sexualstrafrecht wirklich „Nein heißt Nein“ gilt, bedeutet, dass alle sexuellen Handlungen gegen den erkennbaren Willen einer anderen Person unter Strafe fallen sollen. Die körperliche Gegenwehr der Betroffenen ist nicht mehr die Voraussetzung für eine Strafverfolgung. Das muss sich jetzt noch in entsprechenden Urteilen niederschlagen.

Insgesamt aber denke ich manchmal, dass unsere Arbeit schon Sisyphusarbeit ist – es geht zwei Schritte vor und einen zurück.

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