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Treffpunkt in Tönning : Integration zwischen Büchern

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

In der Tönninger Bibliothek wird einmal im Monat ein Treffen für eingesessene Eiderstedter und Neubürger angeboten. Auch viele Flüchtlinge sind unter den Teilnehmern.

„Integration passiert am einfachsten, wenn man auf die Menschen zugeht, mit ihnen spricht und Hilfe anbietet“, sagt Tönnings Büchereileiterin Christine Koch. Das war schließlich auch ihre Motivation, als sie im Oktober den „Treffpunkt Bücherei“ ins Leben rief. „Ich wollte die hier in Tönning untergebrachten Flüchtlinge und die Menschen, die sie unterstützen, kennenlernen. Mein Anliegen war es aber auch, dass die Bürger der Stadt ins Gespräch kommen und die Problematik aus erster Hand erfahren“, sagt Koch.

Ihrem Aufruf folgten direkt einige Tönninger und auch Flüchtlinge gesellten sich dazu. Bis zu 20 Personen sind bisher im Durchschnitt jeweils am ersten Freitag jedes Monats ab 16.30 Uhr in der Bücherei erschienen. Es geht immer gesellig und locker zu. Es wird Tee getrunken, miteinander kommuniziert, gespielt, Nachhilfe in Deutsch gegeben oder – wenn nötig – auch nur aufmunternde, tröstende Worte an Betroffene weitergegeben. „Es hat sich in kurzer Zeit ein kleines Netzwerk von insgesamt 40 Freiwilligen aufgebaut. Einige begrüßen die Neuankömmlinge, andere begleiten sie bei Behördengängen und Einkäufen oder geben ehrenamtlich Sprach-Unterricht“, berichtet Koch.

In der heutigen Runde sitzt Claas Andres, Mitstreiter in der Kleiderkammer des DRK Tönning. Es müssen, so sagt er, nicht immer die großen Dinge sein, die von Freiwilligen geleistet werden. „Jeder so, wie er kann und mag“, lautet seine Devise. Und noch einen Tipp hat er für alle parat: „Sagen Sie einfach mal Hallo zu unseren Flüchtlingen, wenn Sie ihnen auf der Straße oder im Geschäft begegnen. Damit zaubern sie ein Lächeln in ihr Gesicht.“ Er muss es wissen, denn er hat ständig Kontakt mit ihnen. Gerade die Neuen, weiß er, seien verunsichert, ängstlich, noch gezeichnet von den Erlebnissen der vergangenen Wochen, in denen sie um ihr Leben fürchten mussten. Wenn er dann in die strahlenden Kinder- und Mütteraugen sehe, sei das Lohn für seine Arbeit. Dringend benötigt werden übrigens derzeit warme Sachen für den Winter, gern in kleinen Größen, so Andres.

Schnell kommt die muntere Runde ins Gespräch. Besprochen wird, wie auf kurzen Wegen im Einzelnen geholfen werden kann. Telefonnummern werden ausgetauscht, Sorgen und Nöte von Migranten besprochen. Mittendrin sitzt wie jedes Mal der 30-jährige Computerspezialist Sadat Zemarax. Er kam vor einem Jahr und acht Monaten in die Eider-Stadt, geht zur Berufsschule und hat bereits mehrere Praktika absolviert, zuletzt im städtischen Kindergarten. Als Übersetzer ist er Gold wert. Der freundliche Afghane spricht gut Deutsch. Oft weiß er am besten, was für seine Mitbetroffenen gerade am Nötigsten ist. Gut findet er, dass auf Eiderstedt Wohnungen zur Verfügung stehen. Das sei das Beste überhaupt, wenn die Asylsuchenden mittendrin im Alltagsgeschehen lebten. Die Menschen in der Region seien tolerant, offen und freundlich.

Zum ersten Mal dabei ist Stadtvertreterin Mery Ebsen. Sie habe es bisher aus Termingründen nicht geschafft, vorbeizuschauen. „Ich finde es wichtig, sich freiwillig für die Sache zu engagieren. Soweit ich kann, werde ich auch mithelfen“, sagt sie. Solche Treffen seien prädestiniert, um gegenseitige Ängste abzubauen.

„Ich bin von Anfang an dabei, gebe Deutschunterricht und habe einen Lesekreis eingerichtet. Mir ist es wichtig, für die Menschen da zu sein. Sie brauchen unsere Hilfe“, so die Tönningerin Barbara Dittmer-Gibat. Der Meinung ist auch Ingeborg Folasch. Die Rentnerin bietet künftig Mithilfe an. „Ich habe durch Zufall von dem Treffpunkt erfahren“, sagt sie. Sie wisse aus der eigenen Familie, was es heißt, Flüchtling zu sein.

Nicht nur die Initiatorin wünscht sich, dass noch mehr dazukommen, sondern alle Akteure. Je größer der Bogen der Helfer gespannt werden könne, umso besser. „Willkommen sind alle Eiderstedter und auf der Halbinsel untergebrachte Asylbewerber“, so Christine Koch. Eine Vision von ihr sei, künftig eine zentrale Anlaufstelle mit Ansprechpartner in Tönning zu schaffen, in der vielleicht ein Café mit Treffpunkt, ein Fahrradlager und mehr untergebracht werden kann. „Ideen nehme ich gern entgegen. Packen wir es gemeinsam an, dann ist alles leichter“, so die Büchereileiterin. Weitere Informationen gibt es in der Bibliothek unter Telefon 04861/614450.

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