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Husumer Nachrichten

24. September 2017 | 00:01 Uhr

Ostenfeld : Integration im Wohnzimmer

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Sigrid Beresheim engagiert sich auf besondere Art für geflüchtete Frauen: Jede Woche treffen sie sich bei der Ostenfelderin, um für ihre Kinder zu nähen.

Seit einem halben Jahr verwandelt sich das Wohnzimmer von Sigrid Beresheim an jedem Sonnabend in ein Schneideratelier. Mehrere Nähmaschinen stehen auf dem Esstisch, der unter bunten Stoffen und halbfertigen Kleidern kaum noch als solcher zu erkennen ist. Die sechs Frauen, die sich hier regelmäßig treffen, um Nähen zu lernen, tragen fast alle aus Glaubensgründen Kopftücher. Sie kommen aus Afghanistan, Syrien und Palästina und beherrschen die deutsche Sprache noch nicht so besonders gut. Die Kommunikation klappt trotzdem, in Englisch, Französisch, notfalls auch mit Hand und Fuß. Was sie vereint, ist nicht nur die Erinnerung an die Flucht aus der Heimat, sondern auch die Tatsache, dass sie fast alle zur gleichen Zeit schwanger geworden sind. Eine hat ihr Baby bereits bekommen, die anderen stehen kurz vor ihrer Niederkunft.

Dass das kein Zufall ist, weiß niemand besser als Sigrid Beresheim. Die gebürtige Frankin ist mit ihrem Mann, einem Franzosen, vor fünf Jahren nach Ostenfeld gezogen. In La Rochelle, einer Hafenstadt in Südwestfrankreich, war es dem Paar wortwörtlich zu heiß geworden. Weil sie auch in Zukunft möglichst nah am Meer leben wollten, allerdings bei gemäßigten Temperaturen, entschieden sie sich für Nordfriesland. Hier angekommen dauerte es nicht lange, bis der Flüchtlingsstrom einsetzte und schließlich auch Ostenfeld erreichte. Für Sigrid und Claude Beresheim war schnell klar, dass sie sich in der örtlichen Flüchtlingshilfe engagieren wollten. Sie nahmen ein junges Paar bei sich auf und sorgten dafür, dass die jungen Männer, die sie bei ihrer ehrenamtlichen Arbeit kennenlernten, möglichst bald ihre Frauen nachholen konnten.

Das blieb nicht ohne Folgen: Schon kurz nach der „Familienzusammenführung“ waren die ersten jungen Ehefrauen schwanger. „Da kommt schon sehr bald ein Kind nach dem anderen“, berichtet Bürgermeisterin Eva-Maria Kühl von dem unerwarteten Babyboom in ihrer Gemeinde. Damit wurde die von ihr initiierte Flüchtlingshilfe Ostenfeld aber auch vor neue Herausforderungen gestellt: „Wir nahmen uns vor, die Migrantinnen aus ihrer Isolation zu holen und ein Netzwerk zu schaffen, in dem sie sich gegenseitig helfen und unterstützen können“, so Eva-Maria Kühl. „Und ich wollte ihnen zeigen, wie man aus alten Sachen schickes Neues entstehen lassen kann, auch bei kleinem Budget“, sagt Sigrid Beresheim, die sich selbst maximal als Hobbyschneiderin bezeichnen würde und deshalb froh ist, dass sie in ihrem „Nähkurs für schwangere Migrantinnen und Migrantinnen mit Babys“ tatkräftig von einigen fachkundigen Frauen aus dem Kreis der Flüchtlingshilfe unterstützt wird.

Mit ihrer Hilfe wurden die Nähmaschinen angeschafft – teils gespendet, geliehen oder privat gekauft – und die angehenden Mütter im Erstellen von Schnittmustern und an den Maschinen geschult. Aus Stoffresten, Handtüchern und Vorhängen entstanden erste praktische Utensilien für den Nachwuchs: Windeltaschen, Einschlagdecken, Nestchen. Bald folgten praktische Bodys, Strampler, Jacken, Mützen, Socken und vieles mehr. Sogar an ihre eigenen Kleider wagten sich die Flüchtlingsfrauen heran, denn die mussten im Laufe der Schwangerschaft erweitert werden. „Wir waren zusammen in Flensburg auf dem Holländer-Stoffmarkt und haben uns mit schönen Materialien eingedeckt“, erzählt Sigrid Beresheim, die zu diesem Zweck auf Mittel aus dem Partnerschaftsprogramm der Arbeiterwohlfahrt zurückgreifen kann. Dafür ist sie ebenso dankbar, wie für jede private Materialspende: „Wir freuen uns immer über schöne Stoffreste und Kurzwaren, also Reißverschlüsse und Markennähgarne“, sagt sie.

Stolz posten ihre Schützlinge, die nach wie vor mit großem Eifer bei der Sache sind, jedes fertige Teil auf Facebook. Sie helfen sich gegenseitig mit Rat und Tat und sind zu einer Gemeinschaft geworden, die auch nach der Geburt der Babys zusammenbleiben will. Das einzige, was den jungen Müttern noch Kummer macht, sind die Sachen, die sie nicht selbst herstellen oder upcyceln können und die doch schon so bald dringend benötigt werden: Kinderwagen, Autositze, Babybetten, Hochstühle, Badewannen… „Wer da helfen kann, darf sich gerne bei mir melden“, sagt Sigrid Beresheim und bittet um Anruf unter Telefon 04845/7914711.

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