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Arbeitsmarkt in Nordfriesland : Integration – ein Job mit vielen Hindernissen

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Kreis-Fachbereichsleiter Axel Scholz im Gespräch: Warum die Suche nach Arbeit für Flüchtlinge eine Herausforderung ist – und was man in Zukunft besser machen könnte.

Die Bundesagentur für Arbeit sieht in den Flüchtlingen ein großes Potenzial für die Volkswirtschaft – bislang läuft die Integration in Arbeit aber eher schleppend. Der Leiter des Fachbereichs Arbeit des Kreises Nordfriesland, Axel Scholz, erklärt, mit welchen Problemen die Jobcenter zu kämpfen haben und warum einige Kurse zur beruflichen Integration aus seiner Sicht nicht so greifen, wie erhofft.

Herr Scholz, was waren für Sie die größten Herausforderungen in diesem Jahr?

In Bezug auf die Flüchtlinge war es, dass eine Vielzahl von Menschen jetzt Kunden des Jobcenters NF geworden sind. Um den Zustrom zu bewältigen, haben wir in den Sozialzentren neue Mitarbeiter für das Fallmanagement und die Leistungsberechnung eingestellt. Trotzdem gelingt uns eine Integration in den Arbeitsmarkt nicht so schnell, wie wir es uns wünschen. Denn die Vorbildung und Sprachkenntnisse der Migranten sind so extrem unterschiedlich, dass jeder Einzelfall sehr sorgfältig bearbeitet werden muss. Das kostet natürlich Zeit.


Mit der steigenden Zahl anerkannter Flüchtlinge werden von Seiten der Arbeitsagentur auch mehr Hartz-IV-Empfänger erwartet. Wie hängt das genau zusammen?

Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge arbeitet seinen Rückstand von Asylverfahren immer weiter ab. Sind Flüchtlinge
als Asylbewerber anerkannt, haben sie Anspruch auf Leistungen nach dem Sozialgesetzbuch II (SGB II), also auf Hartz IV. Dann ist unser Jobcenter für sie zuständig. Die meisten unserer neuen Kunden sind Syrer; weitere kommen aus dem Iran, dem Irak, Somalia und Eritrea.


Können Sie Zuwanderungszahlen für Nordfriesland nennen?

Im Januar 2015 waren 208 Zuwanderer im SGB-II-Bezug. Ein Jahr später waren es doppelt so viele, momentan sind es 963 – mit weiter steigender Tendenz.

Was tun Sie in Sachen Integration? Welche Maßnahmen greifen, welche nicht – und was könnten die Gründe dafür sein?

Da gibt es eine Vielzahl von Maßnahmen und Anbietern. Das Bundesamt für Migration zum Beispiel organisiert berufsbezogene Sprachkurse, die Volkshochschulen haben ebenfalls ein breites Angebot. Dazu kommen die verpflichtenden Integrationskurse. Mittlerweile gibt es immer mehr Kombinationen von Sprachkursen und beruflicher Qualifizierung. Für unsere Mitarbeiter ist es eine große Herausforderung, die Frage, welche Person denn jetzt eigentlich in welche Maßnahme passt, immer richtig zu beantworten. Es wäre wünschenswert, diese Angebots-Verdichtung wieder ein wenig zu entzerren.

Gerade wenn es um die berufliche Qualifizierung geht, reichen die Sprachkenntnisse vieler Flüchtlinge noch nicht aus, um einer Maßnahme folgen zu können.

Die berufliche Qualifizierung von Flüchtlingen wird in Deutschland oftmals nicht anerkannt. Warum weicht man das komplizierte Zertifizierungs-System nicht einfach auf, um mehr Menschen in Arbeit zu bringen?

Unser duales Ausbildungssystem wird von allen beteiligten Partnern hoch geschätzt und macht auch einen Teil des Qualitäts-Siegels „Made in Germany“ aus. Bei den qualifizierten Berufen legen die Betriebe Wert darauf, dass die Menschen Zertifikate, Abschlüsse und alles Verfügbare mitbringen. Denn sie haben ein Interesse daran, weiterhin mit qualifizierten Fachkräften zu arbeiten, um die hier üblichen hohen Qualitätsstandards beibehalten zu können.

Gibt es andere Möglichkeiten, beim Thema Qualifizierung auf Zuwanderer zuzugehen?

Wer flüchten muss, ist oftmals gar nicht in der Lage, seine Unterlagen mitzunehmen. Manche besitzen auch einfach keine Zertifikate, Zeugnisse oder Abschlüsse, weil sie in den Herkunftsländern keine so große Rolle spielen wie in Deutschland. Also haben wir uns entschieden, gemeinsam mit einem Träger aus Nordfriesland eine Anerkennungsberatung für ausländische Schul- und Bildungsabschlüsse anzubieten. Und das läuft sehr gut. Wir haben regelmäßig Mitarbeitende vor Ort, die mit den Geflüchteten klären, ob und welche Zeugnisse sie haben und wie man diese nachträglich beschaffen kann.

Das Ehrenamt wird immer bedeutender, hat jedoch eine Art Puffer-Funktion eingenommen. Urte Andresen von der Diakonie sprach jüngst in einer Sitzung des Arbeits- und Sozialausschusses des Kreises davon, dass sie das „für eine gefährliche Sache“ halte. Was sagen Sie dazu?

Die Integration in Deutschland – und speziell in Nordfriesland – könnte ohne das jetzige hohe ehrenamtliche Engagement nicht gelingen. Das darf selbstverständlich nicht dazu führen, dass sich Staatlichkeit und Verwaltung aus der Aufgabe zurückziehen und unangenehme Aufgaben der Ehrenamtlichkeit überlassen.

Gleichwohl ist das Ehrenamt – das ich nicht als Puffer, sondern als Bindeglied zwischen Menschen und Verwaltungen wie Ordnungsamt, Ausländerbehörde oder Jobcenter bezeichnen würde – ein wichtiger und guter Mittler und Übersetzer. Ohne Ehrenamt hätten wir in Deutschland auch in anderen Bereichen ein großes Problem.

Was passiert jetzt mit den Fachstellen, die große Sorge haben, dass ab 2017 die finanzielle Unterstützung wegfällt?

Die Frage, wie mit der Integrations-Pauschale umgegangen wird, aus der sich auch ein Teil der Refinanzierung der Fachstellen speist, ist eine Frage der Jahre 2017/18. Denn wenn weniger Flüchtlinge kommen, wird weniger Geld ins System gebracht. So ist es möglich, dass eben auch Stellen, die extra für die Flüchtlingsarbeit geschaffen wurden, bedroht sind. Wie sich diese gesamte Situation weiter entwickeln wird, kann ich aber nicht beurteilen, dieser Bereich fällt nicht unter die Aufgaben des Jobcenters. Aber ja, die Gesamtsituation ist fragil.

2016 war unbestritten für Sie und Ihre Kollegen ein hartes Jahr. Trotzdem gab es mit Sicherheit auch Erfolge. Worauf sind Sie besonders stolz? Und was wünschen Sie sich für das Jahr 2017, wenn Sie einen Wunsch frei hätten?

Wir haben in diesem Jahr bisher 41 geflüchtete Personen in Arbeit bringen können. Das ist ein schöner Anfangserfolg, aber wir müssen versuchen, diese Quote künftig noch zu steigern. Denn Integration kann nur gelingen, wenn die Menschen auch einem Erwerb nachgehen.

Ich würde mir wünschen, dass sich auch insgesamt die Situation normalisiert. Die Jahre 2015, 2016 und sicherlich auch das erste Quartal 2017 waren und sind davon geprägt, schnelle Antworten und Lösungen zu finden. Doch die Zeit, die man benötigt, um Dinge vernünftig zu strukturieren und innovativ vorauszudenken, ist kaum vorhanden.
Aber schlussendlich darf man eines nicht vergessen: Bei allen Integrations-Bemühungen für Flüchtlinge haben wir auch eine Vielzahl von SGB-II-Beziehern mit deutscher Herkunft, die mit der gleichen Intensität und Aufmerksamkeit in den Arbeitsmarkt integriert werden wollen.

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erstellt am 22.Dez.2016 | 06:30 Uhr

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