Inklusion in Nordfriesland : Inklusion – eine Kunst für sich

Führungen für Menschen mit Handicaps bietet das Nordsee-Museum Nissenhaus an, hier mit Dr. Uwe Haupenthal.
Führungen für Menschen mit Handicaps bietet das Nordsee-Museum Nissenhaus an, hier mit Dr. Uwe Haupenthal.

Tagungsthema hochkarätiger Experten: Wie kann bauliche und soziale Barrierefreiheit in Kulturstätten gelingen?

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26. Februar 2018, 13:00 Uhr

Der Kreis Nordfriesland hat für die Jahre 2016 bis 2018 einen gültigen Kulturentwicklungsplan. „Ein Ziel ist es, einen barrierefreien Zugang zu den Museen und anderen Kulturorten in Nordfriesland zu schaffen“, erläuterte Bernd Börensen, stellvertretender Vorsitzender des Kulturausschusses des Kreises in einer Informationsveranstaltung.

Nicht nur körperliche, sondern auch soziale und sprachliche Barrieren sollten abgebaut werden, um so einen ungehinderten Zugang für alle Menschen zu ermöglichen. „Der Kreis wird sich weiterhin für eine bauliche und technische Barrierefreiheit von Kultureinrichtungen und Museen einsetzen“, versprach Börensen. Allerdings gäbe es Probleme bei den sozialen Barrieren. „Wir müssen Wege zu den Menschen finden, denen bisher kein Zugang zu den Kulturangeboten möglich ist.“ Hier brachte Börensen einen Fonds ins Gespräch, der Eintrittskarten für ausgewählte Veranstaltungen sponsern könnte. Die Finanzierung des Fonds könne aus der Wirtschaft oder durch interessierte Privatpersonen geschehen.

Zur Barierefreiheit gehörten aber auch klare Informationen im Internet. „Es muss möglich sein, sich kurzfristig einen vollständigen Überblick über das kulturelle Angebot im gesamten Kreis Nordfriesland zu verschaffen.“

Zu den Rednern gehörte auch Moritz Magnussen, Mitarbeiter des Landesbeauftragten für Menschen mit Behinderung in Kiel. 20 Prozent der Bevölkerung in Schleswig-Holstein lebten mit einer Behinderung, in Nordfriesland seien es 18 Prozent. Das Thema Inklusion sei in der Bevölkerung angekommen, es hapere aber in der Umsetzung. Er forderte Barrierefreiheit nicht nur für Rollstuhlfahrer, schließlich gebe es die unterschiedlichsten Handicaps etwa durch Erkrankungen oder Unfälle. „Weiter vergessen wir die Behinderung, die erst im Alter sich entwickelt.“ Er wünsche sich auch spezielle Fortbildungen für Architekten. „Außerdem benötigen wir eine Willkommenskultur, die bereits auf der Homepage der Kultureinrichtung zu erkennen ist“, forderte Magnussen. „Im Dialog mit den Menschen mit Behinderung sollten die Einrichtungen herausfinden, was benötigt wird, um die Bedürfnisse zu klären.“

Klare Worte fand Dagmar Rösner, Projektleiterin Museumsberatung und -zertifizierung in Schleswig-Holstein: „Eine Zertifizierung als barrierefreie Einrichtung wird es nicht geben, wenn auf der Homepage kein Info-Angebot angegeben ist.“ Das Prinzip „rein kommen und klar kommen“, müsse für alle Menschen mit und ohne Behinderung möglich sein.

Enttäuscht zeigte sich Rösner über das Ergebnis einer Erhebung zur Barrierefreiheit. „Nur knapp 40 Prozent aller Museen haben sich beteiligt, das ist mehr als beschämend.“ Es zeige, dass das Thema Inklusion in Museen immer noch stiefmütterlich behandelt werde.

Auch das Ergebnis sei zum Teil schockierend. Von den 105 beteiligten Museen biete nur ein Museum Rollatoren an. Zwei Museen gaben an, eingebundene Videos mit Untertiteln für Gehörlose anzubieten, und drei Einrichtungen würden den Eingang auch für Menschen mit Sehbehinderung kennzeichnen. 19 Museen würden auf ihrer Homepage auf besondere Angebote für Menschen mit Behinderung hinweisen und zwei Museen würden ihre Mitarbeiter entsprechend schulen. „Zur Minimalforderung gehört eine Sensibilisierung und permanente Schulung von Museumsmitarbeiter sowie verlässliche Informationen auf der Homepage.“

Beispiele für seiner Ansicht nach nützliche und unnütze Angebote präsentierte Marc Jestrimsky, Architekt und Sachverständiger für barrierefreie Stadt- und Gebäudeplanung. Museen würden zwar auf Barrierefreiheit hinweisen, doch einer fachlichen Überprüfung hielten sie nicht stand. „Bei der Gestaltung von Neubauten oder Sanierungen sollte rechtzeitig das Thema eingebunden werden.“ Dabei seien manche Maßnahmen kostengünstig zu verwirklichen. So verwies er auf eine barrierefreie Rampe, die jederzeit zurück genommen werden könne, ohne dass eine bauliche Veränderung nötig sei. „Es ist inakzeptabel, wenn ein behindertengerechter Zugang an der Rückseite des Gebäudes angeboten wird.“ Der Zugang müsse an der gleichen Stelle wie für alle anderen angeboten werden.

Doch es gäbe auch Grenzen. „Utopie“ sei eine barrierefreie Burg. So sei jedes Denkmal ein Einzelfall, für den kreative Lösungen gefunden werden müssten. „Nicht jeder kann in den letzten Winkel eines Turms oder einer Kammer gelangen.“

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