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Debatte in Niebüll : Inklusion besser langsam angehen

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Entschleunigung beim Thema „Inklusion“ wünscht sich Schleswig-Holsteins Landesbeauftragter für Menschen mit Behinderungen. Dr. Ulrich Hase warnte vor übereilten Maßnahmen in Schulen.

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erstellt am 29.Okt.2014 | 18:30 Uhr

Inklusion ist zurzeit ein heiß diskutiertes Thema – und lässt auch in Nordfriesland oft viele Eltern und Praktiker überfordert zurück. Diese Verunsicherung, die besonders gemeinsames Lernen von behinderten und nicht behinderten Kindern in der Region auslöst, wurde jetzt in Niebüll spürbar: Auf Einladung der CDU-Landtagsabgeordneten aus Südtondern, Astrid Damerow, und dem Vorsitzenden des CDU-Kreisfachausschusses Schule, Bernhard Puschmann, hatten die Christdemokraten zu einer öffentlichen Veranstaltung zum Thema „Inklusion gestalten – eine große Herausforderung“ in den „Friesenhof“ eingeladen. Als Podiumsgäste waren Dr. Ulrich Hase, Landesbeauftragter für Menschen mit Behinderungen, und die CDU-Landtagsabgeordnete Heike Franzen, Sprecherin der Landtagsfraktion für Politik für Menschen mit Behinderungen zu Gast.

Inklusion sei ein Menschenrecht, abgeleitet aus einer UN-Konvention und deshalb auch in Deutschland gültig, führte Ulrich Hase in das Thema ein. Dabei gebe es einen entscheidenden Unterschied zwischen Inklusion und Integration: Bei Integration gehe es um die Möglichkeit Einzelner zu Schulen, Universitäten oder andere Einrichtungen Zugang zu bekommen. Inklusion gehe noch einen Schritt weiter – „dabei geht es um eine Grundhaltung, die sagt: alle Menschen mit Behinderung sind willkommen, überall“.

Dass inklusiver, gemeinsamer Unterricht noch lange kein Selbstgänger ist, belegten daraufhin Berichte aus dem Schulalltag: Fehlende Räume, kaum Fachpersonal und verunsicherte Eltern gehören demnach für Lehrer und Erzieher zur Inklusions-Praxis. Auch Schulleiter Holger Karde aus Leck sprach Probleme an: „Es ist schon fast unfein zu sagen, dass man die I-Kinder in bestimmten Stunden zusammenfasst.“ Es habe sich allerdings gezeigt, dass eine Trennung des Unterrichts manchmal auch sinnvoll sei – etwa um Sonderpädagogenstunden gemeinsam zu nutzen. Um den Erfolg von Inklusion an Schulen in der Praxis zu bewerten, helfe ein einfacher Test, sagte dazu Ulrich Hase: „Wenn das Kind auf dem Pausenhof alleine steht, dann ist Inklusion gescheitert.“ Daher sei es richtig, dass Behinderte auch regelmäßigen Umgang mit Ihresgleichen hätten – „das ist ganz wichtig, um Selbstakzeptanz zu entwickeln“.

Deutliche Kritik übte der Landesbeauftragte für Menschen mit Behinderungen an dem Kurs der Landesregierung: „Inklusion darf keine Begründung für Sparmaßnahmen sein.“ Besonders bedroht durch den derzeitigen Umsetzungswillen sei die Sonderpädagogik, warnte Hase. „Es gibt Inklusions-Päpste, die sehen bereits in der Diagnose von Behinderung eine Einschränkung und ein Hindernis für Inklusion – das sehe ich anders.“ Man dürfe nicht alles über Bord werfen, was man sich in der Sonderpädagogik über Jahre erarbeitet habe – besonders in Schleswig-Holstein. Andernfalls seien am Ende die Kinder die Leidtragenden. Der studierte Jurist und Sonderpädagoge warb stattdessen für eine Entschleunigung des angestoßenen Prozesses und forderte mehr Augenmaß bei der Umsetzung von Inklusionsmaßnahmen. „Solange die Rahmenbedingungen nicht stimmen, lasst es uns langsam angehen.“

Auch die CDU-Landtagsabgeordnete Heike Franzen, selbst Mutter einer beeinträchtigten Tochter, plädierte für besonnenen Wandel im Bildungswesen: „Es geht um den Erhalt der Vielfalt. Wir müssen Eltern die Wahlmöglichkeiten lassen, ob sie eine Regelschule oder eine sonderpädagogische Einrichtung für ihre Kinder für richtig halten. Wir müssen weniger ideologisch an die Sache herangehen, dann wird Inklusion gelingen.“

 


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