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Appell an Firmenchefs : Inklusion als Chance begreifen

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Die Behindertenbeauftragte der Bundesregierung und Paralympics-Siegerin Verena Bentele war Festrednerin beim TSBW-Herbstgespräch mit Unternehmern und Handwerkern in Husum.

Es macht für Unternehmer neben der gesellschaftlichen Bedeutung auch betriebswirtschaftlich Sinn, Menschen mit Handicaps einzustellen. Das ist die Kernthese, die Verena Bentele, Behindertenbeauftragte der Bundesregierung, im Herbstgespräch des Husumer Theodor-Schäfer-Berufsbildungswerks (TSBW) deutlich machte. Die zwölffache Paralympics-Siegerin, die von Geburt an blind ist, war Festrednerin der Veranstaltung im Schloss vor Husum, zu der TSBW mit dem Unternehmensverband Unterelbe-Westküste und der Kreishandwerkerschaft Nordfriesland-Süd eingeladen hatte.

Verena Bentele untermauerte ihre These mit zahlreichen Beispielen aus dem Bundesgebiet: So hat der Software-Hersteller SAP zahlreiche Autisten eingestellt, weil sie mit ihren besonderen Fähigkeiten in Informatik und Mathematik große Dienste leisten können. In der Oberpfalz habe sie einen Bäcker-Gesellen kennengelernt, der trotz Down-Syndroms seine Ausbildung erfolgreich abgeschlossen hatte und im Ladengeschäft nun als unverzichtbar für den Erfolg der Firma angesehen werde. Und in einem Kaufhaus habe eine junge Frau im Rollstuhl die Umsätze in einer Spielwarenabteilung deutlich steigern können, vor allem, weil sie die jungen Kunden auf Augenhöhe beraten kann.

Da horchten im Publikum auch die Vertreter der Wirtschaft auf, denen es „offenbar an Wissen und Mut fehlt“, mehr Menschen mit Handicaps einzustellen, wie Ken Blöcker, Geschäftsführer des Unternehmensverbandes, vermutete. Doch längst berichteten ihm viele Personalleiter, wie sehr sie deren hohe Motivation und Identifikation zu schätzen wüssten. Sein Fazit: Inklusion sei gesellschaftlich sinnvoll und betriebswirtschaftlich notwendig. „Da gilt es weiter, Barrieren in den Köpfen abzubauen.“

Dem schloss sich Rolf Hansen, Kreishandwerksmeister NF-Süd, an und stellte zusätzlich auf die enge Verzahnung aller Partner im Kreisgebiet ab. Der von ihm bei vielen Anlässen geäußerte Vorschlag, auch Ausländer in die Betriebe zu integrieren, nahm in Verena Benteles Rede zur „Inklusion 4.0“ einen zentralen Raum ein. Auch sie ging auf den starken Zustrom von Flüchtlingen ein. Eine Lösung für alle könne die „Leichte Sprache“ (klare, kurze Sätze) sein, die Einheimischen mit Lernschwierigkeiten genauso hilft wie Fremden, die nicht viel Deutsch können.

Bentele dehnte damit den Begriff des Handicaps auf die aktuellen Verständigungsprobleme mit Migranten aus. Denn auch diese müssten Arbeitsaufträge oder Behördenschreiben verstehen können. Sie unterstrich den Kern des Begriffes Inklusion, „nicht alles für viele, sondern vieles für alle Menschen“ zu tun. Neben allen Appellen tischte die Behindertenbeauftragte aber auch klare Forderungen auf: So will sie erreichen, dass die Empfänger von Eingliederungshilfe finanziell anderen Arbeitnehmern gleichgestellt werden, „dass Arbeit
für sie genauso lohnend ist“. Damit sie sparen oder Geld für ein eigenes Auto oder das Studium ihrer Kinder einplanen könnten.

TSBW-Leiter Hans-Jürgen Vollrath-Naumann betonte, dass das Herbstgespräch traditionell als Dank an alle Unterstützer seiner Einrichtung gedacht sei. Da die Festrednerin auf ein Honorar für sich verzichtet und stattdessen eine Spende an eine Einrichtung freier Wahl vorgeschlagen hatte, schloss der Abend mit einer bewegenden Spendenübergabe. Sowohl das TSBW als auch dessen Partner Carebyphone übergaben Schecks an Silke Kuleisa von der Geschäftsführung der gemeinnützigen GmbH Iuvo in Albersdorf (Kreis Dithmarschen). Die Jugendhilfeeinrichtung kümmert sich um unbegleitete jugendliche Migranten – womit Verena Benteles Gedanke von der Einbindung der Flüchtlingshilfe in die Inklusion gleich aufgenommen worden ist.

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