Nordstrand : In frühere Zeiten zurück versetzt

Mit Glacé-Handschuhen angefasst: das Original der Chronik von 1668. Foto: rah
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Mit Glacé-Handschuhen angefasst: das Original der Chronik von 1668. Foto: rah

Festveranstaltung in der voll besetzten Odenbüller Kirche. Pastor schlüpfte in die Rolle des Chronisten Anton Heimreich.

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26. Februar 2013, 08:03 Uhr

Nordstrand | Ein spektakulärer Auftritt: Pastor Thorsten Wiese in der Rolle des Magisters Anton Heimreich (1626 - 1685). Einmal mehr bewies der Seelsorger der evangelischen Kirchengemeinde Nordstrand-Odenbüll sein schauspielerisches Talent. Von der Kanzel der voll besetzten St.-Vinzenz-Kirche las er Ausschnitte aus einer Predigt seines Amtsvorgängers aus dem 17. Jahrhundert. Das war genau die richtige Einstimmung auf die Festveranstaltung des Nordstrander Heimatvereins.

Mit Unterstützung des Fördervereins für Kultur auf Nordstrand hatten die Ehrenamtler eine der seltenen Originalausgaben der ältesten erhaltenen Chronik von Nordfriesland aus Privatbesitz erworben. Verfasst hatte sie Magister Heimreich im Jahre 1666. Auch eine von ihm von der lateinischen in die deutsche Sprache übersetzte Ausgabe des "Nordstrander Landrechts" überließ der ehemalige Besitzer dem Verein. Es galt auf dem Eiland noch bis zum Jahre 1900 als Gesetz.

Der Vorsitzende, Momme Elsner, konnte neben Amtsvorsteherin Karen Hansen auch Ute Clausen, Bürgermeisterin der Nachbargemeinde Elisabeth-Sophien-Koog, und Gemeindevertreter begrüßen. "Wir sind stolz, dass wir Ihnen zwei historische Schätze zeigen können", sagte Elsner. Die Amtsvorsteherin gratulierte zu der Anschaffung. Es sei wichtig, kulturelles Erbe für die Nachwelt zu erhalten, um daraus für die Zukunft zu lernen.

Viele Fragen beantwortete Vereins-Mitglied und Hobby-Forscher Hans-Harro Hansen in seinem Vortrag, und er skizzierte das Leben des Chronisten. Besonders sei, dass es nur noch zwei weitere Originalausgaben gebe, eine im Kopenhagener Museum, die andere in der Bücherei der Hermann-Tast-Schule in Husum. Weil die Originale ihren Wert haben, werden sie sicher verwahrt. Im Inselmuseum werden demnächst Repliken ausgestellt. In digitalisierter Form werden außerdem Auszüge auf der Homepage des Vereins veröffentlicht. Der Historiker Manfred-Guido Schmitz hat zudem eine in die Sprache der heutigen Zeit übersetzte Ausgabe herausgebracht.

In der Chronik taucht zum ersten Mal der Begriff Blanker Hans als Synonym für die Nordsee bei Sturm auf. Die "2. grote Mandränke" -Sturmflut von 1634 - ist ebenfalls beschrieben. Als Achtjähriger hatte Heimreich das Elend selbst miterlebt. In einer Nacht waren von den 9000 Einwohnern der einst reichen Region 6400 umgekommen. Fast sämtliche Zeugnisse aus der Zeit vor 1634 wurden vernichtet. Die einstige Insel Strand hatte 22 000 Hektar Land mit 21 Kirchen und zahlreichen Windmühlen umfasst. Der Reichtum habe die Menschen wohl zur Gleichgültigkeit verführt, vermutete Hansen, und sie hätten versäumt, die Seedeiche in Ordnung zu halten. Die Nordsee habe somit leichtes Spiel gehabt.

Heimreich hatte Theologie studiert und Europa bereist. 1653 kam er zurück, um die Pastorenstelle auf Nordstrandischmoor zu übernehmen. Es war schwer für ihn, dem Befehl des Herzogs Friedrich III. zu gehorchen und dessen Proklamation auf der Hallig und von der Odenbüller Kanzel zu verkünden. Ein mit vier Niederländern geschlossener Vertrag - die hatten den Auftrag, sichere Deiche zu bauen -, machte nämlich die Insulaner und Halligbewohner besitz- und rechtlos.

Eigentlich habe Heimreich ein Denkmal verdient oder zumindest die Benennung einer Straße nach ihm, regte Hansen an. Nach Heimreich, darauf wies Museumsleiter Wolf-Dieter Dey hin, habe rund 200 Jahre lang niemand mehr eine Chronik geschrieben. Alle ab 1920 herausgebrachten Werke bezögen sich auf Heimreich und dessen Aufzeichnungen.

Info: www.nordstrander-heimatverein.de oder 04842/263 (Dey).

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