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Husumer Nachrichten

24. November 2017 | 01:28 Uhr

Bredstedt : Im Slalom mit den Acker-Riesen

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Beim Sicherheitstraining für Ackerschlepper lernen angehende Landwirte in Bredstedt, die Kraft ihrer Gefährte richtig einzuschätzen.

Staub wirbelt durch die Luft, als der Trecker mit rund 40 Kilometern pro Stunde auf die Gruppe am Straßenrand zurast. Es quietscht und riecht nach verbranntem Gummi, sobald das zwölf Tonnen schwere Gefährt zum Stillstand kommt. Die Aktion ist Teil des „Sicherheitstrainings für Landwirte“ in Bredstedt und soll den Teilnehmern zeigen, wie lange es bei einer Gefahrenbremsung dauert, bevor der Ackerschlepper wirklich steht. Neun Meter lang ist der Bremsweg schon bei Tempo 30. „Gewundert hat mich das nicht“, sagt Tade Jensen. Der angehende Landwirt hat Erfahrung mit den monströsen Maschinen – seit zwei Jahren fährt er Trecker. Gemeinsam mit seinen Mitschülern der Landwirtschaftsschule in Husum lernt der 18-Jährige heute, die Gefahren im Straßenverkehr früher zu erkennen, um kritische Situationen mit landwirtschaftlichen Fahrzeugen zu vermeiden.

Einen ganzen Tag lang verbringen die 13 Männer und sechs Frauen auf dem ehemaligen Bundesgrenzschutz-Gelände (BGS). Am Vormittag steht zunächst Theorieunterricht an, in dem die Lehrlinge des zweiten Lehrjahres unter anderem Verkehrsrecht und die Bestimmungen der Berufsgenossenschaft der Landwirte kennen lernen. Bei strahlendem Sonnenschein werden nachmittags in sieben landwirtschaftlichen Fahrzeugen verschiedene Szenarien auf einer Straße durchgespielt. Veranstalter sind die Landwirtschaftsschule, die Sozialversicherung für Landwirtschaft, Forsten und Gartenbau (SVLFG) sowie der ADAC.

Den Blick starr geradeaus gerichtet steuert Tade auf die Hütchen zu, die in festen Abständen vor ihm auf dem breiten Weg aufgebaut sind. Seinen Trecker soll er jetzt um die Hindernisse lenken. Geschmeidig dreht er das Lenkrad nach links und setzt dabei die rechte Hand über die linke. „Viele lenken nur mit einer Hand, wenn sie um die Kurve fahren – das kann aber gefährlich werden“, erklärt der 18-Jährige, der in einigen Jahren den Hof seiner Eltern bei Viöl übernehmen wird.

„Auf dem Trecker fühlt man sich groß und mächtig und vergisst, welche Gefahren von der Maschine ausgehen“, sagt Lorenz-Peter Volquardsen (66). Der Vorsitzende des ADAC-Motorclubs rund um den Stollberg, Ortsclub Bredstedt, hatte vor drei Jahren die Idee, Sicherheitstrainings für angehende Landwirte anzubieten. Diese Sicherheitstrainings sind in Bredstedt bislang einmalig in Schleswig-Holstein. Der ehemalige Fahrlehrer hält es für elementar, dass die Auszubildenden die verschiedenen Szenarien in der Praxis erleben. „Erzählen hilft nichts, die Schüler müssen es erleben und fühlen, damit es ins Bewusstsein kommt“, sagt der 66-Jährige. Bei Geschwindigkeiten über 25 Kilometer pro Stunde fangen die Fahrzeuge leicht an zu schlingern und zu hoppeln, schnell rutsche man beim Bremsen vom Pedal ab und das Fahrzeug breche aus. Hauptziel sei es, dass auf Feldern, Höfen und Straßen weniger Unfälle passieren.

Nach dem Slalomfahren wird das Vorbeifahren an einer Gruppe Menschen aus dem „Kinderblickfeld“ trainiert. Dabei sollen die Jugendlichen – auf dem Bordstein sitzend – durch ein rotes Hütchen schauen, während ein Trecker an ihnen vorbeidüst. Auf diese Weise wird das eingeschränkte Sichtfeld eines etwa zehnjährigen Kindes simuliert, erklärt der Lehrer. „Echt krass, man kann total wenig sehen“, sagt Tade Jensen, während er den Plastik-Trichter vor sein rechtes Auge hält. Treckerfahren sei für ihn kein notwendiges Übel, das zum Beruf gehört, sondern bringe ihm „einfach Spaß“, sagt er und grinst. In Neuseeland will er demnächst ein praktisches Jahr verbringen, das Teil der Ausbildung ist. Neben Kurvenfahren und Wenden bei unterschiedlichen Beladungen auf dem Anhänger sowie Ausweichen vor plötzlich auftretenden Hindernissen, üben die jungen Männer und Frauen am Mittwoch unter anderem, wie viel Sicherheitsabstand zum Vordermann auf der Straße nötig ist.

„Landwirtschaftliche Fahrzeuge im XXL-Format verursachen in der Erntezeit stets schwere Unfälle“, sagt Boy Payen, der die praktischen Übungen in Bredstedt leitet. Die Fahrzeuge würden immer schneller, schwerer und breitet, sagt der Verkehrslehrer. Eine zusätzliche Gefahr ginge zudem von den „sehr jungen Landwirten“ aus. Gerade zur Erntezeit, wenn diese oft mehrere Stunden auf ihren „Agrarmonstern“ sitzen, würden sich die Unfälle häufen. Jörg Ahlgrimm, Leiter der Unfallanalyse der Dekra, spricht von „regelmäßig schwersten Unfällen mit landwirtschaftlichen Fahrzeugen und Pkw sowie Motorrädern“.

Das bestätigt auch Matthias Hansen vom SVLFG, die den Kurs mitfinanziert. 2015 sind in Schleswig-Holstein 160 Unfälle mit Verletzten unter Beteiligung landwirtschaftlicher Maschinen gemeldet worden. Bundesweit seien es 3300. „Das sind alles Unfälle mit einer Arbeitsunfähigkeit von mehr als drei Tagen“, sagt der Experte. Kollisionen, die nicht gemeldet werden, kämen noch obendrauf. Es sei daher wichtig, dass die Fahrer „das Gefühl für die Masse lernen“.

Die Grundlagen dazu wurden in Bredstedt gelegt: Tade Jensen will in Zukunft einige Dinge etwas anders machen, wenn er mit seiner mächtigen Maschine unterwegs ist. „Ich habe auf jeden Fall gelernt, dass ich langsamer fahren muss und mehr auf mein Lenkverhalten achte“, sagt er. Das Training soll auch im kommenden Jahr angeboten werden.


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