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24 Stunden Husum: 0 bis 1 Uhr : Im Gruselwald der tanzenden Farne

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Mitternacht zwischen Grabsteinen – nicht jedermanns Sache. In unserer Serie „24 Stunden Husum“ geht es diesmal zum Südfriedhof. Eine Geschichte von ausbleibenden Werwölfen und Scheinzypressen, die zur Geisterstunde die Fantasie beflügeln.

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erstellt am 24.Sep.2013 | 12:00 Uhr

In der Serie „24 Stunden Husum“ begeben wir uns an die unterschiedlichsten Orte der Stadt – jeweils für eine Stunde. Heute Teil 20: Allein auf dem Südfriedhof.

Buuuuuuuuuuuuh! Geisterstunde. In der Ferne schlägt die Glocke der Mildstedter Kirche: Mitternacht. Zeit für das Übernatürliche, das Fantastische. Kopfkino zum Gruseln und Gänsehaut-Gefühl – wo lässt sich das besser erleben als zwischen wuchtigen Grabsteinen und dunklen Büschen? Wer oder was treibt eigentlich um diese Uhrzeit auf dem Husumer Südfriedhof sein Unwesen? Unerschrocken, wie sich die Journaille manchmal gibt, wollen wir es wissen.

Der Termin für das Rendezvous mit dem vermeintlich Unheimlichen ist denn auch entsprechend mutig gewählt. 24 Stunden zuvor wachte der Vollmond über der Storm-Stadt. Sollte sich also ein Werwolf im Datum geirrt und ein wenig verspätet haben, schriebe sich diese Geschichte von selbst. Wenn nicht, stimmt wenigstens die Beleuchtung.

Apropos: Auch eine Luna, die fast ihre ganze Kraft zusammennimmt, schafft es nicht, nächtliche Sinnestäuschungen zu vertreiben. Schon kurz nach dem Betreten des siebeneinhalb Hektar großen Areals zwischen Friedrichstraße und Schockedahler Weg spielen Augen und Verstand verrückt: Drohend zeichnen sich rechter Hand die Umrisse des Glockenturms ab – in der Dunkelheit wirkt der Aufbau wie eine Gondel im Vergnügungspark, die sich jeden Moment um ihre eigene Querachse dreht. Und heraus flattert dann ein Schwarm von Fledermäusen . . .

Überhaupt, was ist bloß mit der Tierwelt los? Keine Krähe weit und breit. Nirgendwo eine schwarze Katze – und schon gar nicht von rechts. Nicht mal ein Uhu, der doch in jedem Film, der als Horrorschocker etwas auf sich hält, rufend zum Friedhofs-Inventar gehört. Stattdessen rauschen in der Nachbarschaft immer mal Autos vorbei. Nichts Übersinnliches, einzig und allein der Tatsache geschuldet, dass die Bundesstraße 5 in Hörweite liegt. Genau wie der Husumer Bahnhof, in den um 0.30 Uhr pfeifend der letzte Zug einfährt. Wenigstens mal wieder ein Geräusch.

Vielleicht wäre es an dieser Stelle einen Versuch wert, künstlich Spannung aufzubauen. Doch mit welchem der drei wohlweislich mitgebrachten Groschenromane? Auf einer der zahlreichen Bänke liegt neben der kleinen Stabtaschenlampe Jason Darks „Der Vampir, die Mörderin und ich“ – Geisterjäger John Sinclair erzählt. Schockt irgendwie gerade nicht so. Genauso wie „Dr. Satanas’ Drachensaat“ von Dan Shocker. Bleibt also nur Professor Zamorra, der Meister des Übersinnlichen: „Der Friedhof der Lebenden“ kommt dem Ambiente in dieser Nacht ja auch am nächsten.

„Als Wendy Nichols den nächsten Schritt machte, schoss die schwarze Limousine aus der Nebenstraße heran und stoppte unmittelbar neben der jungen Frau. Die Türen des Wagens flogen auf, und zwei Männer, die Gesichter von Totenschädelmasken verdeckt, sprangen hervor. Instinktiv schrie Wendy um Hilfe . . .“ Gähn. Noch 20 Minuten. Statt die Geisterstunde mit Literatur jenseits der Schmerzgrenze totzuschlagen, erscheint ein Spaziergang sinnvoller. Vielleicht passiert ja unterwegs noch was, schließlich soll es hier rund 3000 Grabstellen geben.

Auf einigen davon stehen Kerzen, die vom Wind geschützt sind. Die Lichter – Symbol der Verbindung zwischen den Toten und den Hinterbliebenen – dienen doch tatsächlich dazu, böse Geister zu vertreiben und der Seele des Verstorbenen die letzte Ruhestätte seines Körpers zu zeigen. Eine Besonderheit des Friedhofs ist der kleine, vor drei Jahren am Nordende angelegte Bestattungswald. Dort gibt es eine naturnahe Lichtung mit einer gemähten Fläche für Urnenwahlgräber, die mit einem Kissenstein namentlich gekennzeichnet werden können. Ein Besuch lohnt sich allerdings nur tagsüber. Nachts tanzen die Farne vor den Augen, obwohl sie sich kaum bewegen. Wer weiß denn schon, ob jede dieser Erscheinungen wirklich pflanzlichen Ursprungs ist? Also schnell auf dem Absatz kehrtgemacht!

Es braucht auch abseits des Gruselwaldes nicht gerade viel Fantasie, um sich seinen Halluzinationen hinzugeben. Alles eine Frage der mentalen Ebene. Huu! Ist das dort zwischen den Grabsteinen nicht ein riesiger Igel? Bevor das kugelige Monster mit seiner spitz zulaufenden Schnauze zuschnappen kann, entpuppt es sich bei näherem Hinsehen als akkurat zurechtgeschnittener Buchsbaum. Alles gut. Auch die überdimensionalen Schuhe, die sich im fahlen Fast-Vollmondlicht abzeichnen, treten nicht zu: Sind ja nur Scheinzypressen . . .

Kurz vor ultimo noch ein wenig Aufregung: Wer im Dunkeln dem Betriebshof zu nahe kommt, dem geht plötzlich ein Licht auf. Bei der zweiten Außenlampe ist der angeschlossene Bewegungsmelder allerdings kein Stressauslöser mehr.

So. Ein Uhr ist durch – kein Geist unterwegs, kein wirklicher Schauder in der Nacht. Nichts los auf dem Friedhof. Und das ist auch gut so.

Teil 21 morgen: Nachtdienst einer Hebamme.

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