Ausstellung in Ladelund : Im Glauben KZ-Grauen verdrängt

In den Katalog vertieft: Dörte Christiansen (l.), Geschäftsführerin der Gedenkstätte, und Ute Morgenroth vom Evangelischen Frauenwerk in Flensburg.
In den Katalog vertieft: Dörte Christiansen (l.), Geschäftsführerin der Gedenkstätte, und Ute Morgenroth vom Evangelischen Frauenwerk in Flensburg.

Eine Wanderausstellung in Ladelund erinnert an die Christen unter den Häftlingen: Sie tauschten heimlich Texte und hielten Gottesdienste ab.

shz.de von
09. August 2018, 12:00 Uhr

In einer Wanderausstellung, die in der Gedenkstätte Ladelund bis zum 1. September zu sehen ist, werden 13 Frauen porträtiert, die ihre erschreckenden Erlebnisse im Konzentrationslager Ravensbrück unter teils dramatischen Umständen aufgeschrieben haben. Außergewöhnlich ist diese Ausstellung deshalb, weil hier die Lebenswege von Frauen aufgezeigt werden, die sich kritisch oder oppositionell gegenüber dem NS-Regime verhalten hatten und deshalb verhaftet wurden. Unter dem Thema „Ravensbrück: Christliche Frauen im Konzentrationslager 1939-1945“ stellte Referentin Dr. Sabine Arend bei der Ausstellungseröffnung Informationstafeln und das Leben der Frauen dar. Sie ist seit 2008 für die Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück tätig und gehörte zum Team, das die Ausstellung erarbeitet hat.

Das Lager wurde 1939 eingerichtet. „Schon ein Jahr später hatte das KZ die Kapazitäten von 3000 Frauen erreicht.“ Nach und nach sei das KZ vergrößert und 1941 mit einem Männerlager erweitert worden. „In der Zeit von 1939 bis 1945 wurden gut 120 000 Frauen aus 30 verschiedenen Nationen inhaftiert“, so die Referentin. 15 Prozent gehörten dem jüdischen Glauben an. „Die größte Gruppe bildeten die katholischen Frauen.“ Zudem sei nachweisbar, dass etwa 800 Zeugen Jehovas sich unter den Inhaftierten befanden. Sie hätten sich jedoch konsequent geweigert, sich an den Lagerarbeiten zu beteiligen. „Sie waren der Überzeugung, dass nur Gott sie aus dem Lager befreien könnte und unternahmen deshalb keinerlei Ausbruchsversuche“, so Arend. „Das führte dazu, dass sie als nicht fluchtgefährdet eingestuft wurden und Lagerausweise erhielten.“

Im KZ Ravensbrück soll es keine Widerstandsgruppen gegeben haben. „Die inhaftierten Frauen verschiedenen Glaubens waren darauf bedacht, ihren Glauben nicht zu verlieren, sondern damit zu leben.“ Es sei eine Form der Selbstbehauptung gewesen. Obwohl den Inhaftierten bei der Aufnahme im Lager alles an schriftlichem Material wie Bibeln oder Gebetsbücher genommen wurde, entwickelten sich in dem Lager auf spektakuläre Weise religiöse Praktiken. Obwohl Feiertage wie Weihnachten oder Ostern nicht zugelassen wurden und an den Tagen wie gewöhnlich gearbeitet werden musste, konnten Andachts- und Gebetszeiten eingerichtet werden. Davon zeugen die beeindruckenden schriftlichen Nachweise.

Geradezu trotzig und demonstrativ hielt eine Inhaftierte die Feststellung fest: „Und doch war Christus im Lager.“ Mariendarstellungen wurden beispielsweise aus den Kunststoffgriffen von Zahnbürsten geschnitzt. „Außerdem verfassten die Frauen Gebete und schrieben Bibeltexte aus ihren Erinnerungen auf und versteckten sie in den Toiletten.“

Doch wie kamen die Frauen an Schreibmaterial und Papier ran. „Wenn aus Arbeitskommandos in Schreibstuben und Firmenbüros Papier und Stifte entwendet werden konnten, wurden die Texte auch aufgeschrieben und untereinander verteilt“, ist auf einer Informationstafel zu lesen. Aus den Aufzeichnungen von France Audoul geht hervor, „dass jeden Sonntag während einige Häftlinge Wache standen, eine Art Gottesdienst gehalten werden konnte.“ Manche hätten aus der Erinnerung Auszüge aus religiösen Schriften vorgetragen. In ihren Erinnerungen schrieb die Polin Maria Dydynska: „Manchmal, wenn der Körper und der Geist so schrecklich ermüdet waren, wenn die Greuel bis zum Halse standen, dann wurden die gesprochenen Gebete oder schließlich ein kirchliches Lied zur besten Nahrung für die erstarrten Seelen.“ Auch Katarzyna Kawurek-Matejowa verewigte ihre Erinnerungen an ein geheimes Abendmahl. „Ich hatte die Welt vergessen, es schien mir, als ob ich mich im Vorhof des Himmels befand, ich befand mich im Paradies, das Lager hörte auf zu existieren.“

Am Ende gab die Referentin noch Nachdenkliches mit auf den Weg. „Wenn wir in Nöten sind, können wir uns an Bibelworte, Gebete oder Psalmen erinnern?“

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