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Neue Erstaufnahmeeinrichtung in Husum : Im Februar kommen Bürger auf Zeit

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Im nächsten Jahr finden zunächst rund 1000 Menschen Zuflucht in der neuen Erstaufnahmeeinrichtung in Husum. Noch steht nicht fest, welcher Verband die Betreuung übernimmt. Die Ausschreibung läuft.

Er wollte die Husumer gern persönlich informieren – und das tat Schleswig-Holsteins Innenminister Stefan Studt auch: zugewandt und sachlich. Nun hat ein Minister immer eher zu viele Termine. Deshalb konnte Studt gemeinsam mit der Stadt erst zu einer Einwohnerversammlung einladen, als schon die ersten Container für eine Erstaufnahmeeinrichtung auf der Multifunktionsfläche am Engelsburger Weg aufgebaut waren.

Dies hatte einige Nordfriesen verärgert, doch dem Interesse tat dies keinen Abbruch: Rund 800 Bürgerinnen und Bürger waren in das Nordsee-Congress-Centrum (NCC) gekommen, wo neben dem Innenminister der stellvertretende Landespolizeidirektor, Joachim Gutt, der stellvertretende Leiter des Landesamtes für Ausländerangelegenheiten, Dr. Johannes Hörnicke, und Bürgermeister Uwe Schmitz Rede und Antwort standen. Bürgervorsteher Peter Empen moderierte die Veranstaltung.

Um es gleich vorweg zu nehmen: Die Husumer zeigten sich offen und freundlich – selbst zwei besorgte Stimmen kamen ohne Ressentiments aus. Dabei ging es einmal um die Frage, ob durch die Flüchtlinge die Unterstützung für finanziell schwächer Gestellte gekürzt werden müsse. Der Innenminister beruhigte: „Dieser Leistungskatalog wird nicht diskutiert.“ 800 Millionen Euro, die das Land für Flüchtlingsaufgaben bereitstellen möchte, sind nach Studts Worten dank „guter Steuereinnahmen und niedriger Zinsen“ finanzierbar.

Ob Flüchtlinge bevorzugt werden bei der Wohnungsvergabe, wollte eine Zuhörerin wissen. Bürgermeister Uwe Schmitz konnte sich dies bei Privatvermietern nicht vorstellen. Er erklärte, dass der Markt mit preisgünstigeren Wohnungen in Husum bereits vorher „stark belastet“ gewesen sei – diese Entwicklung habe sich durch die Zuwanderung zugespitzt. Das Gute: Die Politik handelt endlich. Das Husumer Stadtverordnetenkollegium plant nämlich, am Donnerstag Mittel für den sozialen Wohnungsbau in den Haushalt 2016 einzustellen.

Vom 1. Februar 2016 an sollen Flüchtlinge in der neuen Erstaufnahmeeinrichtung untergebracht werden – genau bis zum 31. Juli 2017: Vertraglich besiegelt ist mit der Husum Messe & Congress GmbH & Co. KG, der Pächterin des stadteigenen Multifunktionsgeländes, dass am 1. August 2017 alles „besenrein“ übergeben wird, damit die „Husum Wind“ vorbereitet werden kann. Unter Umständen müssen Flüchtlinge nach der Schließung in andere Erstaufnahmen umziehen oder werden auf die Kreise verteilt.

Bis zu 1000 Menschen sollen in Husum Zuflucht finden – vorgesehen ist eine Gesamtkapazität von 1500 Plätzen. Etwa zwei Wochen sollen die Asylsuchenden jeweils bleiben. Joachim Gutt: „Bis zum ersten Quartal 2016 wollen wir in Schleswig-Holstein 24.000 Plätze schaffen – wir brauchen Reserven“, betonte der stellvertretende Chef der Landespolizei.

Zur Erstaufnahme in Husum gehören rund 500 Container – 375 davon sind Wohn- und Schlafräume für jeweils vier Asylsuchende. „Es ist einigermaßen erträglich“, meinte Studt. Weitere Container sind gedacht für sanitäre Anlagen und Waschmaschinen, aber auch für eine Erste-Hilfe-Station. Hinzu kommen Räume für Sprachkurse, Kinderbetreuung und Freizeitangebote. Es wird eine Kantine errichtet, in der die Flüchtlinge versorgt werden. Alle Container so umzurüsten, dass selbst gekocht werden könne, sei nicht möglich, hieß es auf Nachfrage. Gesichert ist das „Dorf“ mit einem Zaun und über einen Pförtnerdienst.

Doch auch Kräfte der Landespolizei und eines privaten Sicherheitsdienstes werden vor Ort sein. Es sei einmalig in der Bundesrepublik, dass eine eigene Polizeistation mit fünf bis sechs Kolleginnen und Kollegen aufgemacht werde, merkte Joachim Gutt an. Der pragmatische und besonnene Polizeibeamte verschwieg nicht, dass es in Einrichtungen zu „heftigen Auseinandersetzungen“ gekommen sei – diese hätte es in Neumünster ebenfalls gegeben, nannte er ein Beispiel, wenn „3500 Deutsche eng zusammenleben und für Essen und Taschengeld anstehen müssten“.

Gutts bisherige Erfahrungen: „Kriminalität zwischen Flüchtlingen bezieht sich auf Körperverletzungen und Diebstähle – es gibt wenig Zwischenfälle zwischen Flüchtlingen und Deutschen oder Deutschen und Flüchtlingen.“ Auf die Frage nach Gewaltschutzkonzepten für Frauen, gestellt von Petra Stadtländer von der Einrichtung Frauenberatung & Notruf, erklärte zunächst Johannes Hörnicke, dass Frauen, die allein kommen, in eigenen Bereichen untergebracht werden. Joachim Gutt merkte an, dass für alle Flüchtlinge deutsches Recht gelte und es auch verfolgt werde, wenn eine 14-Jährige vielleicht zu einer Ehe mit einem 30-Jährigen gezwungen worden sei.

Das Landesamt für Ausländerangelegenheiten wird in Husum durch Sönke Lorenzen und ein Team vertreten sein. Das Amt sei der Partner der Betreuungsorganisation für die Einrichtung, sagte Dr. Johannes Hörnicke im Nordsee-Congress-Centrum. Eine solche wird allerdings – ebenso wie eine Großküche für das Catering, eine hausärztliche Versorgung und ein Sicherheitsdienst – noch per Ausschreibung gesucht. Gewünscht war eigentlich, dass die Erstaufnahme in Nordfrieslands Kreisstadt noch vor Weihnachten ihre Pforten öffnet – doch das mit der „hauptamtlichen Versorgung“ gestalte sich schwierig, formulierte es Joachim Gutt.

Deshalb mussten auch einige Fragen unbeantwortet bleiben, die sich darum drehten, wie Bürgerinnen und Bürger helfen könnten – auch mit Rezepten gegen Langeweile. Doch dies müsse alles über den noch gesuchten Verband geregelt werden. „Eingebunden werden die Flüchtlinge in Aufgaben wie Putzen, Wäsche waschen, Dolmetschen und die Kinderbetreuung“, sagte Johannes Hörnicke. Eine Anregung aus der Zuhörerschaft stieß sofort auf Zustimmung: Danach sollten die Einheimischen über die Kulturen der Flüchtlinge informiert und hierzu in das NCC eingeladen werden – auch, um Spenden zu sammeln.

Höhere Anforderungen, aber eine geringe Polizeidichte in Schleswig-Holstein und besonders an der Westküste – darauf angesprochen kündigte Minister Studt 400 neue Polizeianwärterinnen und -anwärter an. „Wenn einer von ihnen Nachwuchs hat, der noch nicht weiß, was er machen möchte.  .  .“ Zudem sei geplant, Polizisten länger im Amt zu halten und pensionierte Beamte für die Verwaltung zu gewinnen.

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erstellt am 08.Dez.2015 | 19:30 Uhr

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