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Die Ideen gehen nicht aus : Ihr Tag hat nie genug Stunden

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

87-Jährige Bredstedterin bastelt leidenschaftlich und unterstützt mit den Erträgen aus dem Verkauf soziale Projekte. Dass sie sich in fast allen kunsthandwerklichen Bereichen gut auskennt, verdankt sie ihrer Neugier.

„Jeden Abend bedaure ich, dass der Tag schon wieder zu Ende ist. Die Zeit reicht nie für das, was ich so gerne tue“, sagt Erika Rossow, deren Haus eine einzige große Werkschau ist. Die Fliesen in der Küche hat die 87-Jährige ebenso kunstvoll bemalt wie das Porzellan-Service im Schrank. In jedem Raum zeugen vielfältige Gemälde, Handarbeiten und Selfmade-Deko aus allen erdenklichen Materialien vom Talentreichtum der Seniorin. Dass sie sich in fast allen kunsthandwerklichen Bereichen gut auskennt, verdankt sie ihrer Neugier: „Ich hab mein Leben lang jeden Trend mitgemacht, wollte immer wissen, wie es geht“, sagt sie. Ihr Wissen hat die gebürtige Achtruperin schon früh an andere weitergereicht. So gab sie den Kindern in der Dorfschule Handarbeitsunterricht und scharte in den 70er Jahren regelmäßig 50 bis 60 Frauen um sich, die ihre Arbeiten auf Basaren rund um Leck verkauften.

Ob Häkeln, Stricken, Sticken, Klöppeln, Knüpfen oder Nähen, ob Scherenschnitt, Serviettentechnik oder Seidenmalerei… Erika Rossow weiß, wie es geht. Das beweisen nicht nur ihre Kissenbezüge und Tischdecken, sondern auch die Teppiche auf den Böden – alles ist handgefertigt.

Die Allrounderin führt zudem fast alles dem „kreativen Recycling“ zu. So gestaltet sie mit getrockneten Gräsern und Blüten filigrane Grußkarten, scheut sich aber auch nicht vor größeren Werkzeugen. Eigenhändig hat sie das Leder für Bücher und Fotoalben punziert, Holzschalen geschnitzt und das Kupferziffernblatt der Uhr im Wohnzimmer selbst gehämmert. „In Achtrup habe ich im Schwimmbad unseres Hauses eine Wand mit einem riesigen Stein-Mosaik verziert“, sagt sie und kramt stolz ihre damaligen Entwürfe, die Fotos und Presseberichte hervor.

Wenn Erika Rossow eingeladen ist, können ihre Gastgeber sicher sein, dass die Mitbringsel selbst gemacht sind. Ihre Kleider hat sie früher eigenhändig geschneidert, so wie sie heute urige Handtaschen aus Aktendeckeln, Lederriemen und Gürtelschnallen kreiert. Eine stramm gehäkelte Hülle sorgt für Stabilität, große Knöpfe und Häkelblüten für den besonderen Charme der Taschen. Zurzeit näht sie Tragetaschen aus diversen Stoffen und Mustern, die immer eine praktische Innentasche haben. „Diese Beutel sind mein Beitrag zum Kampf gegen den Plastikmüll“, sagt sie.

Auf die Frage, ob sie jemals daran gedacht hat, ihr Talent zum Beruf zu machen, winkt Erika Rossow ab: „Dann wäre meine Leidenschaft zu einem Muss geworden und ich weiß nicht, ob mir dann nicht die Freude abhandengekommen wäre.“ Und so kümmert sie sich nun mit voller Freude um das Wohl anderer Menschen: „Ich spende doch nur meine Zeit“, sagt sie bescheiden. Tatsächlich aber hat sie seit einem Jahr alles gespendet, was auf Basaren mit dem Verkauf der Stoffbeutel zusammengekommen ist – insgesamt mehr als 2700 Euro. Das Geld ging an das Wilhelminen-Hospiz in Niebüll, Tiere in Not Südtondern, Naturzentrum in Bredstedt, Amsinkhaus der Reußenköge und Andersen-Hüs in Klockries. Zudem unterstützte sie das Kinderfest in Achtrup, Sommerfest und Frauencafé für Flüchtlinge in Bredstedt sowie das Essen in Gemeinschaft im Koog. „Das geht, weil bei der Taschenproduktion keine Kosten entstehen. Freunde versorgen mich gratis mit Stoffresten“, freut sie sich über viel Unterstützung aus ihrem Umkreis.

Familie wird bei Erika Rossow, die zwei Kinder, sieben Enkel und sechs Urenkel hat, aber auch groß geschrieben: „Alle drei bis vier Wochen treffe ich mich mit meinen Brüdern und Schwestern zu den 4 großen K“, sagt sie. Die K´s stehen für Kommen, Klönen, Kaffee, Kartenspielen. Mit 87 ist sie die Älteste der fünf Geschwister, der jüngste ist 73. Als die Mutter vor einigen Jahren starb, fiel ihr auf, dass irgendwann niemand mehr da sein wird, der den Urenkeln von früher erzählen kann. Und so hat sie ganz nebenbei auch noch ein Buch geschrieben, das in einem dicken, selbstgeprägten Ledereinband steckt und neben vielen alten bis uralten Fotos handschriftlich verfasste Erklärungen enthält, wie die Großfamilie auf dem elterlichen Hof lebte und arbeitete. Und es stecken noch viel mehr Ideen in der Seniorin, für die sie gerne mehr Zeit hätte. „Im Alter einsam und gelangweilt, ohne sinnvolle Aufgaben? Ich doch nicht! Meinetwegen könnte jeder Tag ein paar Stunden mehr haben“, sagt Erika Rossow und lässt keinen Zweifel daran, dass sie das auch so meint: „Ich will heute noch viel schaffen“, sagt sie zum Abschied und hat das Bügeleisen schon in der Hand,

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