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Husumer Nachrichten

15. Dezember 2017 | 06:09 Uhr

Joldelund : „Ich möchte die Welt sehen“

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Zimmermann-Geselle Lasse Lorenzen (24) macht es seinem Bruder gleich und geht für drei Jahre und einen Tag auf die Walz.

Niemand wollte und konnte seine Emotionen zurückhalten. Selbst aus dem grauen Himmel über Joldelund schien es Tränen des Abschieds zu regnen. Eltern, Brüder, Familienmitglieder, Freunde, Nachbarn und Bekannte hatten sich am Ortsausgangsschild in Richtung Löwenstedt eingefunden, um den 24-jährigen vor vier Monaten ausgelernten Zimmerergesellen Lasse Lorenzen für drei Jahre und einen Tag zu verabschieden. Er startete in eines der wenigen Abenteuer unserer Zeit, die Walz.

Ein letztes Mal nutzte er den Moment, um sich von allen zu verabschieden, denn nach dem Erklimmen des Ortsschildes gab es kein Zurück mehr, und nach den Regeln war auch Zurückblicken nicht mehr erlaubt. Ein letztes Mal umarmte er fest im Kreis umschlungen seine Familie, ganz so als wollte er sich mit ihnen einschwören auf die Zeit der Trennung. Schließlich entließen ihn Vater und Bio-Bäcker Gerd Lorenzen mit Lebensgefährtin Gaby Lorenzen, seine Mutter Heidi, sowie die Brüder Daniel und Jasper in eine ungewisse, doch chancenreiche Zukunft. Lasse Lorenzen hangelte sich hinüber, ließ sich fallen und die 23 auf der anderen Seite des Schildes wartenden Tippelschwestern und -brüder aller Berufssparten fingen ihn in ihren fest zusammengehaltenen Armen auf. Schnurstracks setzten sie sich in Richtung Süden in Bewegung. Nicht lange dauerte es, bis die Wanderer, die unentwegt zünftige Gesellenlieder „schallerten“, so der Fachausdruck, nach der bald folgenden Kurve verschwunden waren. Sie werden Lasse Lorenzen auf der ersten Etappe von 50 Kilometer begleiten.

Drei Monate lang steht ihm der 23-jährige Fabian „der Schmied“, wie er sich nennt, denn die Familiennamen legen sie bis zum Ende der Wanderschaft ab, zur Seite. Er wird dem Joldelunder alles zeigen und erklären, was wichtig ist auf dem Weg in die Zukunft. Seit fast zwei Jahren ist der Karlsruher unterwegs und will schon jetzt nichts missen. Das Positive überwiege. Viele Betriebe habe er schon deutschlandweit kennengelernt.

„Ich bin einerseits traurig, weil ich meine Lieben zurücklassen muss, freue mich aber auf eine bestimmt interessante Zeit. Viel weiß ich ja schon von meinem Bruder Daniel. Ich möchte die Welt sehen und in vielen Betrieben arbeiten, um Berufserfahrungen zu sammeln“, fasste Lasse Lorenzen kurz vor seinem Aufbruch zusammen. Er habe Daniel immer bewundert, als er als Bäcker-Geselle auf der Walz gewesen sei. Nun sei er gespannt auf seine eigene Geschichte. Ein direktes Ziel habe er noch nicht vor Augen. Schauen, wo der Weg hinführt, sei die Devise. Sein Hab und Gut habe er ja zusammengeschnürt dabei: seinen Gesellenbrief, ein Foto seines Gesellenstückes, Handtuch und Waschzeug. Auf sein Handy müsse er verzichten, so die Regel, aber da gewöhne man sich sicher dran.

„Das war eine harte Nummer“, gestand Vater Gerd Lorenzen, noch unter dem Eindruck des Erlebten stehend. Obwohl er ja die Prozedur und die lange Zeit der Walz von Sohn Daniel kenne, könne man sich gegen die Gefühle nicht wehren. Er hoffe, dass Lasse heil und mit tollen Erfahrungen wieder zurückkehrt. „Ich wünsche ihm nur Gutes auf dem Weg“, fügte Nachbarin Carmen Beck hinzu. „Ich fühle mit meinem Bruder mit. Am liebsten wäre ich mitgelaufen“, gestand Daniel Lorenzen, der im Jahre 2009 auf die Walz gegangen war. Bruder Jasper dazu: „Ich gestehe, dass ich gemischte Gefühle habe. Aber ich bin sicher, dass die Walz Lasse positiv prägen wird, nicht nur aus der Sicht des Berufes.“ Es ginge ja auch um alte Regeln und Traditionen der Handwerkszünfte, die die jungen Leute auf der Wanderschaft erfüllen müssten. Er selbst bleibe bodenständig, obwohl auch er schon im Ausland gearbeitet habe, und unterstütze Daniel im Betrieb unseres Vaters, allerdings nicht als Bäcker, sondern im kaufmännischen Bereich. „Ich bin gespannt, was Lasse uns am Ende zu erzählen hat und ob er vielleicht mit Damenbegleitung nach Hause kommt, ganz so wie Daniel damals“, so Jasper schmunzelnd.

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