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Endlich in der Schule : „Ich möchte das machen, was Männer dürfen“

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Wenn alles gut geht, hat Morsal Aslami 2017 ihren Realschulabschluss in der Tasche. In Afghanistan durfte sie nicht zur Schule gehen.

von
erstellt am 08.Mär.2016 | 13:00 Uhr

Sie wollte unbedingt in die Schule gehen. Geglückt ist ihr das genau für einen Tag – mit viel Mut und verkleidet als Junge. Morsal Aslami stammt aus der Provinzhauptstadt Ghasni im Südosten Afghanistans. Einem Land, in dem die Taliban, die dort zwischen 1996 und 2001 herrschten, Mädchen und Frauen jeglichen Schulbesuch verboten. Erst seit Anfang 2000 steht zumindest laut Verfassung Frauen in der Islamischen Republik Afghanistan das gleiche Recht auf Bildung zu wie Männern.

Morsal Aslami wächst unter dem Terror des Taliban-Regimes auf. Ihre Zukunft schien besiegelt: Für Frauen gab es nur den Lebensweg einer Ehefrau und Mutter: Kochen, Putzen, die Kinder hüten.  .  . Und als Mädchen von neun Jahren bereits die Burka tragen.  .  .

Doch Morsal Aslami hat einen starken Willen. Die Afghanin ist intelligent und ihr Hunger nach Bildung spornt sie an. Und so handelt sie mit einem Cousin aus, dass sie in seine Schulbücher schauen darf – dafür soll sie seiner Mutter im Haushalt helfen. Lesen und Rechnen bringt sich das Mädchen selbst bei. Vor ihrem Vater, einem Schneider, muss sie sich trotz aller Angst vor den Taliban nicht verstecken: Er billigt ihr heimliches Lernen, denn sowohl für seine drei Töchter wie auch für die beiden Söhne erhofft er sich mehr als alles andere: Bildung. Vor anderthalb Jahren ist er gestorben. Da befand sich Tochter Morsal mit ihrem Ehemann bereits in Deutschland.

Der Tod ihres Vaters lässt dessen großen Wunsch für die junge Frau zu einer Mission werden: Sie will weiterlernen und einen Beruf ergreifen. Die Chance hat sie nach diesem schmerzhaften Verlust in ihrer neuen Heimat, in Husum, ergriffen. Die heute 26-jährige Morsal Aslami studiert eifrig, damit sie nach Deutschkursen und dem Hauptschulabschluss im nächsten Jahr in der Volkshochschule auch noch die Prüfungen für die Mittlere Reife besteht.

Vier Tage in der Woche besucht sie abends den Unterricht – „nebenbei“ arbeitet sie wie ihr Ehemann in einem ökologischen Forschungs- und Consultingbüro. Der Haushalt und die Kinder – neben dem neunjährigen Sohn macht eine vierjährige Tochter das Familienglück komplett – bedeuten weitere Anforderungen, die sie sich jedoch mit ihrem Mann teilt. Damit beschreiten beide neue Wege. Denn in der patriarchalischen afghanischen Gesellschaft gibt es für eine solche Arbeitsteilung eher keine Vorbilder.

Viel Disziplin wird Morsal Aslami abverlangt, um das Lernpensum zu erfüllen. Mathematik und Physik sind die Lieblingsfächer der Afghanin. Diszipliniert ist sie auch, wenn es darum geht, fit zu bleiben: Jeden Tag eine Stunde Sport gehört fest zum Alltag der jungen Mutter.

Die Diplomsoziologin Marianne Carstensen, die in der Volkshochschule auch Migranten in Deutsch unterrichtet, hat Morsal Aslami über ihren Sprachkursus kennengelernt. Die 68-Jährige ist so etwas wie eine mütterliche Freundin für die 26-Jährige geworden, die die eigene Mutter sehr vermisst. Aber auch Ehemann Siegfried Carstensen bringt sich ein und übernimmt, wenn erforderlich, auch schon mal die Betreuung der beiden Kinder.

Nein, antwortet Morsal Aslami sofort und unmissverständlich – nach Afghanistan möchte sie nicht zurück. Wer die sportlich gekleidete Frau, die Jeans trägt und geschminkt ist, anschaut, mag lieber nicht an eine Burka denken.

Ein Kopftuch braucht sie in Deutschland nicht zu tragen – wie andere Muslima. Ihr Mann gestattet dies. Würde er anders denken, hätte sie sich wohl unterordnen müssen.

Ihr fortschrittlicher Vater hatte davon geträumt, dass seine Morsal Ärztin wird – „aber ich möchte lieber zur Polizei“. Warum? „Ich möchte das machen, was Männer dürfen.“

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