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Seltener Fund : „Ich hatte gleich so ein eigenartiges Gefühl“

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Antiquariats-Betreiberin Linda Streblow sucht eine ältere Dame, die ihr ein wertvolles Kinder-Bilderbuch aus den 1920er Jahren verkauft hat. Kreiert wurde das Buch von der Nichte Siegmund Freuds.

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erstellt am 23.Apr.2017 | 13:00 Uhr

Dass täglich mehrmals – „bisweilen auch unangemeldet“ – Menschen hereinkommen und ihr gebrauchte Bücher anbieten, gehört zu Linda Streblows Arbeitsalltag. „Doch in diesem Fall hatte ich gleich so ein eigenartiges Gefühl“, sagt die Betreiberin des Antiquariats in der Wasserreihe. „Mein Schwerpunkt liegt auf schöngeistiger Literatur. Deshalb habe ich nicht sofort geschaltet, als mir eine ältere Dame das ,Buch der Hasengeschichten‘ von Tom Seidmann-Freud anbot.“

Das Kinderbilderbuch aus dem Jahr 1924 ist sehr schön gemacht und war in recht gutem Zustand, „fast so, als hätte es niemals ein Kind in Händen gehalten“. Die beiden Frauen einigten sich auf einen Kaufpreis von 20 Euro. Wie üblich erhielt die Verkäuferin eine Quittung und bestätigte den Erhalt des Geldes mit einer schwungvollen Unterschrift. All das geschah am 11. April.

Doch damit war die Sache für die 55-jährige Antiquarin noch lange nicht aus der Welt. Das Buch und sein Autor ließen ihr keine Ruhe, und so ging sie in einschlägigen Internet-Portalen auf die Suche nach weiteren Informationen. Und der Geistesblitz, der sie schon beim Kauf des Buches durchzuckt hatte, sollte sich bewahrheiten.

Tatsächlich war dessen Autor kein Mann, sondern Martha Gertrud Freud (geboren am 17. November 1892 in Wien). Und deren Mutter, Maria – auch Mitzi genannt – war die Schwester von Siegmund Freud, dem Begründer der Psychoanalyse. Aber damit nicht genug: Bei ihren Recherchen fand Streblow ferner heraus, dass das „Buch der Hasengeschichten“ schon sehr lange nicht mehr angeboten worden ist, doch zuletzt bei einer Auktion einen „recht ordentlichen Erlös“ erzielen konnte. „Der vorgeschlagene Ankaufspreis steht in keinem Verhältnis zum tatsächlichen Wert dieses seltenen Buches – so etwas passiert mir nur selten.“

Deshalb sucht sie jetzt nach dessen früherer Besitzerin, der sie vorschlagen möchte, das Buch an das Jüdische Museum in Berlin zu verkaufen, denn dort sind Leben und Werk der Künstlerin dokumentiert. „Aus der Unterschrift, das einzige, was ich habe, lässt sich der Name der Vorbesitzerin aber leider nicht herauslesen“, sagt Streblow. Die Dame habe ihr noch erzählt, dass sie das Buch von ihrem Vater erhalten habe.

Das Leben von Martha Gertrud Freud war kurz und bewegt. Mit 15 Jahren nimmt sie den Vornamen Tom an. Nach dem Schulabschluss besucht sie eine Kunstschule in London und beginnt Bilderbücher zu kreieren. Schon mit 22 Jahren hat sie erste Erfolge.

1920 lernt Freud ihren späteren Mann, den Schriftsteller Jakob (Jankew) Seidmann, kennen und gründet gemeinsam mit ihm den Peregrin-Verlag. Dort erscheint auch das „Buch der Hasengeschichten“. Solche Spiel- und Verwandlungsbücher für Kinder sollen einen weiteren Schwerpunkt ihrer künstlerischen Arbeit bilden.

Doch die Zeit ist gegen das ambitionierte Paar. Die Weltwirtschaftskrise reißt den Peregrin-Verlag im Herbst 1929 in den Bankrott. Jankew Seidmann nimmt sich das Leben. Ein Schicksalsschlag, den seine Frau nicht verkraftet. Sie verfällt in eine tiefe Depression und erliegt am 7. Februar 1930 einer Überdosis Tabletten.

Kuriosum am Rande: Linda Streblow liest regelmäßig den „Spiegel“. „Nur in jener Woche war ich später dran als sonst, weil ich keine Zeit hatte.“ Umso überraschter war sie dann aber, als sie dort einen Artikel über Martha Gertrud Seidmann-Freud entdeckte.

Darin war zu lesen, dass just besagtes „Buch der Hasengeschichten“ passend zu Ostern im Verlag Bokelberg neu aufgelegt wird. Und wie schon Seidmann-Freuds großer Bewunderer, der Religionsforscher Gershom Scholem, lobt auch Fotograf und Kinderbuchsammler Werner Bokelberg das „Surreale und Tiefgründige“ in ihrer Kunst.



> Jetzt hofft Streblow natürlich darauf, dass sich die Verkäuferin des Buches bei ihr (Telefon 04841/81199) oder bei den Husumer Nachrichten (Telefon 04841/89651310) meldet.

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