Viöl : „Ich habe keinen einzigen Tag bereut“

Gerd Carstensen war 15 Jahre Leitender Verwaltungsbeamter in Viöl.
Gerd Carstensen war 15 Jahre Leitender Verwaltungsbeamter in Viöl.

Nach fast fünf Jahrzehnten nimmt Gerd Carstensen Abschied vom Amt Viöl – und vom Berufsleben.

shz.de von
09. Februar 2018, 21:00 Uhr

Es ist zwar noch gut ein halbes Jahr hin, bis er in den Ruhestand geht, doch als „gelernter Beamter“ kann Gerd Carstensen nicht aus seiner Haut: Für diesen großen Tag im August oder September plant und regelt der Leitende Verwaltungsbeamte (LVB) schon jetzt alles, was seiner Meinung wichtig ist, damit es sein Nachfolger im Amt Viöl nicht unnötig schwer hat. „Und bis dahin ist das Wichtigste das Tagesgeschäft“, sagt Carstensen.

Seine berufliche Vita reicht zurück bis ins Jahr 1970, dem Beginn seiner Verwaltungslaufbahn im ehemaligen Amt Obere Arlau (seit 1978 Amt Viöl). 1976 folgte die Laufbahnprüfung für den gehobenen Dienst. „Ich wurde Leiter des Sozialamtes und stellvertretender Kämmerer. Von 1978 bis 2003 lag das Hauptamt in meiner Verantwortung“, erzählt Carstensen. Auch danach nahm er an diversen Fortbildungen teil und legte so zum Beispiel die Ausbilder-Eignungsprüfung ab. 2003 bewarb er sich auf die Stelle des LVB. „Die Entscheidung habe ich mir nicht leicht gemacht“, erinnert er sich an seine Sorge, ob es wohl gelingen würde, ohne Reibungsverluste vom Kollegen zum Vorgesetzten zu werden. Doch er bekam von allen Seiten viel Zuspruch und Unterstützung.

Viel hat sich in all den Jahren verändert: Bestand die Technik anfangs aus Umdruckern und Nasskopierern, so sind heute moderne Scanner im Einsatz und flotte PCs statt klapperiger Schreibmaschinen. „Heute habe ich nur noch gelernte Verwaltungsfachkräfte um mich. Das ist auch gut so, denn die Vorschriften sind viel kurzlebiger geworden. Wir müssen uns ständig in neue Regelwerke einarbeiten“, sagt der LVB und kann sich noch an Zeiten erinnern, in denen Briefe in aller Ruhe diktiert und über den Postweg verschickt wurden. Alles brauchte eben seine Zeit. „Heute wird erwartet, dass eine Mail binnen einer Stunde bearbeitet wird.“

Zu den schönsten Erlebnissen seiner Laufbahn zählt er die Verhinderung einer 250 000 Mark-Zahlung an den Kreis, der wegen angeblich unrechtmäßiger Abrechnung in der Schülerbeförderung von den Schulträgern Rückzahlungen forderte. „Bei uns war alles rechtens. Als einziger Schulträger haben wir nichts zahlen müssen“, freut er sich noch heute über seine damals so erfolgreiche Argumentationslinie. Ebenso gerne denkt er an die Stellenausschreibung für den Schulleiterposten in Haselund zurück. Was dem Schulamt zuvor nicht gelingen wollte, schafften die Viöler auf Anhieb in Eigenregie. „Das lag wohl an dem Schulprofil, das wir damals zu diesem Zweck entwickelt haben. Heute gehört so ein Profil bei jeder Stellenausschreibung dazu.“

2008 durfte er die Fusion der Schulverbände Viöl und Ohrstedt maßgeblich begleiten und ab 2012 das Vier-Dörfer-Projekt. Es umfasst gemeinsame Projekte und Feste für Haselund, Löwenstedt, Norstedt und Sollwitt, die Installation der Jugendgemeinderäte und der Gemeindekümmerin sowie die Förderung der örtlichen Sportvereine. Den 2009 gestarteten Glasfaser-Ausbau muss sein Nachfolger zu Ende bringen – sieben der 13 Gemeinden fehlen noch.

„Ich habe keinen einzigen Tag bereut“, sagt Gerd Carstensen. Dabei hat er sich nie nur über den Beruf definiert: „Das Ehrenamt ist mir sehr wichtig“, sagt der fast 63-Jährige, der in verschiedenen Vereinen als Schriftführer oder Kassenwart fungiert. Auf sportlicher Ebene gehörte sein Herz stets dem Fußball: als Damentrainer in Arlewatt, als Jugendtrainer in Arlewatt sowie in Löwenstedt und als Trainer mit B-Lizenz im Schleswig-Holsteinischen Fußballverband. Seine Beweglichkeit wird auch von den drei Enkeln geschätzt, die, wie er lachend erzählt, einen geländegängigen Großvater fordern. Da gerade das vierte Enkelkind im Anmarsch ist, will er nach der Pensionierung mit seiner Frau im Wohnwagen nach Österreich fahren und dort die erweiterte Familie besuchen. „Vor allem aber muss ich lernen, ohne Terminkalender und Zeitdruck zu leben. Ich muss erfahren, was Langeweile eigentlich ist. Wenn ich das weiß, werde ich die Ruhestands-Akte checken und die dort genannten Aufgaben auf ihre Umsetzung prüfen“, verspricht Carstensen schmunzelnd.

„Der LVB ist Partner, nicht Besserwisser“. Das war und ist die Devise von Gerd Carstensen, dessen Nachfolger ab Mitte Mai an seiner Seite sein wird. Durch die anstehenden Kommunalwahlen gibt es zu der Zeit noch sehr viel zu tun. „Ich möchte Conrad Plöhn vor allem dabei helfen, sich bei uns im Amt zurechtzufinden und Begeisterung für die Aufgaben zu entwickeln, die auf dem Land oft ganz andere Strukturen erfordern, als in der Stadt.“ Dass Plöhn plattdeutsch spricht, sei ein echter Glücksfall. „Durch die gemeinsame Sprache wird es ihm schnell gelingen, im Amt Viöl Vertrauen aufzubauen“, da ist sich Gerd Carstensen sicher.

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