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Der Tag des Mauerfalls : „Ich habe gedacht: Die spinnen“

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Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Die 90-jährige Wahl-Husumerin Inge Stapel erlebte den Fall der Mauer allein vor dem Fernseher im brandenburgischen Zehdenick.

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erstellt am 09.Nov.2014 | 14:00 Uhr

„Der Tag des Mauerfalls?“ Obwohl ihr die eine oder andere Jahreszahl schon mal entgleitet, muss Inge Stapel bei dieser Frage nicht lange nachdenken: „Den habe ich in Zehdenick erlebt. Das ist ein Ort in Brandenburg – nicht weit weg von Potsdam“, erklärt die 90-jährige gebürtige Kolbergerin, die 1991 nach Husum zog. Kolberg heißt heute Kolobrzeg und gehört zu Polen. Aber das ist eine andere Geschichte – eine von vielen in Stapels wechselvollem Leben.

„Ich war damals allein in der Wohnung“, kommt die lebensfrohe pensionierte Lehrerin auf das Geschehen vom 9. November 1989 zurück. Ihr zweiter Mann war acht Jahre zuvor gestorben – auch an tragischen Momenten mangelt es in Stapels Leben nicht; Schicksalsschlägen, die sich Jüngere oft gar nicht mehr vorstellen können. Aber das sagt sie nicht – denkt es vielleicht nicht einmal. Ihr Bruder fiel in Russland, ihr erster Mann wurde 46 Jahre alt und der gemeinsame Sohn starb bei einer Übung der Nationalen Volksarmee – auch er blutjung.

Am 9. November, vor 25 Jahren, saß Inge Stapel – wie viele DDR-Bürger – „einigermaßen fassungslos“ vor dem Fernseher. „Ostfernsehen, versteht sich.“ Da verkündete SED-Funktionär Günter Schabowski vor laufenden Kameras, dass „Privatreisen nach dem Ausland ohne Vorliegen von Voraussetzungen beantragt werden können“. Die Genehmigungen würden kurzfristig erteilt. Auf die Nachfrage eines Journalisten: „Wann tritt das in Kraft?“ antwortete Schabowski unbeholfen in seinen Unterlagen blätternd: „Das tritt nach meiner Kenntnis . . . – ist das sofort, unverzüglich.“

„Ich habe gedacht, ich spinne. Oder besser: Die spinnen“, sagt Inge Stapel. „Die hatten uns vorher schon so oft belogen.“ Und so blieb sie auch dann noch skeptisch, als die ersten Fernsehbilder von Berlin und Leipzig über die Mattscheibe flimmerten – Bilder, auf denen Trabi-Kolonnen und Tausende von Menschen zu den Grenzübergängen gen Westen strömten. Nach und nach vergrößerte sich dann auch der Lärmpegel vor ihrem Haus. Trotzdem traute sich Stapel – zu diesem Zeitpunkt immerhin schon 65 Jahre alt – nicht nach draußen. „Außerdem klingelte unablässig das Telefon“, erinnert sie sich. Immer neue, überwiegend ungläubige Nachfragen von Freunden und Verwandten: „Was denkst Du?“ – „Das kann doch gar nicht sein, oder?“. Kann es doch, sagt Inge Stapel heute. Das Land lag am Boden. Nichts ging mehr.

Irgendwann sei sie dann ins Bett gegangen. Als Rentnerin wäre sie eh an das begehrte Ausreise-Visum gekommen, das so vielen anderen verwehrt blieb oder ihren endgültigen Abschied von der DDR bedeutet hätte. Während ihrer aktiven Zeit als Lehrerin war ihre Westverwandtschaft dagegen eher hinderlich. „Als ich dann endlich realisiert hatte, dass es sich nicht um einen schlechten Scherz der Partei handelte, war mir, als sei der liebe Gott zu jedem einzelnen von uns heruntergestiegen“, bemüht Inge Stapel eine Instanz höher als das Zentralkomitee der Sozialisten Einheitspartei Deutschlands (SED).

Und da ist noch etwas: Nach dem Mauerfall begegneten sich Menschen wieder, die durch Politik und Geschichte getrennt worden waren. Das war am 9. November 1938 anders. In Kolberg lebten zu diesem Zeitpunkt viele Juden. Inge Stapel kannte einige von ihnen. Aber nach dem Krieg hat sie nicht einen wiedergesehen. Damals war sie gerade 14 Jahre alt und hatte das ganze Leben noch vor sich.

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