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Husumer Nachrichten

18. Dezember 2017 | 06:37 Uhr

EM-Fieber : „Ich drücke beiden die Daumen“

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Fußball-Europameisterschaft: Vor der Begegnung Deutschland-Polen geraten einige Husumer in einen Interessenkonflikt.

shz.de von
erstellt am 16.Jun.2016 | 07:00 Uhr

Die Spannung steigt. Der eine oder andere Fußball-Fan trägt schon sein Trikot: so wie Bozena Lorenzen aus Husum. Mit der Fahne in der Hand und dem Ball am Fuß wartet die Polin gemeinsam mit ihrem Nachbarn Martin Dobrzynski auf heute Abend (16. Juni). Dann treffen in der Vorrunde der Fußball-Europameisterschaft die Nationen Deutschland und Polen aufeinander. Bozena Lorenzen gerät dabei in einen Interessenkonflikt, denn sie lebt bereits seit 28 Jahren in der Bundesrepublik. „Ich drücke beiden Mannschaften die Daumen“, sagt die 53-Jährige und tippt auf ein 1:1-Remis. „Die Tore schießen Robert Lewandowski oder Arkadiusz Milik für Polen und Schweinsteiger trifft wieder für Deutschland.“

1987 kam die Polin nach Deutschland. Mit ihrem Ehemann – einem gebürtigen Husumer – hat sie zwei Söhne. „Ich hatte nicht die Möglichkeit, mehrsprachig aufzuwachsen“, erzählt die 53-Jährige. „Als junge Frau wusste ich aber, meine Kinder sollen mindestens zweisprachig aufwachsen.“ Ihr Mann spricht mit den Kindern Deutsch und sie Polnisch.

Im Alter von 25 Jahren war die Polin ausgewandert. „Damals wollte ich etwas Neues erleben. Aus einem Urlaub in Deutschland bin ich nicht wieder zurückgekehrt.“ Heute führt die Wahl-Husumerin eine kleine Änderungsschneiderei. „Damit verdiene ich nicht nur Geld“, sagt sie. „Man pflegt auch soziale Kontakte und hilft den Menschen.“ Ihre Kunden sind beispielsweise die Jugendfeuerwehr, Spielmannszüge und Altenheime.

„Viele Jahre hatte sich Polen gar nicht für große Fußballturniere qualifiziert“, ist Lorenzen schnell wieder beim Thema Sport. „Jetzt sind wir dabei – das ist schon ein großer Schritt nach vorne.“

„So stark wie in diesem Jahr waren wir noch nie“, sagt ihr Nachbar Martin Dobrzynski. „Neben Lewandoswki und Arkadiousz Milik im Sturm ist auch Grzegorz Krychowiak in der Defensive sehr stark. Als Abwehrspieler steht er nicht im Fokus wie andere, aber er gibt der Mannschaft die nötige Sicherheit im Spielaufbau.“

Dobrzynskis Fußball-Herz schlägt zwar sowohl für Deutschland als auch für Polen. „Aber wenn beide aufeinander treffen, halte ich zu Polen“, sagt der 34-Jährige. „Deutschland kommt eh ins Finale, eine knappe 0:1-Niederlage gegen Polen tut da nicht weh.“

Dobrzynski kam als Achtjähriger mit seinen Eltern nach Deutschland, um ein besseres Leben zu führen. „Ich erinnere mich an die lange Schlange vor der Bäckerei“, erzählt der zweifache Vater. Im Kommunismus hätten die Leute zwar Geld gehabt, aber es habe nichts gegeben, was man kaufen konnte. Seine Eltern hatten Verwandte mit deutschen Papieren, so konnte seine Familie noch vor dem Mauerfall nach Deutschland einreisen.

„Als Kind war es anfangs schwierig. Alles war fremd – die Sprache und die Mentalität“, gesteht der studierte Fachwirt für Sozial- und Gesundheitswesen. „Natürlich ist es nicht einfach“, bestätigt auch Lorenzen. „Die Deutschen müssen uns, wir müssen sie kennenlernen. Aber wenn man freundlich und offen auf die Menschen zugeht, dann wird auch mit Freundlichkeit geantwortet.“

Gibt es eine polnische Parallel-Gesellschaft in Husum? „Nein, wir haben keine eigenen Kindergärten, Vereine oder Lebensmittelgeschäfte“, sagt Lorenzen. Dennoch gibt es eine enge Verbindung zum Nachbarland. Bereits seit 1961 besteht eine Städtepartnerschaft zwischen Husum und dem polnischen Trzcianka. Seit 1999 hatte das Amt Hattstedt eine Partnerschaft mit dem polnischen Kreis Hajnowka, die 2008 vom Amt Nordsee-Treene übernommen worden ist. Der zuständige Beauftragte Manfred Gregersen ist zwar kein polnischer Landsmann, hat aber eine enge Beziehung zur Kultur und den Menschen des östlichen Nachbarstaates. Während der Fußball-Europameisterschaft drückt der Kassenwart des Vereins „Freunde für Hajnowka“ sowohl Deutschland als auch Polen die Daumen. Auch er gerät heute Abend in einen Interessenkonflikt. „Ich tippe auf ein 1:1-Unentschieden. Torschützen sind Thomas Müller und Lewandowski“, setzt der Fußball-Fan auf die beiden Bayern-Stars.

Auch Lukasz Arendt glaubt an eine Punkteteilung. Der in Derschau geborene Pole tippt allerdings auf Mario Götze als deutschen Torschützen. „Ich hoffe aber auf einen polnischen Sieger. Das ist mein Geburtsland. Wenn wir ausscheiden, dann bin ich für Deutschland.“ Doch das wird schwer. Auch wenn Polen die beste Mannschaft seit Langem habe, sei Deutschland immer noch eine Turniermannschaft. „Vor zwei Jahren hatte man sie auch schon abgeschrieben – und dann wurden sie Weltmeister.“

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