Heimspiel : „Ich bin ein Natur-Melancholiker“

Der Künstler in seinem Solitüder Atelier.
Der Künstler in seinem Solitüder Atelier.

Der gebürtige Husumer Künstler Hans Ruprecht Leiß über alte Probleme und neue Arbeiten, die er von Sonntag an in Halebüll zeigt. Und wieder stehen dabei die Tier im Blickpunkt.

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26. Mai 2018, 16:00 Uhr

Dafür, dass er in den nächsten Wochen gleich mehrere Ausstellungen „am Start“ hat, wirkt Hans-Ruprecht Leiß ausgesprochen entspannt. Die Tür zu seinem Solitüder Atelier steht sperrangelweit offen und der gebürtige Husumer grinst wie ein Honigkuchenpferd: „Man muss schon verdammt denaturiert sein, wenn man diesen Frühling nicht gut findet, oder?“, fragt der Zeichner und Grafiker eher rhetorisch. Und wie zur Bestätigung stimmen ein paar Amseln aus den Bäumen ein lebensbejahendes Pfeifkonzert an.

Die Einladungskarten für seine Ausstellung bei „Freund Hein“ (bürgerlich Hans-Heinrich) Lüth in dessen Halebüller Galerie liegen ordentlich gestapelt auf dem Schreibtisch. „Ich weiß, ich bin spät dran“, liest Leiß meine Gedanken, während einige Protagonisten seiner Bilder milde zu ihm herabblinzeln, als hätten sie es immer schon gewusst: Dickhäuter in allen Variationen und Größen, vorzugsweise Nashörner. Ihren Platz im Atelier müssen sie sich mit Werken befreundeter Künstler, Flohmarkt-Funden und den Geweihen einiger Böcke teilen, die der Künstler in Feld, Wald und Flur erlegt hat und deren Fleisch zum Teil noch in der Gefriertruhe liegt.

Was auf den ersten Blick wie ein Widerspruch anmutet, gehört für Leiß zusammen wie Buntstift und Papier. „Ich bin ein Natur-Melancholiker“, sagt er unvermittelt und schimpft auf die eigene Gattung, die in ihrer Gleichgültigkeit „alles zumüllt und sich gleichzeitig vor dem ekelt, was die Natur produziert“. Die Vorstellung, dass ausgerechnet Maden und Würmer am Ende auch den Menschen in den ewigen Kreislauf von Vergehen und Werden zurückholen, scheint ihm igendwie zu behagen. „Ich bin mir meiner Endlichkeit bewusst“, erklärt Leiß, doch für viele andere Menschen scheine der Tod kein elementarer Bestandteil des Lebens zu sein.

All das sei zwar nicht Gegenstand seiner Bilder, doch finde es sich in ihnen wieder. Mit seinen skurrilen, schlitzohrigen und schrägen Geschichten wolle er die Zeit etwas genießbarer machen. Das sei in dieser Welt aber gar nicht so einfach: „Wir sind durch die tägliche Bilder-Flut ja schon ganz schön abgebrüht.“

Vor allem der Krieg des Menschen gegen die Natur und die leidende Kreatur bereitet ihm Sorgen. Und obgleich es Leiß nicht als seine Aufgabe ansieht, „die Menschen wachzurütteln“, sollen seine Bilder zeigen, was es gibt. Dabei nimmt der Künstler vor allem das geheime Leben der Tiere ins Visier, geht Fragen nach, warum der Fuchs der beste Freund der Gans ist oder warum sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen. „Eigentlich stören wir Menschen in der Natur nur“, stellt Leiß fest, „und zwar umso mehr, je weniger wir stören wollen.“ Ein schleichender Wanderer im Wald macht die Tiere dort viel nervöser als einer, der zu hören ist und den Dachs und Reh weiträumig umgehen können.

Im Kern sind Leißens Bilder eine heiter-melancholische Kritik an der menschlichen Hybris. Ein Thema, das sein Werk von den Anfängen bis heute durchzieht: Totentanz und der Turmbau zu Babel („Macht Euch die Erde untertan“) haben darin ebenso ihren Platz wie die Arche, „die wir heute dringender brauchen denn je“. Dass seine Bilder farbiger geworden sind, könnte also durchaus mit der fortschreitenden Verdunkelung der Welt zu tun haben. Und trotz allem sucht Leiß weiter nach Ganzheitlichkeit, nach der verlorenen Zeit, sieht sich als Beobachter, der sich ganz im Sinne der Barons von Münchhausen „schaffend zu erlösen“ sucht.



Hans R. Leiß – Neue Arbeiten, Galerie Lüth, Halebüll, Altendorfer Straße 21, Eröffnung: Sonntag, 11 Uhr, durch Augustin M. Noffke

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