Nicht nur Theodor Storm : Husums berühmte Töchter und Söhne

Hermann Tast, Michael Nicolaisen und „Stine Mett“. An wen denken Sie, wenn Sie an Husum denken?

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24. Januar 2018, 06:00 Uhr

Husum | Storm, Storm und noch mal Storm. Unter den bedeutenden Töchtern und Söhnen seiner Heimatstadt nahm der Dichter von jeher eine exponierte Stellung ein. Wirklich von jeher? Na ja, den Ruhm, der  Theodor Storm  bis heute umflort, verdankt er auch ein bisschen seiner Nachwelt – allen voran dem 2017 verstorbenen Lehrer und Literaturwissenschaftler, Prof. Karl Ernst Laage. Er befreite den schreibenden Advokaten aus dem stillen Winkel  eines Heimatdichters und wies ihm seinen verdienten Rang in der Weltliteratur zu.

Theodor Storm (1817-1888) schrieb Gedichte, Novellen und Märchen.
Foto: Axel Heimken/dpa

Theodor Storm (1817-1888) schrieb Gedichte, Novellen und Märchen.

Aus heutiger Sicht wäre Storm wahrscheinlich ein  VIP.  Darunter  wird auch – aber eben nicht nur – ein „vacuum insulated panel“ (also eine Vakuumdämmplatte), sondern eine „very important person“ (sehr wichtige Person) geführt. Menschen mit diesem Attribut widmen  Fernsehsender inzwischen ganze Formate, von denen, die es durch ihre Teilnahme an zweifelhaften  Gesangs- oder Model-Wettbewerben erst  noch werden wollen, gar nicht zu reden.

Die  volkseigene, digitale  Enzyklopädie Wikipedia wartet mit einer ganzen Phalanx  von  bedeutenden Husumerinnen und Husumern auf. Dabei folgt sie keiner alphabetischen Reihenfolge, macht   aber anhand der Geburtsdaten unmissverständlich deutlich, dass Husum schon große Persönlichkeiten hervorgebracht hat, bevor es überhaupt eine Stadt wurde.

Der illustre Reigen beginnt im Mittelalter mit einen Mann, dessen Namen Husums älteste Schule ziert – obgleich es die schon vor seiner Geburt gab. Der  Reformator Hermann Tast wurde 1490 in  Husum geboren, 113 Jahre, bevor der Flecken Stadtrecht erhielt.

Die Marienkirche, davor die Stine.
Foto: Volkert Bandixen

Die Marienkirche, davor die Stine.

 

Tast studierte wie Luther in Wittenberg und war mit 24 Jahren Geistlicher an der Marienkirche.  Nachdem er sich  dort 1522 als Protestant – heute würde man wohl sagen „geoutet“ hatte,  wurde er – Neudeutsch – mit einem Berufsverbot belegt. Der Bürger Matthias Knutzen ließ ihn daraufhin in seinem Haus predigen. Tasts Gefolgschaft wuchs beständig, doch der Übergang von der katholischen  zur  evangelischen Lehre ließ bis 1527  auf sich warten.

Feuer gefangen? Gut, denn es gibt noch viele bekannte und weniger bekannte Husumer. Johannes Mejer (1603-1674) zum Beispiel bekleidete heute wahrscheinlich die Stelle eines angesehenen Geografie-Professors. Immerhin ging der Mann mit dem Mantel- und Degen-Bart als Lehrer, Gelegenheitsdichter, Kalendermacher und bedeutender Kartograf in die Geschichte ein. Seine Karten der Herzogtümer Schleswig und Holstein waren für Verleger noch Jahrzehnte später unverzichtbar. Aber fiese Möpps gab’s auch schon damals, und als die Kupferplatten seiner Karten 1657 verkauft wurden, kam Mejer um den verdienten Anteil am Gewinn.

Mit Caspar Arnold Engel (1798-1863) erscheint der erste Politiker auf der VIP-Bildfläche. Engel schaffte es 1848/49 sogar in die  Frankfurter Nationalversammlung. Es folgte eine Zeit von Lokalmatadoren, deren Namen bis heute geläufig sind – von Storm über Ludwig Nissen (1855-1945), den Auswanderer mit der US-Bilderbuch-Karriere, bis hin zu der Malerin und Schriftstellerin  Fanny (Franziska) zu Reventlow (1871-1818).

Mühsamer wurde es für Margarete Böhme (1867-1939), die heute gewiss eine Bestseller-Autorin wäre (und das auch zu ihrer Zeit schon war) oder den Psychologen,  Hirnforscher und erklärten Nazi-Gegner Oskar Vogt (1870-1959). Zur Strafe für seine Ablehnung sollte der Mann, der Lenins Hirn sezierte, noch kurz vor Kriegsende zum Wehrdienst eingezogen werden. Seine wissenschaftliche Leistungen brachten Vogt später die Ehrenbürgerwürde der Stadt Husum ein. Die zierte damals auch noch Adolf Hitler, weil man ihn, wie so oft in jener  Zeit, aus den Annalen zu streichen vergessen hatte.

Margarete Böhme
Foto: shz

Margarete Böhme

 

Bekannter als er selbst war auch das Werk des Bildhauers Adolf Brütt, dessen Tine seit 1903 unumstrittenes Wahrzeichen  der Stadt ist. Wären die Stadtväter einem Vorschlag von  Ferdinand Tönnies gefolgt  (der zwar nicht in Husum  zur Welt kam, aber hier weite Teile seines Hauptwerkes „Gemeinschaft und Gesellschaft“ verfasste), hätte es auch ein Volkshaus werden können. So geht Geschichte.

Ganz so hochkarätig wie damals sollte es nicht weitergehen, aber dafür stieg die Zahl der VIP-fähigen Professionen sprunghaft an – sei es durch den Ohnsorg-Schauspieler Rolf Bohnsack (1937-2009), den musikalischen Tauben-Freund Hans Hartz (1943-2002), den Bundeswehrgeneral Manfred Lange  (*1950), den Volleyballspieler des Jahres 1988 Hauke Braack (*1963), die Schauspielerin Wiebke Puls (*1973) oder den Comedian und Radiomoderator Frank Bremser (*1972).

Wissenschaftlich wurde es dann noch einmal mit dem Ägyptologen und Leibnitz-Preisträger Joachim Friedrich Quack (*1966). Seit den 1980er-Jahren hat der Sport die Hitliste der bekanntesten Husumer im Griff: vom Fußballer Matthias Holst (*1982) bis zum Handball-Profi Michael Nicolaisen (*1995).

Michael Nicolaisen
Foto: Dewanger

Michael Nicolaisen

 

Immerhin: Auch Storm, zu Reventlow und Böhme haben inzwischen Konkurrenz bekommen. Mit dem Buch „Altes  Land“  landete Dörte Hansen einen Riesen-Erfolg. Derzeit schreibt sie an ihrem zweiten Roman. Husum soll auch darin vorkommen. So schließt sich wohl der Kreis.

Die Husumer haben ganz eigene Promis:

Wer ist den Husumern als Berühmtheit am meisten im Gedächtnis geblieben? Die Husumer Nachrichten haben nachgefragt. Bei einer Umfrage auf der Straße ist Theodor Storm der spontane Schnellschuss der meisten. „Nissen, der Ausgewanderte“, fällt der neu zugezogenen Husumerin Monika Schneeweiß noch ein. „Da müsste ich länger drüber nachdenken“, ist die Antwort von  Astrid Torno.

Gesagt, getan: Eine zweite Umfrage auf Facebook gibt den Antwortenden etwas Bedenkzeit – und bringt die Husumer zum  Schwelgen – „Ach ja, weißt du noch“, „Den kenne ich auch noch!“

 

„Zeugnisabschlussfeiern – vor den Sommerferien haben wir HTS-ler uns immer im Schlosspark getroffen. Hoch der Aldi-Spumante-Sekt und: Immer wachsam, ob Willi um die Ecke kommt“, erzählt Kerstin Nilsson mit einem Augenzwinkern vom „Kontaktpolizisten Willi Klabunde“. Er sei immer „freundlich und hilfsbereit“ gewesen, habe es aber besonders auf Fahrradfahrer abgesehen, erinnert sich Nilsson. Wie sich herausstellt, ist Willi Klabunde nur einer von vielen, die das Stadtbild und die Husumer auf ihre eigene Art  geprägt haben.

 „Stine Mett“ – alias Anneline Petersen – ist den meisten in Erinnerung geblieben. Die bekannte und unvergessene Stadtbäuerin hat  mit ihrer unkonventionellen Art Eindruck gemacht, „es aber leider nicht bis nach Hollywood geschafft“, erinnert sich eine Husumerin.

Stadtbäuerin „Stine Mett“.
Foto: Uta Knicia

Stadtbäuerin „Stine Mett“.

Und es fallen noch weitere Namen, die Erinnerungen hervorrufen: der singende Abendblatt-Verteiler Helmut Dreijer zum Beispiel, oder „der schöne Willi“, Anuschka in  der Altstadt und der gröhlende „Inni“.

Storm und Co. haben es vielleicht zu Weltruhm gebracht.   Aber ganz gleich ob „Mofa-Fiete“ oder die schwarzgekleidete „Mausi“: An ihre eigenen Promis erinnern sich die Husumer offenbar genauso gern.

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